«Rücksichtsloses Vorbeirasen»: Hemberger Bevölkerung ärgert sich über Töfffahrer

Lärmende Motorräder verärgern die Bewohner und Landwirte im Toggenburger Berg- und Hügelgebiet. Die Töfffahrer zeigen sich einsichtig.

Ruedi Roth
Merken
Drucken
Teilen
Sonnige Tage animieren zum extensiven Motorradfahren. Bergstrassen sind jedoch keine Rennstrecken.

Sonnige Tage animieren zum extensiven Motorradfahren. Bergstrassen sind jedoch keine Rennstrecken.

Bild: Ruedi Roth

Sind die ersten sonnigen Frühlingstage im Land, werden die Motorräder aus der Garage geholt. Röhrender Motorenklang und starke Beschleunigung empfinden viele Motorradfahrer als puren Adrenalinkick.

Für Anwohner und Landwirte an Passstrassen bedeutet dies, erhöhte Vorsicht wahren. Sie fordern von den Verkehrsteilnehmern mehr Rücksicht.

Die Fahrweise beunruhigt

Die Freizeitbeschäftigung Motorradfahren beginnt jedes Jahr früher. So sehen es viele Anwohnerinnen und Anwohner der Toggenburger Gemeinde Hemberg. Dass der Zustrom von Töfffahrern jährlich mehr wird, gilt für die Hemberger grundsätzlich nicht als Problem. Viel mehr Sorgen bereitet ihnen die Fahrweise der Hobbysportler. Ueli Knöpfel aus Bächli (Hemberg) ärgert sich:

Ueli Knöpfel, Landwirt.

Ueli Knöpfel, Landwirt.

Bild: Ruedi Roth
«Irgendwann habe ich genug. Dieses rücksichtslose Vorbeirasen an meinem Bauernhof ist nicht mehr tolerierbar.»

Sowohl sein landwirtschaftliches Betriebsgebäude als auch das Wohnhaus sind unmittelbar an der Durchgangsstrecke Hemberg–Schwägalp platziert. Für den Landwirt und seine Familie sind die Motorradfahrer zu einem Hassobjekt geworden. «Die Lärmbelastung ist enorm. Aber noch mehr Probleme macht uns die Tempobolzerei verschiedener Töffpiloten», sagt er.

Für Ueli Knöpfel ist das Einführen der Futterernte oder der tägliche Herdentrieb auf der Strasse an gewissen Tagen nur noch mit grösster Vorsicht möglich. Und an Wochenenden mit motorradfreundlichem Wetter wollen Knöpfels lieber weg von Zuhause.

Höchstgeschwindigkeit reduzieren

Schon vor dreissig Jahren haben Ueli Knöpfels Eltern Kontakt mit Behörden, welche für die Sicherheit im Verkehr zuständig sind, aufgenommen. Die Anliegen seien aber immer im Sand verlaufen. Jetzt will der Landwirt einen neuen Versuch wagen und sich mit der Verkehrspolizei des Kantons St.Gallen in Verbindung setzen.

«Ich verstehe schon, dass Töfffahrer das Pilotieren des Motorrads als Spass empfinden. Aber bei vielen von ihnen ist die Rücksicht gegenüber anderen Menschen schlicht nicht vorhanden», fasst der Landwirt die Situation aus seiner Sicht zusammen. Nur zu gerne würde er mit grossen Transparenten seine Missgunst gegenüber den Motorradfahrern veröffentlichen. Dass aber Selbstjustiz nicht zum Ziel führt, ist ihm klar. Er will jetzt einen neuen Anlauf nehmen, um die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf der Strasse bei seinem Hof zu reduzieren.

Interessensgemeinschaft am Stoss

Philipp Sennhauser, Leiter Verkehrspolizei des Kantons St.Gallen, kennt die Anliegen der betroffenen Bevölkerung. Immer häufiger erreichen ihn diesbezügliche E-Mails und Telefonate. Und die Polizei nimmt sich der Problematik an. Seit einigen Jahren existiert im Gebiet am Stoss eine Interessengemeinschaft, welche sich gegen die Belastung durch übermässigen Strassenlärm wehrt.

