Interview

Der neue Intendant Christian Zehnder beschreitet mit dem Klangfestival im Mai neue Wege: «Ich glaube an die Neugier des Publikums»

Christian Zehnder wirkt erstmals als künstlerischer Leiter des Klangfestivals. Er hat ihm schon seinen persönlichen Anstrich gegeben.

Sabine Camedda
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Seitenwechsel: Christian Zehnder stand als Sänger auf der Bühne des Klangfestivals, in diesem Jahr übernimmt er als Intendant die Verantwortung.

Seitenwechsel: Christian Zehnder stand als Sänger auf der Bühne des Klangfestivals, in diesem Jahr übernimmt er als Intendant die Verantwortung.

Bild: Sabine Camedda

Sie sind selber schon mehrmals am Klangfestival aufgetreten. Mit welchem Gefühl sind Sie auf der Bühne gestanden?

Christian Zehnder: Mein erster Auftritt war schon im Jahr 2006 beim zweiten Naturstimmenfestival. Damals war noch eine richtige Aufbruchstimmung spürbar. Ich war als Sänger vor allem mit der Szene der neuen alpinen Musik verbunden und damals war das Klangfestival noch ein richtiger Geheimtipp. Es war auch ein Treffpunkt für Künstler und Veranstalter über die Landesgrenzen hinweg.

War das Festival Ihr einziger Berührungspunkt mit der Klangwelt Toggenburg?

Nein, mich verbindet mehr. Ich habe schon ziemlich früh damit begonnen, Klangkurse zu geben. Auch wurde ich die letzten 14 Jahre immer wieder als Sänger an das Klangfestival eingeladen.

Jetzt haben Sie die Seite gewechselt und sind für den Inhalt des Festivals zuständig. Welche wichtigsten Neuerungen wird es nun geben?

Es ist nicht mehr nur ein Naturstimmenfestival wie bis anhin. Musikinstrumente bekommen einen grösseren Platz und wir haben auch keine stilistischen Abgrenzungen mehr. Auch die Klangkunst wird immer wichtiger werden.

Warum machen Sie als Sänger diesen Schritt?

Das Programm und Festivalkonzept hat sich über die Jahre zunehmend wiederholt und nicht mehr wirklich weiterentwickelt. Man setzte in den letzten Jahren bewusst auf Bewährtes. Das Festival war ja auch beliebt. Das ist ganz in Ordnung. Wir möchten aber in Zukunft wieder Innovation und mehr Gegenwart am Festival präsentieren. Deshalb auch die klare Entscheidung, dass wir uns dem Instrument öffnen und neu, an jedem Festivaltag ein bestimmtes Thema ins Zentrum setzen. Das Publikum kann sich so auf eine Kultur oder Thema vertiefter einlassen und sich damit auseinandersetzen.

Ändert sich auch der Rahmen?

Ja, an ein Festival gehören Konzertblöcke und Pausen. Das Publikum soll sich vermehrt begegnen und untereinander austauschen können. Wir haben zum Teil auch Konzerte an Nachmittagen. Um die Propstei herum bauen wir ein kleines Festivalgelände auf, wo regionale Köstlichkeiten zum Essen angeboten werden. Es wird auch an jedem Festivaltag eine Stobete geben. Die Stimmung soll zum Verweilen einladen. Dafür braucht es dann auch kein Konzertticket.

Bleiben die Konzertorte dieselben?

In der reformierten Kirche finden keine Konzerte mehr statt. Sie wird aber, wie auch ein Teil des Aussenbereichs, in die Klangkunst integriert. Es wird um die Propstei, im Klostergarten und in der Johanneskapelle jeweils eine Klanginstallation von einem Künstler geben. Das ist nochmals ein Aufbruch in eine ganz neue Dimension mit dem Klang.

Was ist das internationale Naturton und Oberton Symposium, das im Rahmen des Klangfestivals zum ersten Mal stattfindet?

Das Symposium soll alle zwei Jahre mit dem Klangfestival stattfinden und den Geist des Festivals verändern und prägen. Es beginnt einige Tage vor dem Festival und endet am ersten Wochenende mit dem «Gipfel der Naturtöne». Wir widmen uns im Symposium immer einem Schwerpunkt rund um das Phänomen Naturton und Oberton. In diesem Jahr ist es die Natur- und Obertonmusik aus dem alpinen und Europäischen Raum. Spezielle Aufmerksamkeit findet darin auch das Trumscheit, ein vergessenes Instrument, das schon Zwingli gespielt hat.

Was erwartet das Publikum an diesem «Gipfel der Naturtöne»?

