«Die Alten verlassen das Tal, die Jungen gehen weg» – Dorfrundgang gegen die Abwanderung

Stete Abwanderung beschäftigt das Neckertal. Die Arbeitsgruppe Infrastruktur will mit dem Projekt «Lebensraum Neckertal» diesen Trend stoppen.

Urs M. Hemm
Merken
Drucken
Teilen
Martin Karrer hofft auf einen Erfolg des Projekts «Lebensraum Neckertal». (Bild: Urs M. Hemm)

Martin Karrer hofft auf einen Erfolg des Projekts «Lebensraum Neckertal». (Bild: Urs M. Hemm)

Welche Wohnformen und Wohnangebote fehlen? Wo gibt es Defizite in der Versorgung? Wie kann die Lebensqualität erhöht werden? Unter anderem mit solchen Fragen beschäftigte sich die Arbeitsgruppe Infrastruktur der Kommission Gesundheit, Prävention und Alter in den vergangenen Monaten. Von den ursprünglich 15 Mitgliedern der Gruppe Infrastruktur sind noch Martin Karrer und Lisa Brunner (beide Brunnadern) sowie Dominik Flück, Gemeinderat Schönengrund AR, übrig.

Als erstes Projekt organisiert die Gruppe unter dem Label «Lebensraum Neckertal» Dorfrundgänge, welche die Talbevölkerung näher zusammenbringen und Bindungen herstellen sollen. Der erste Rundgang wird am 20. Oktober durchgeführt.

Erster Rundgang

Dorfrundgang in Necker, Samstag, 20. Oktober, Treffpunkt: 9 Uhr beim Bahnviadukt im obersten Dorfteil. Der Rundgang findet bei jeder Witterung statt.

Wenig Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen

«Wir haben verschiedene Bedürfnisse festgestellt, die im Neckertal nicht ausreichend erfüllt werden und zur Abwanderung führen können», sagt Martin Karrer, Mitglied der Arbeitsgruppe. Bezüglich Abwanderung sind im Zuge der Aufarbeitung der Themen besonders zwei Gruppen aufgefallen: junge Erwachsene und Menschen im Pensionsalter mit Einfamilienhäusern. So fehlten im Tal Wohnungen mit qualitativ hohem Standard für ehemalige Besitzer von Einfamilienhäusern an dem Ort, wo sie meist während vieler Jahre gelebt haben. Zudem gebe es kaum moderne Wohnungen für junge Erwachsene.

«Auf diese Defizite können wir zwar aufmerksam machen, daran ändern können wir aber nichts», sagt Karrer, weil der Wohnungsbau zum grössten Teil in privater Hand liege. Ebenso wenig Einfluss hätten sie auf Einkaufsmöglichkeiten in den Dörfern, auf die Gastronomie, sprich auf Restaurants und Cafés oder auf Angebote des öffentlichen Verkehrs. «Damit wollten wir uns aber nicht zufriedengeben und konzentrierten uns mehr auf die Infrastruktur, welche das Knüpfen von sozialen Kontakten über die Dorfgrenze hinaus fördert», sagt Martin Karrer.

Soziale Entwicklung der Dörfer beleuchten

So sei die Idee der Dorfrundgänge entstanden. Gestartet wird in Necker, weitere Rundgänge sind aber noch in anderen Dörfern geplant. Die Hoffnung der Arbeitsgruppe ist, dass sich auch Bewohner anderer Dörfer für dieses Angebot interessieren. «Der Schwerpunkt der Rundgänge wird nicht die Architektur, sondern das soziale Leben sein.» Durch Hausbesuche soll ein Blick hinter die Kulissen ermöglicht, und damit Verständnis gefördert werden.

Für Informationen und Hintergründe zur geschichtlichen Entwicklung, aber auch zur Gegenwart von Necker hätten zwei Dorf-Urgesteine gewonnen werden können, wie Martin Karrer ausführt. «Wir hoffen, dass so im besten Fall Freundschaften entstehen können, welche die Menschen hier im Tal halten.» Denn, eine ideale Wohnsituation sei für eine hohe Lebensqualität sicherlich wichtig. Aber soziale Bindungen würden mindestens ebenso so schwer wiegen und den Entscheid, aus dem Neckertal wegzuziehen, beeinflussen.

Aktualisierung des Gesundheitskonzepts

Entstanden war die Arbeitsgruppe Infrastruktur im Rahmen eines Workshops der Kommission Gesundheit, Prävention und Alter der Gemeinde Neckertal, unter Einbezug der Nachbargemeinden Hemberg, Oberhelfenschwil und Schönengrund AR. Das Ziel war, das Gesundheits- und Generationenkonzept Neckertal zu überprüfen und wo nötig auf den neusten Stand zu bringen. Ein zentrales Thema war die Abwanderung. Workshopleiter Peter Bünzli, Gemeinderat Neckertal, eröffnete den Anlass mit den Worten «Die Alten verlassen das Tal, die Jungen gehen weg.»