Interview

Der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner kämpft für das Spital: «Standort Wattwil lässt sich auf Kurs bringen»

Die Zukunft des Spitals Wattwil ist ungewiss. Dabei liessen sich die Finanzen in Ordnung bringen, findet Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner. Ohnehin könne man auf das Spital in der Region nicht verzichten.

Ruben Schönenberger
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Wie lange scheint über dem Spital Wattwil noch die Sonne?

Wie lange scheint über dem Spital Wattwil noch die Sonne? 

Bilder: Mareycke Frehner

Seit die unsichere Zukunft des Spitals Wattwil bekannt ist, kämpft Alois Gunzenreiner gegen die Pläne des Verwaltungsrats der Spitalverbunde und der Regierung. Der Gemeindepräsident will dabei nicht Standorte gegeneinander ausspielen, sondern die Notwendigkeit des Standorts Wattwil aufzeigen. Er sieht aber auch die Zukunft des Spitals Wil gefährdet.

Mehr als vier Millionen Franken Defizit hat das Spital Wattwil gemäss dem Verwaltungsrat der Spitalverbunde alleine im vergangenen Jahr geschrieben. Diese Zahlen müssen Ihnen zu denken geben.

Alois Gunzenreiner: Bis anhin hiess es, dass es diese Zahlen pro Standort gar nicht gebe. Jetzt hat man sie plötzlich als konstruierte «Annäherungswerte». Was soll ich davon halten?

Wie soll ich denn diese Zahl jetzt glauben?

Egal, ob sie positiv oder negativ ist. Hinzu kommt: Im Rahmen der Gespräche mit uns sind zweimal Tabellen aufgetaucht, in denen dem Standort Wattwil die Geburtenabteilung, die es längst nicht mehr gibt, belastet wurde. Dieser Fehler wurde in einer Interpellationsantwort der Regierung bestätigt. Sind diese Summen ein drittes Mal dabei? Ich weiss es nicht.

Angenommen, die Zahlen stimmen: Wie interpretieren Sie diese?

Die Betrachtung geht über die Jahre 2016 bis 2018. Im ersten Jahr wurde der alte Bettentrakt abgebrochen, also wegen der Baustelle das Angebot reduziert. Die Bauphase dauerte bis Mitte 2018. Dann ging die Verunsicherung los, mit dem Fakten schaffen durch den Verwaltungsrat bis hin zum Baustopp. Das alles bedeutet Mindererträge und Mehraufwände. Und jetzt will man uns verkaufen, am Spital wurde schlecht gewirtschaftet. Es ist davon auszugehen, dass 2018 etwa die Hälfte effektives Betriebsdefizit ist. So wie im Jahr davor. Die andere Hälfte entfällt auf Abschreibungen, etwa für den Neubau.

Auch zwei Millionen wären noch ein stattliches Defizit.

In Zusammenhang mit der Schliessung des OP wurde vorgerechnet, etwa 1,5 Millionen einsparen zu können. Dann ist es ja eigentlich gelaufen. Oder anders gesagt:

Der Standort Wattwil lässt sich betrieblich betrachtet auf Kurs bringen.

Darüber hinaus schlägt die Regierung bei ihrer Lösung selber vor, einen Beitrag von 1,25 Millionen Franken zu sprechen für gemeinwirtschaftliche Leistungen und Vorhalteleistungen.

Das Defizit ist kein Grund für eine Schliessung, weil es erklärbar und behebbar ist?

Es ist aufgrund der Gegebenheit ohnehin davon auszugehen, dass die Zahl tendenziell kleiner ist. Der «Annäherungswert» wurde kaum zu Gunsten von Wattwil festgelegt. So oder so geht es versorgungstechnisch ohne das Spital Wattwil nicht. Ein allfälliges Defizit durch die Schliessung aufzuheben, wäre sowieso keine gangbare Lösung.

Worin sehen Sie diese Notwendigkeit begründet?