Der Gipfel ist ein grosser Festivaltag. In drei grossen Konzertblöcken spielen abwechslungsweise und miteinander verschiedene Formationen. Sie zeigen dabei unter anderem die Resultate, die sie während der Woche zusammen erarbeitet haben.

Wen sprechen Sie mit dem Symposium an?

Während der Woche gibt es Kurse für Gesang und für Obertoninstrumente, an denen jeder teilnehmen kann. Daneben führen wir Meisterkurse durch, für die es ein gewisses Können braucht. Dazu gibt es Vorträge, die alle Interessierten besuchen können und auch viel Praktisches beinhalten. Das Symposium soll nicht gänzlich akademisch sein, sondern Einblicke in ein Phänomen und spezielles Thema für alle ermöglichen.

Jeder Tag am Klangfestival hat sein eigenes Thema. War für Sie diese Bündelung klar?

Ein Festival braucht ein originäres Profil und muss sich heute gegen eine grosse Konkurrenz im Umland und der Schweiz behaupten. Ein eigenständiges Format ist deshalb heute für ein Festival und seine Zukunft sehr wichtig. Mit der Themenausrichtung kommt ein neues Festivalkonzept ins obere Toggenburg, welches uns auch erlaubt stilistisch und künstlerisch ganz frei und dennoch fokussiert zu bleiben. Das Klangfestival behält seine alpine Ausrichtung. Wir möchten aber auch Neues, Welt- und Kulturoffenheit und Visionäres ins Zentrum setzen können.

Welche Vorteile hat das fürs Publikum?

Es kann in ein Thema oder eine Kultur wirklich eintauchen. Trotz dieser Fokussierung ist das Festival aber sehr vielseitig. Von der Volksmusik über neue Musik bis zur Barockmusik hat alles Platz. Uns ist aber wichtig, dass an jedem Abend auch alpine Musik gespielt wird. So bleibt auch in der Weitsicht immer der Kontext zur Schweiz und dem Toggenburg.

War denn nicht gerade der Mix der Gruppen auf der Bühne und das gemeinsame Singen der Erfolg?

Das wird es auch weiterhin geben. Nur in einem anderen Konzept. Seit Beginn des Festivals haben die Jodelchöre immer noch ein Lied zusammen mit den Gästen aus einer anderen Kultur gesungen. Jetzt sind es nicht mehr unbedingt die Jodelchöre, sondern die Musiker, Instrumentalisten, Künstler aus der Region und anderen Kulturen die zusammenkommen und sich auf verschiedene Arten im Zusammenspiel begegnen.

Ist es für die Organisation ein Vorteil, dass Sie Musiker sind und selber an Festivals auftreten?

Ich habe an unzähligen Festivals auf der ganzen Welt gespielt und bringe da sicher Erfahrung mit. Ich versuche das Festival so zu gestalten, damit es für das Publikum, die Musiker und mich «stimmig» ist. Das Festival war früher schon eine Perle und soll auch im Wandel der Zeit ein Kleinod der Festivalszene bleiben.

Bieten Länder wie Finnland oder Armenien genügend Abwechslung für ein abendfüllendes Programm?

Die Kultur eines Landes ist immer sehr vielfältig. Oft ist sie so reichhaltig wie verschieden und vieles neben den bekannten Klischees für viele noch unbekannt und unerhört. Ich habe mich zum Beispiel für Finnland entschieden, weil die nordische Kultur bei uns sehr beliebt ist. Ich möchte aber Finnland zeigen, wie man es in seiner Vielfalt noch nie gehört hat. Am Armenienabend gibt es Urmusik aus dem 5. Jahrhundert, aber auch moderne Musik zu besonderen Texten aus dem 12. Jahrhundert. Dazu ein sensationelles Duduk-Ensemble und ein Poet, der musikalisch die Diaspora und den Genozid aufgreift.

Wie finden Sie diese Sänger und Gruppen?

Wenn man als Musiker selber immer unterwegs ist, kann man die Welt und die Kulturen wirklich kennen lernen. Das ist neben den Mühen eines Tourneelebens auch ein Privileg. Man sieht und hört unglaubliche musikalische Schätze und begegnet aussergewöhnlichen Musikern aus aller Welt. Musiker und Sänger zu finden, ist also nicht so schwierig. Viel schwieriger ist es, einen Abend auf ein Thema zu konzentrieren und für diesen Abend die passenden Künstler zu finden, damit die Alchemie des Abends stimmt.

Dann sind Sie die Traumbesetzung für die Klangwelt Toggenburg für das Klangfestival.

