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Advents-Serie Folge 15: «Die Ausübung der Religion war eine Privatsache»

Verschiedene Traditionen prägen die Advents- und Weihnachtszeit. Doch nicht in jedem Land und in jeder Familie wird auf die gleiche Weise gefeiert. Im Rahmen dieser Serie erzählen Menschen aus aller Welt ihre persönliche Weihnachtsgeschichte.

Flurina Lüchinger
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Die gebürtige Kroatin Jela Schmid. Im Hintergrund sind die Churfirsten zu sehen. (Bild: Flurina Lüchinger)

Die gebürtige Kroatin Jela Schmid. Im Hintergrund sind die Churfirsten zu sehen. (Bild: Flurina Lüchinger)

Ich bin in Kroatien geboren, das damals noch Jugoslawien war. Weil es ein sozialistischer Staat war, wurde Weihnachten nur privat gefeiert. Der Staat war atheistisch organisiert, und so mussten die Kirchen privat geführt und auch finanziert werden. Die Leute hatten nicht frei an den klassischen Weihnachtstagen. Deshalb war die Mitternachtsmesse am 24. Dezember immer sehr gut besucht, weil da fast alle Gläubigen nicht arbeiten mussten und so Zeit hatten.

Ich bin katholisch aufgewachsen. Es gibt in Kroatien aber auch orthodoxe Christen. Richtig gefeiert wurde erst am 25. Dezember. Der 24. Dezember war eher ein Fastentag. Der Weihnachtstag begann immer damit, dass die kleineren Kinder früh aufgestanden sind und bei den bekannten und verwandten Nachbaren an die Türe geklopft haben, um als Gegenleistung für ein Gedicht oder ein Liedchen kleine Geschenke abzuholen. Die Leute gaben, was sie hatten, denn man lebte bescheiden.

Zur Person

Jela Schmid, Jahrgang 1960, ist in Kroatien an der Grenze zu Bosnien aufgewachsen. Sie lebt seit dreissig Jahren in der Schweiz. Heute wohnt sie in Wildhaus. Sie ist in der Gastronomie tätig. Mit ihrem Mann Richard Schmid hat sie eine Tochter. (fll)

Wieder einmal ein bisschen mehr essen

Am Tag wurde mit der ganzen Familie gefeiert. Bei uns zu Hause gab es oft eine Gans oder ein Spanferkel zum Essen. Das Spezielle an Weihnachten war, dass die Leute, auch wenn sie nicht viel hatten, wieder einmal ein bisschen mehr und ein bisschen festlicher gegessen und gelebt haben. Eine Nikolaus-Tradition gab es ebenfalls. Die ist ähnlich wie hier. Der Nikolaus hat ein rotes Gewand. Am Abend des 5. Dezembers stellte man einen Stiefel auf die Fensterbank und am nächsten Morgen war er gefüllt.

Zudem kam in der Adventszeit der Pfarrer und segnete, ähnlich wie die Sternsinger hier, das ganze Haus. Entlohnt wurde er mit etwas Essbarem. Dekoration vom Staat gab es zwar nicht für Weihnachten aber anlässlich des Neujahrs. Silvester war in Jugoslawien ein Feiertag. Weil die Dekoration meistens aber schon früh aufgehängt wurde, hat sie für uns auch ein bisschen als Weihnachtsdekoration gegolten.

Eine bescheidene Tradition

Zuhause hat man auch geschmückt aber viel mehr mit Grünzeug als mit kommerziellem Schmuck. Eine Tradition, die auch von den bescheidenen Verhältnissen herauskommt, pflege ich heute noch. Weil man nicht so viel Baumschmuck hatte, hängte man einfach alle Weihnachtskärtchen an den Christbaum. Ich finde das immer noch viel schöner, als wenn die Karten einfach auf einem Stapel liegen und sie niemand sieht.

In die Schweiz gekommen bin ich 1986. Seit da war ich an Weihnachten nie mehr in Kroatien. Wir haben immer hier gefeiert im kleinen Familienrahmen. Eine Weile führten mein Mann und ich ein Restaurant. Da haben wir uns jeweils den 24. freigehalten, um mit unserer Tochter zu feiern. Am 25. und am 26. wurde gearbeitet. Heute arbeite ich immer noch in der Gastronomie und ich halte mir jeweils den 24. und den 25. frei. Am 24. feiern wir mit unserer Tochter zu dritt, und am 25. kommen die Söhne aus erster Ehe von meinem Mann mit ihren Familien zu uns.

Alle Folgen der Advents-Serie finden Sie hier