Wir weisen seit eineinhalb Jahren mit unserer Karte auf die tatsächlichen Verhältnisse hin, mit der wir auch die spezielle Situation des Toggenburgs aufzeigen wollten. Wir haben im nördlichen Kantonsteil eine sehr gute Versorgung. Dort liegt auch ein Bevölkerungsschwerpunkt, das ist so. Aber wir haben dort ein Überangebot an öffentlichen und privaten Spitälern. Im Toggenburg stellt sich die Situation ganz anders dar. Wir haben völlig andere Voraussetzungen bei der Verkehrsinfrastruktur.

Wir sind nicht schnell irgendwo, da ändern auch die beiden Umfahrungsstrassen nichts daran.

Und auch bei den Ärzten ist die Situation anders. Uns droht ein Versorgungsnotstand, weil sich die Situation mit anstehenden Pensionierungen noch verschärft. Dabei hätten Kanton und Gemeinden eigentlich den Auftrag, die Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Und im Kanton St.Gallen ist das eigentlich dezentral vorgesehen.

Es wäre durchaus denkbar, dass sich der Kanton von dezentralen Grundsatz verabschiedet.

Ein solcher Paradigmenwechsel wäre aber gegen Verfassung und Gesetz.

Auch die sind nicht in Stein gemeisselt.

Natürlich nicht, aber dann soll der Staat den demokratischen Weg einschlagen und die Bürgerinnen und Bürger fragen. Das kann nicht ein Verwaltungsrat in eigener Regie herbeischaffen, indem er in massiver Art und Weise Fakten schafft, indem Betriebe ausgeblutet werden, indem Betriebe an die Wand gefahren werden. Auch die Regierung kann es nicht in eigener Regie machen. Man muss immer wieder drauf aufmerksam machen: Wir haben 2014 abgestimmt, dass wir fünf Spitäler erneuern.

Wenn man eine Form der dezentralen Gesundheitsversorgung als zwingend erachtet, warum reicht ein Gesundheits- und Notfallzentrum (GNZ) nicht aus?

20 bis 25 Personen sollen für einen Betrieb rund um die Uhr und an sieben Tagen reichen. Das reduziert die maximale gleichzeitige Präsenz auf sechs bis acht Leute. Das ist eine bessere Hausarztpraxis. Schon jetzt steht die Behauptung im Raum, das Spital Wattwil sei zu klein, um gute Ärzte anstellen und die Qualität hochhalten zu können. Das würde bei einem GNZ ja noch verstärkt.

Man würde also Ihrer Ansicht nach kein gutes Personal für den Betrieb finden?

Wenn man sagt, mit einem Spitalbetrieb wie jetzt hat man schon Probleme, wie soll es dann mit einem geschrumpften Betrieb gehen?

Die Gemeinde Wattwil und die Spitalkonferenz der St.Galler Gemeinden mit den MedPlus-Spitälern haben eigene Modelle eingebracht. Der Grundunterschied zu den GNZ ist das Beibehalten einer stationären Abteilung. Die Zusatzangebote der beiden Modelle wären grundsätzlich auch im GNZ möglich. Würde die Grösse dieser Modelle denn ausreichen, um die Betriebe wirtschaftlich zu führen?

Alois Gunzenreiner, Gemeindepräsident von Wattwil.

Alois Gunzenreiner, Gemeindepräsident von Wattwil.

Bild: Benjamin Manser

Wenn es so wäre, dass Grösse alleine das Mass der Dinge ist, dann gäbe es praktisch keine privaten Kliniken. Denn die sind meistens kleiner. Wenn die Grösse das Mass der Dinge wäre, dann würde 80 Prozent der Schweizer Firmenlandschaft nicht funktionieren. Aber es ist einfach nicht so. Am Schluss stehen die Fragen, was das Angebot ist, wer der Kundenkreis ist, wie man organisiert ist und wie die Kostensituation ausschaut.