Ich komme künstlerisch aus einer ganz anderen Ecke als meine Vorgängerin Nadja Räss, die sehr aufs Jodeln fokussiert war und das Klangfestival auf ihre Art geprägt hat. Ich habe ebenfalls einen grossen Bezug zur alpinen Welt und nähre mich auch aus der Tradition, bin aber viel kosmopolitischer unterwegs. Ich wünsche mir, dass die Klangwelt Toggenburg in Zukunft die gelebten Traditionen der Region genauso stärkt, wie das Weltoffene und den Zeitgeist der verschiedensten Musikkulturen.

Und die Volksmusik behält ihren Platz?

Wir haben im Zentrum unsere drei Chöre die in Alt St.Johann und Unterwasser proben. Sie sind Gastgeber, Ursprung und Essenz des Festivals und werden in irgendeiner Form an jedem Festival mit dabei sein. Auch das Musikschaffen des Toggenburgs wird an jedem Festival aufgegriffen, traditionell und mit neu geschaffener Musik aus der Region.

Sie widmen einen Tag des Klangfestivals der Stille. Ist das nicht paradox?

Ohne Stille gibt es keinen Ton. Stille und Klang bedingen sich. Ohne Stille, ohne Pausen keine Musik, kein Nachhall, nichts: Die Stille ist der Ursprung von allem. An diesem Tag kommt es zu einer Begegnung zwischen Musikern, den Schellenschöttern und einer gehörlosen Frau. Sie hört Musik nicht, sie spürt sie aber und sie hört mit den Augen. Wie eine Sängerin wird sie auf der Bühne stehen und auf ihre Weise singen, mit ihren Gesten und auch die Musiker dirigieren, mit ihnen spielen, musizieren und mit den stillen Gebärden neben dem Klang verzaubern. Das wird ganz sicher ein einmaliges Konzertereignis.

Haben also auch Themen, die indirekt mit dem Klang verbunden sind, einen Platz im Festival?

Ich möchte vermehrt solche Themen ins Festival einbringen. Ein weiteres Beispiel dafür ist der Eröffnungsabend, an dem es um die Geschichte des Toggenburgs geht. Eine Dramaturgin hat aus zwei Büchern der Toggenburger Autorin Frieda Hartmann einen wunderbaren Text komponiert. Diesen setzen wir zusammen mit unserem diesjährigen «Artist in Residence» und weiteren Formationen musikalisch um. Es ist nicht mehr ein einfaches zusammen musizieren, sondern wir erarbeiten zusammen dieses Konzert.

Fehlt dann nicht der Platz fürs Spontane?

Ganz und gar nicht. Es geht ja auch gerade darin um die Begegnungen zwischen Musikern, aber die finden unter anderem auch mit Proben statt. Es gibt drei Abende, die konzeptionell gestaltet sind. Aber auch an den anderen Konzerttagen wird es immer überraschende Begegnungen unter den Künstlern geben.

Dann spielen die Musiker nicht ihr Programm, das sie sonst überall bringen?

Im Speziellen nur bei den drei Klangweltprojekten erarbeiten die Musiker etwas Neues. Bei den anderen Konzerten präsentieren sie ihre eigenen Programme. Da gibt es natürlich auch viel Spontanes und Unerwartetes.

Inwieweit können Sie als Intendant da mitreden?

Bei den Projekten zeichne ich für das Konzept und die Regie. Ich suche und bringe die Musiker und Künstler zusammen. Bei der Ausarbeitung der Texte arbeite ich auch mit. Für die Musik habe ich Künstler eingeladen, die offen, virtuos und künstlerisch aussergewöhnlich sind. Am Ende ist es ein grosses Ganzes aller Mitwirkenden und ich stehe eigentlich ganz im Hintergrund.

Es geht noch rund drei Monate bis zur Eröffnung des Klangfestivals. Was bleibt Ihnen zu tun?

Wir sind ein wunderbares neues Team hinter dem Klangfestival und organisieren dieses zum ersten Mal. Da können wir uns noch nicht nur auf das verlassen, was schon immer war. Noch ist einiges zu tun, aber wir freuen uns riesig und sind zuversichtlich, dass alles bestens klappt.

Und wenn das Publikum das neue Klangfestival nicht goutiert?

Das glaube ich nicht. Es ist wichtig, dass wir als neues Team nicht an alten Ideen festhalten. Es ist wie bei einem Intendantenwechsel an einem Theater, man sucht eine Neuausrichtung und das braucht auch Mut, macht es aber auch spannend. Ich glaube an die Neugier des Publikums und bin sicher, dass jeder Tag in sich einmalig ist und bei allen nachhaltig nachklingen wird.

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