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Freispruch vor dem Kreisgericht Toggenburg nach Wohnungsbrand: Der Schreck bleibt eingebrannt

Eine Frau musste sich vor dem Einzelrichter verantworten, weil in ihrer Wohnung ein Brand ausgebrochen war. Angeblich, weil die Frau eine Kerze nicht ausgelöscht habe. Die Schuld konnte ihr nicht zweifelsfrei angelastet werden.
Sabine Camedda
Es blieb unklar, ob die Kerze in der Laterne den Brand verursacht hat. (Bild: Keystone/Mascha Brichta)

Es blieb unklar, ob die Kerze in der Laterne den Brand verursacht hat. (Bild: Keystone/Mascha Brichta)

Die Situation kommt jeden Tag wohl tausendfach vor: Eine Person zündet eine Kerze an, die sie zur Dekoration in der Wohnung aufgestellt hat. Im Fall, der vergangene Woche vor dem Kreisgericht Lichtensteig verhandelt wurde, hat das eine Frau getan.

Diese Kerze stand in einer Laterne, auf Holzschnitzel gebettet, die sie zuvor nass gemacht hat, wie sie gegenüber dem Richter sagte. Die Laterne wiederum war auf einer Holzkommode im Wintergarten platziert. «Die Kerze war schon weit abgebrannt, sodass ich nicht mehr sicher war, ob ich sie überhaupt anzünden kann», sagte sie. Ihr sei es aber wichtig gewesen, dass die Kerze genau an diesem Tag brannte.

Der Brand brach aus, als sie beim Einkaufen waren

Ob sie die Kerze ausgelöscht hat, weiss die beschuldigte Frau nicht mehr. Zwei Tage nachdem sie die Kerze zuletzt angezündet hat, brach im Wintergarten ein Brand aus. Die Frau, ihr Ehemann und ihr kleiner Sohn befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Wohnung, ihre beiden Hunde waren aber zu Hause. Die Familie hätte Einkäufe getätigt und sei gegen 13 Uhr losgefahren, sagte die Frau. Rund eine Stunde danach wurde die Feuerwehr alarmiert.

Für die Staatsanwaltschaft ist klar, dass die Kerze zu diesem Zeitpunkt noch gebrannt haben muss. Beim Verlassen der Wohnung bedachte die Beschuldigte grob unvorsichtig nicht, die von ihr zuvor angezündete und in der erwähnten Laterne brennende Kerze auszulöschen. Dies, obwohl sie wusste, dass von einer unbeaufsichtigten brennenden Kerze, welche nur noch wenige Zentimeter Höhe aufwies, zugleich von brennbarem Material wie Pinienholzschnitzel und einer Holz-Glaslaterne umgeben war sowie auf einer Holzkommode platziert wurde, eine enorme Brandgefahr ausging, heisst es in der Anklageschrift.

Von der Kerze über die Schnitzel auf die Kommode

Von der Kerze aus sei das Feuer über die Holzschnitzel und die Laterne auf die Kommode übergegangen. In der Folge brannte es im Wintergarten und in den umliegenden Räumen. Durch den Brand entstand ein Sachschaden in der Höhe von 162'000 Franken.

Die Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, dass der Brand hätte vermieden werden können, wenn die Beschuldigte ihren Sorgfaltspflichten nachgekommen wäre. Sie beantragte vor dem Gericht, die Frau wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst schuldig zu sprechen. Sie solle zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 70 Franken verurteilt werden, dies bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Kerze nicht zweifelsfrei als Brandursache

In der Befragung durch den Einzelrichter zeigte sich die Beschuldigte als vorsichtig im Umgang mit Feuer. Normalerweise würde sie eine elektrische Kerze nutzen, erklärte sie. Zudem sei sie – wie auch ihr Ehemann ist sie Raucherin – übervorsichtig im Umgang mit Zigaretten. Sie würde diese jeweils mit Wasser löschen.

Sie sei wohl als letzte vor dem Brand im Wintergarten gewesen und hätte die Kerze sicher ausgemacht, wenn diese noch gebrannt hätte. «Ich bin überzeugt, dass der Brand nicht durch meine Kerze verursacht wurde», sagte sie. Sie würde nie eine Kerze vorsätzlich brennen lassen, wenn sie weiss, dass ihre Familienmitglieder und die Hunde in der Wohnung seien.

Brandverlaufsspur deute auf ein Feuer im Bereich der Türe

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch für die Beschuldigte. In seinem Plädoyer stützte er sich auf mehrere Untersuchungen des Kompetenzzentrums Forensik. In deren Berichten sei nie die Rede, dass im Wintergarten eine Kerze gebrannt habe. Die Brandverlaufsspur deutet auf Feuer im Bereich der Türe hin, die gegenüber der Kommode ist. Auch wollten sich die Experten nie über eine Wahrscheinlichkeit äussern, ob dieser Brand durch eine brennende Kerze ausgelöst wurde. Die Forensiker schliessen lediglich aus, dass der Brand durch den elektrischen Heizkörper, der im Wintergarten gestanden hat, ausgelöst wurde.

Der Anwalt hielt weiter fest, dass die Kommode, auf welcher die Laterne positioniert war, nicht gänzlich durchgebrannt war. Dies müsste wohl der Fall sein, wenn die Kerze darauf mehr als zwei Tage gebrannt hätte und das Feuer über die Laterne auf die Kommode übergegriffen hätte. Zudem fand er, dass die Bewohner einen Mottbrand – wenn es denn einen gegeben hat – bemerkt hätten, wenn sie zum Rauchen in den Wintergarten gegangen sind.

In ihrem Schlusswort beteuerte die Beschuldigte unter Tränen, dass der Brand das Schlimmste sei, was ihr und ihrer Familie widerfahren sei.

Im Zweifel für die Beschuldigte

Der Einzelrichter sprach die Beschuldigte von allen Vorwürfen frei und folgte damit dem Antrag des Verteidigers. Es gebe Unsicherheiten und Divergenzen bezüglich der Brandverlaufspuren. Zudem könne nicht zweifelsfrei gesagt werden, ob die Kerze am Tag des Brandereignisses gebrannt habe und ob sie die Quelle des Feuers sei. «Es gibt zu viele Fragezeichen und zu viele andere Möglichkeiten, die nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden können», sagte er. Gemäss dem Rechtsgrundsatz spreche er die Beschuldigte frei, wenn Zweifel am Sachverhalt und an der Schuld bestehen.

Zivilforderungen abgewiesen

Nebst der Frage nach der Schuld musste der Einzelrichter entscheiden, ob die Zivilforderungen gerechtfertigt sind. Die Gebäudeversicherung des Kantons St. Gallen forderte über 162'000 Franken. Auch der Hauseigentümer verlangte von der Beschuldigten Geld. Wenn sie dies bezahlen müsse, würde sie finanziell in Not geraten, sagte die Beschuldigte. Sie habe nach dem Brand alles mit eigenem Geld ersetzen müssen, Sozialhilfe habe sie und ihre Familie nie beantragt. Da der Einzelrichter die Frau freigesprochen hat, verwies er die Zivilforderungen auf den Zivilweg. (sas)

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