Privatkliniken wirft man oft vor, sie würden Rosinen picken und nur lukrative Behandlungen anbieten. Öffentliche Spitäler müssten aber ein viel breiteres Angebot abdecken.

Man kann die Thematik auch umgekehrt anschauen. Wenn man sagt, die Privaten nehmen sich das raus, wo man etwas verdient, kann man auch fragen, warum es die öffentlichen Spitäler nicht schaffen, diese Bereiche zu halten. Warum sind denn beispielsweise so viele Behandlungen des Bewegungsapparates nicht mehr bei den Öffentlichen?

Wie erklären Sie sich das?

Vermutlich stimmt etwas im Prozess und in den Ergebnissen nicht. Anscheinend können die Privaten den Zuweisern und den Patientinnen und Patienten vermitteln, dass sie das bessere Angebot haben.

Ein weiteres Problem beim Wattwiler Modell sieht der Kanton in der Stiftungsform beziehungsweise beim damit verbundenen Risiko.

Die Stiftung wäre nur Liegenschaftsbesitzerin, nicht Leistungserbringerin. Das wären die Mieter. Die Stiftung hätte als einziges Risiko den Leerstand. Was hat der Kanton denn, wenn die Liegenschaft der Spitalanlagegesellschaft gehört und sie keinen Nachnutzer findet? Genau das Gleiche.

Wir wissen nicht, was bei einer Stiftung aus Sicht des Kantons das Problem ist.

Das Kinderspital ist auch eine Stiftung. Was aber gelaufen ist, beweist uns, wo die Ressentiments liegen. Die Gespräche mit einem möglichen Partner, den wir gebracht haben und der immer noch bereitsteht, waren relativ schnell erledigt. Weil man von Seiten des Kantons nicht will. Man sagt, dass es eine Konkurrenz wäre.

Weil die Patientenströme dann ja auch aus den kantonalen Strukturen rausliefen.

Aber dann wurde die ganze Übung aus einem ganz anderen Grund aufgegleist, als gesagt wird. Jedenfalls nicht wegen der Qualität der Versorgung. Gemäss einer nationalen Umfrage der Vereinigung der Regionalspitäler bevorzugen 82 Prozent der Bevölkerung eine wohnortsnahe Grundversorgung und 94 Prozent eine sichere Notfallversorgung.

Die Patientenströme machen auch an Kantonsgrenzen nicht halt. Könnte das zu einem Vorteil von Wil werden, weil das Einzugsgebiet in den Thurgau reicht?

Wenn es um das Angebot und die Qualität geht, warum soll dann das Spital Wil gegen Winterthur, Frauenfeld und St.Gallen bestehen können? Da müssten die drei Grossen ganz viel falsch machen. Und wenn wir davon ausgehen, dass der Trend, den man dieser Übung zugrunde gelegt hat, über die nächsten 15, 20 Jahre so weitergeht, dann braucht es in Wil keinen Spitalneubau. Weil die anderen drei ganz sicher bleiben. Das sind drei Kantonsspitäler, Vollversorger, für den jeweiligen Kanton unverhandelbar.

Sie sagen also, die Patienten, die jetzt nach Wil gehen, können sich gut neu orientieren. Jene, die nach Wattwil gehen, aber nicht?

Der Verwaltungsrat will langfristig nur noch das Kantonsspital St.Gallen. Die jetzt geplanten vier Standorte verbleiben nur aus politischen Überlegungen. Man muss in dieser Dimension denken. Dann muss man wirklich zum Schluss kommen, dass eine Schliessung in Wattwil nicht möglich ist. Es ist eben doch so, dass die Erreichbarkeiten nicht mehr gegeben wären und es in Wattwil ein Kleinspital braucht, um die Grundversorgung sicherzustellen. Mit ein, zwei Spezialitäten, mit grösserem Einzugsgebiet, die den Betrieb mittragen.

Wenn irgendwann das Spital Wil auch geschlossen wurde und es nur noch das Kantonsspital gibt, braucht man Wattwil, deshalb sollte man es besser gleich belassen?