Philipp Sennhauser, Leiter Verkehrspolizei.

Philipp Sennhauser, Leiter Verkehrspolizei.

Bild: PD

Mit dieser steht Philipp Sennhauser in Kontakt und entsprechende Massnahmen werden umgesetzt. «Die Geschwindigkeits- und Verkehrskontrollen auf dieser Strasse werden jetzt häufiger durchgeführt. Aber es gibt natürlich auch Motorradgruppen, welche die Strecke vor ihrer ‹Rennfahrt› nach Radarkontrollen absuchen», weiss Philipp Sennhauser.

Er weist darauf hin, dass der Personalbestand der Kantonspolizei schlicht zu klein sei, um ständig und überall mobile Radarkontrollen zu tätigen. Trotzdem probiert er, seine Aufgabe zu erfüllen und alle zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen. Philipp Sennhauser will auch das Problem bei Ueli Knöpfels Betrieb inspizieren und nach Möglichkeit Massnahmen einleiten.

Absolute Dezibel-Limite existiert nicht

«Ob ein Motorrad zu laut tönt oder nicht, ist für uns Polizisten vor Ort fast nicht zu kontrollieren», erklärt der Leiter der Verkehrspolizei. «Alle Modelle kommen mit den üblichen, vorhandenen Lautstärken aus ihren Herstellungswerken. Wenn daran nichts verändert wird, kann auch keine Anzeige erstattet werden.»

Zudem betont er, dass keine absolute Dezibel-Limite existiert. Um dies zu ändern, wäre ein politischer Vorstoss nötig und die Vorschriften müssten angepasst werden. Er stellt auch klar, dass der Lärm nicht als Unfallverursacher bezeichnet werden kann. Für Philipp Sennhauser sind verschiedene Faktoren zuständig für die Probleme Lärm und Raserei. Am meisten tadelt er aber die Rücksichtslosigkeit der Motorradfahrer gegenüber der restlichen Bevölkerung.

«Es gibt sehr viele Fahrer, welche ihr Gefährt anstandslos steuern. Aber es gibt eben auch andere. Sie suchen das Risiko und das eigene Erlebnis steht für sie an erster Stelle.»

Motorradfahrer sehen die Probleme

Franz Kuster aus Rapperswil fährt schon seit über 30 Jahren Motorrad. Für ihn und seine Kollegen ist diese Art von Fortbewegung ein Genuss, eine Leidenschaft, welche sie nicht missen wollen. Sie wissen aber auch, dass es nicht wenige Motorradfahrer gibt, welche den Bogen überspannen. «Diese Piloten stellen den Rennfahrer dar und überholen alles, was in den Weg kommt», beschreibt Franz Kuster die Szene. Aus seiner Sicht hat die Anzahl Motorräder auf den Strassen in den letzten Jahren klar zugenommen. «Ja, und es stimmt. Wir Motorradfahrer denken wenig an die Folgen unserer Leidenschaft bei den betroffenen Anwohnern.»

Martin Widmer aus dem Kanton Aargau erklärt: «In dieser Region hat es einige Strecken, welche für sportliche Motorradfahrer geradezu ideal sind.» Er ist sich seiner grenzwertigen Tempofahrten bewusst. Aber er weist darauf hin, dass er mit seinem Töff noch nie in einen Unfall verwickelt war.

Mehr gegenseitige Toleranz erwünscht

Susanne Raschle vom Dorfladen in Bächli kann eine leichte Resignation nicht verbergen. «Die Gesellschaft ist unterschiedlich gefärbt. Und sie hat verschiedene Bedürfnisse. Aber es passt irgendwie nicht, dass ein landwirtschaftlich geprägtes Bergdorf auf diese Weise seine Ruhe verliert.» Sie und andere Anwohner sind enttäuscht über das zunehmende Aufkommen der Motorradszene. Es wäre ihnen angenehm, wenn seitens der Behörden mehr Einschränkungen für die Motorradfahrer verwirklicht würden.

«Wir werden den Zustand wohl so tolerieren müssen. Und wir wünschen uns, dass sich auch die Gegenseite Toleranz und Rücksicht auf die Fahne schreibt.»