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Networking mit Karten: Diese Lichtensteiger treffen sich jeden Tag zum Jass

Seit bald 40 Jahren treffen sich Gewerbler und Handwerker jeden Wochentag in Lichtensteig auf einen Jass. Einer der letzen Mitspieler aus der Gruppe ist Rolf Geiger. Ursprünglich ging es um mehr als nur um Kaffee und Kartenspiele.
Sascha Erni
Was auf dem Jassteppich wie eine unterhaltende Pause vom Arbeitsalltag aussieht, war mal als Vernetzung und Austausch gedacht. (Bild: Sascha Erni)

Was auf dem Jassteppich wie eine unterhaltende Pause vom Arbeitsalltag aussieht, war mal als Vernetzung und Austausch gedacht. (Bild: Sascha Erni)

Es ist acht Uhr fünfundfünfzig. Rolf Geiger ist heute der erste, der sich im Café Huber an den Tisch mit dem Jass-Teppich gesetzt hat. «Gestern im ‹Ochsen› waren wir nur zu zweit, die anderen gingen Ski fahren», erklärt Geiger. Auch wenn die Tradition des Lichtensteiger Kafi-Jasses schon Jahrzehnte alt ist, gehen die verbliebenen Mitglieder der Gruppe ungezwungen und ohne Druck damit um. Wer kann, kommt. Wenn nicht, dann nicht.

Jeden Wochentag um 9 Uhr klopft Rolf Geiger mit seinen Kollegen in Lichtensteig einen Jass. (Bild: Sascha Erni)

Jeden Wochentag um 9 Uhr klopft Rolf Geiger mit seinen Kollegen in Lichtensteig einen Jass. (Bild: Sascha Erni)

Pünktlich um neun Uhr sitzen auch Geigers Kollegen am Tisch, das Spiel beginnt. Die nächste halbe Stunde werden sich die Männer über den Alltag, das Geschäft oder die Vereine unterhalten. Auch wird viel gelacht werden. Die Jasser kennen sich schon lange.

Eine Möglichkeit der Vernetzung

«Wir sind eigentlich schon die zweite Generation der Kafi-Jasser», schmunzelt der 70-jährige Rolf Geiger. Angefangen hat alles in den frühen 80er-Jahren. Rico Modesti, heute Wirt im Wattwiler Restaurant Adler, kam auf die Idee, den verschiedenen Gewerbetreibenden und Handwerkern eine tägliche Plattform zu bieten. Geiger, damals noch Filialleiter des Büros Sturzenegger, stiess 1984 zur Runde. Er erinnert sich:

«Als frisch Zugezogener war das eine Möglichkeit, mich mit anderen zu vernetzen und im Städtli Lichtensteig Fuss zu fassen.»

Für ihn ist es aufgegangen: Rolf Geiger hatte über die Jahrzehnte verschiedene Funktionen in Lichtensteig inne, vom stellvertretenden Feuerwehrkommandanten über den Schulratspräsidenten bis zum Mitglied des Ortsbürgerrats.

Rico Modestis Idee war einerseits, dass sich die Männer täglich zu einer festen Zeit treffen sollen. Das Jassen bot sich als niederschwelliger Zugang an, denn in jedem der vielen Lichtensteiger Lokale gab es Kartenspiele. Die Cafés und Restaurants sollten der Fairness halber aber im Turnus wechseln, denn es ging schlussendlich auch um einen ordentlichen Batzen in deren Kassen. Zu Spitzenzeiten hatte die lose Gruppe fünfzehn Kernmitglieder, ein attraktives Einkommen für die Beizer. So besuchten die Kafi-Jasser jeden Tag ein anderes Lokal: den «Pfauen», das «Schäfli», die «Traube», den «Bären», den «Ochsen», das «Kreuz», das «Huber», die «Braustube» und so weiter. Bei weitem nicht alle Mitglieder arbeiteten in Lichtensteig. «Aber in der Pause ging man halt in die Stadt», lacht Geiger.

Früher besuchten die Kafi-Jasser jeden Tag ein anderes Lokal. (Bild: Sascha Erni)

Früher besuchten die Kafi-Jasser jeden Tag ein anderes Lokal. (Bild: Sascha Erni)

Vereinfachte Kommunikation für Gewerbler

Nach genau einer Viertelstunde an diesem Vormittag sind die Hälfte der vorgesehenen Partien gespielt. Für Aussenstehende sieht es so aus, als würden die Kafi-Jasser sich treffen, um mal abzuschalten und eine halbe Stunde nicht an die Arbeit denken zu müssen, während sie routiniert ihren Differenzler spielen. Aber das genaue Gegenteil ist der Grund dafür, dass der Kafi-Jass überhaupt ins Leben gerufen wurde. «Das Gewerbe redet miteinander», erklärt Geiger.

«Damals war es wie ein Ersatz fürs Natel.»

Handys gab es nicht, das Telefon stand in der Werkstatt. Beim Kafi-Jass jedoch trafen sich täglich Baumeister, Elektriker, Landschaftsgärtner und Versicherungsfachleute. «Es war jedem bekannt, in welchem Lokal man sich an welchem Tag treffen wird. Man konnte so einerseits neue Kontakte knüpfen, etwa, wenn man einen Schreiner brauchte. Andererseits erledigte man auch gleich die Terminplanung oder klärte diskret Probleme, die es auf einer Baustelle gab.» Hatte man etwa eine Kritik an den Plänen des Architekten, dann rief man nicht an und hinterliess eine Nachricht. Sondern hoffte darauf, dass er am nächsten Tag, im nächsten Lokal, persönlich zum Jass anwesend sein würde.

Pünktlich um 9.30 Uhr ist die letzte Partie zu Ende. Überzogen wird nie. (Bild: Sascha Erni)

Pünktlich um 9.30 Uhr ist die letzte Partie zu Ende. Überzogen wird nie. (Bild: Sascha Erni)

Auf eine Antwort am Folgetag mag kaum noch jemand warten

Dieser Nutzen des Kafi-Jasses, die Kommunikation unter den Beteiligten zu vereinfachen, hat mit dem Aufkommen von Mobiltelefonen und Smartphone an Bedeutung verloren. Auch heute klingelt es immer wieder am Tisch, Kundenanfragen und Terminkollisionen bedürfen der sofortigen Klärung. Auf eine Antwort am Folgetag mag heute kaum noch jemand warten. Über die Jahre schrumpfte die Spielrunde, das Jassen selbst trat stärker in den Vordergrund und verdrängte das Kommunikative. Auch veränderte sich die Gewerbelandschaft. Statt unzähliger kleiner Baugewerbe gibt es vermehrt grössere Betriebe, die in einem weiter reichenden Einzugsgebiet arbeiten. Wenn man einen Auftrag in Zürich hat, fährt man nicht um neun Uhr kurz nach Lichtensteig. Der Strukturwandel in der Branche zeigt sich also sehr direkt auch am Jass-Tisch.

Pünktlich um neun Uhr dreissig ist die letzte Partie gespielt, der Verlierer verlangt nach der Rechnung. Die anderen bedanken sich für die Einladung und schlüpfen in ihre Arbeitsjacken. «Die Pausenzeiten wurden immer strikte eingehalten, sonst hätte sich der Kafi-Jass nicht so lange halten können. Wir verhocken eigentlich nie», erklärt Rolf Geiger. Dann lacht er.

«Ausser vielleicht, wenn gerade eine Bundesratswahl läuft.»

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