Genau. Das zeigt übrigens eine Studie der PWC aus dem Jahre 2018, auf die wir seit langem hinweisen. Den Zwischenschritt, Wil auszubauen, muss man nicht machen. Die Regierung sagt ja selber, dass es nicht nachhaltig wirtschaftlich zu betreiben ist. Welcher Unternehmer würde eine Zwischenlösung in diesen Dimensionen aufbauen, wenn er weiss, dass diese sowieso nicht funktioniert. Wir reden hier gemäss Regierung von 170 Millionen Franken, was eher mehr werden dürfte, bis es so weit ist.

Um in Wattwil etwas zu erhalten, setzen Sie gleich auf zwei Möglichkeiten. Worin unterscheiden sich das Wattwiler Modell und die MedPlus-Spitäler?

Die sind nicht so wahnsinnig verschieden. Die Verselbstständigung mit der Stiftung im Wattwiler Modell ist der grösste Unterschied. Das Leistungsangebot ist identisch. Die MedPlus-Spitäler wären weiterhin öffentlich. Mit dem könnten wir gut leben. Uns geht es um eine funktionstüchtige Versorgung.

Die Stiftung im Wattwiler Modell würde nur als Vermieterin auftreten. Angeboten würde nur, wofür sich Mieter finden liessen. Das funktioniert?

Am Schluss hat man das Angebot, das bedarfsgerecht ist. Das muss sich einpendeln. Ein Arzt, der eine Disziplin anbietet, die man eher selten braucht, macht vielleicht nur eingeschränkt hier Dienst.

Ob MedPlus oder das Wattwiler Modell: Wie will man dahin kommen?

Da gibt’s drei Ebenen. Die eine ist die, über die man nicht spricht. Die zweite ist die, die auf der Hand liegt. Dass man die Leute überzeugen will, die am Schluss entscheiden. Die dritte ist die spontane. Man kann nicht jede Entwicklung vorhersehen. Es ist ja letztendlich auch massgebend, was die Regierung jetzt bringt. Es hat ja viele Vernehmlassungsantworten gegeben. Die, die öffentlich wurden, sind in der Mehrheit kritisch.

Sie haben also noch geheime Aktionen in Planung?

Da kann ich nichts dazu sagen, aber öffentlichkeitswirksame Massnahmen muss man in der Hinterhand haben.

Von der Vernehmlassung versprechen Sie sich nicht viel?

Angesichts der Ereignisse tut man gut daran, sich mental darauf vorzubereiten, ja. Danach kommt das Geschäft ins Parlament und in die üblichen Abläufe. Es ist jetzt Zeit, aus übergeordneter Sicht und an die Versorgungssicherheit der Bevölkerung zu denken.

Im Parlament werden Sie weibeln.

Es gibt eine vorberatende Kommission, die Mitglieder sind bekannt. Dann gibt es in jeder Region Ansprechpartner, relevante Gruppierungen wie die Ärzte oder Regionsorganisationen und Parteien.

Dabei dürfte auch der Kampf zwischen Wil und Wattwil Thema sein. Die einzige Partei, die sich hier bisher exponiert hat, ist die SVP. Sie zieht Wattwil Wil vor. Kommt Ihnen das gelegen?

Am Schluss ist es ein Votum, das vermutlich schon in breiteren Kreisen gediehen ist. Mir sagen das auch Leute aus Wil, sie können verzichten, weil sie in 20 Minuten in drei Kantonsspitälern sind. Wir hatten nie die Absicht, zwei Standorte gegeneinander auszuspielen. Wir haben alles gemacht, um uns konstruktiv einzubringen. Wir haben immer wieder, um den Kreis zu schliessen, auf den entscheidenden Punkt, nämlich die Versorgungssituation im Toggenburg, hingewiesen. Der Vorwurf trifft jene, die das so aufgegleist haben.

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