Der Wunderdoktor aus dem Toggenburg: Als die Kranken in Scharen zum Naturheiler Hugentobler nach St. Peterzell strömten

Noch immer finden Naturheilmittel Verwendung in der Medizin. Jakob Hugentobler schuf sich um die Wende zum 20. Jahrhundert einen Ruf als Meister seines Fachs. Seinetwegen kamen die Patienten von weit her nach St. Peterzell.

Fabian Brändle
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Auch in der modernen Medizin spielen Naturheilmittel eine Rolle.

Auch in der modernen Medizin spielen Naturheilmittel eine Rolle.

Bild: Fotolia

«Naturarzt HFP» ist heutzutage ein geschützter Titel und erfordert eine mehrjährige Ausbildung, die von mehreren Schulen in der Schweiz angeboten wird. Das war nicht immer so.

Zu Zeiten, als die Schulmedizin oft keinen Rat zur Heilung wusste und wirksame Medikamente, zum Beispiel Antibiotika, noch nicht erfunden waren, versuchten sich auch im Neckertal Heilerinnen und Heiler an den Körpern der ungeduldigen Patienten.

Naturärzte sind freilich nicht verschwunden. Noch heute verbuchen sie so manchen heilerischen Erfolg. Einer von ihnen hiess Jakob Hugentobler und praktizierte finanziell erfolgreich um die Wende zum 20. Jahrhundert in St. Peterzell.

Patienten wurden zum Doktor chauffiert

Der «Wunderdoktor» Hugentobler hatte Zulauf von nah und fern, zumal nach Eröffnung der Bodensee-Toggenburg Bahn. Ab dem Jahr 1916 fuhr sogar ein privates frühes Transportautomobil ab der Station Brunnandern-Neckertal bis nach St. Peterzell, so rege war die Besucherfrequenz auch aus dem Raum Zürich-Baden.

Das Motorfahrzeug hatte Vollgummireifen, hölzerne Radspeichen und längs platzierte hölzerne Bänke. Der Wagenführer Oberholzer besass einen entsprechenden Fähigkeitsausweis. Kondukteur Kaufmann war für das Ein- und Aussteigen verantwortlich und verscheuchte jene frechen einheimischen Knaben, die auf dem Trittbrett mitfahren wollten.

Das Fahrzeug erreichte eine bescheidene Höchstgeschwindigkeit von zirka 20 Stundenkilometern und wurde ab 1919 vom Postautodienst der PTT abgelöst.

Hugentobler war für viele Kranke die letzte Hoffnung

Die Praxis Hugentoblers befand sich neben einem Wirtshaus am Dorfplatz. Dort war ein Kommen und Gehen. Auch vornehme Kutschen oder Chaisen hielten am Dorfplatz. Ihnen entstiegen oft Kranke mit schmerzverzerrten, gezeichneten Gesichtern.

Hugentobler war ihre letzte Hoffnung, nachdem sie erfolglos bei Schulärzten um Hilfe ersucht und «herumgedoktert» hatten. Der zeitweilige Patientenandrang erforderte eine Nummernabgabe am Hauseingang.

Nur so konnte die korrekte Reihenfolge gewährleistet werden. Das Dorf St. Peterzell profitierte von den vielen Patientinnen und Patienten, die in den Wirtshäusern assen und manchmal auch übernachteten.

Ein Meister des Zuhörens

Hugentobler hörte sich die Krankengeschichten geduldig an. Er war ein Meister des Zuhörens, ein richtiger Psychologe. Vielleicht half das schon dem ein oder anderen verzweifelten Patienten weiter.

Hugentobler hakte nach und stellte Fragen über die Lebensgewohnheiten und die familiären Verhältnisse. Als Person erweckte der
St. Peterzeller «Wunderdoktor» Vertrauen. Er sprach bedächtig, väterlich, und sein Blick drückte Weisheit aus.

Die verordneten Heilmittel konnten in Drogerien und Apotheken bezogen werden. Hugentobler verfügte aber auch selbst über ein ganzes Arsenal an verschiedenen Heilmitteln, Salben, Tees und Verbandsstoffen.

Schwere Fälle, etwa Knochenbrüche, wies er an Krankenhäuser weiter. Gegen Magenschmerzen empfahl der Naturarzt beispielsweise die Einnahme von schwarzen Schnecken. Das war ein altes volksmedizinisches Heilmittel.

Sogar Kühe wurden behandelt

Landwirte berichteten auch über die erfolgreiche Behandlung von Kühen. Hugentober war also ein Allrounder. Gegen die Blähvölle der Kühe empfahl er etwas Petrol in lauwarmem Wasser verdünnt. Ob das wohl half?

Gegen rheumatische Schmerzen der Menschen empfahl Hugentobler jedenfalls warme Heublumenumschläge, ein Mittel, das noch heute angewendet wird. Zudem sollten die schmerzenden Stellen mit Franzbranntwein eingerieben werden.

Die Rezepte mögen sich verändert haben, manches kommt einem doch noch als «Hausmittel» bekannt vor. Hugentobler konnte jedenfalls auch streng sein: Er legte grossen Wert darauf, dass seine Mittel auch eingenommen wurden.

Im Jahre 1910 musste sich Jakob Hugentobler vor Bezirksgericht verantworten. Er wurde zu einer Busse von 50 Franken verurteilt, dies zum Verdruss so mancher Patientinnen und Patienten, wie Dankesschreiben bezeugen. Hugentobler hatte scheinbar dort geholfen, wo die Wissenschaft versagt hatte.