Interview
«Der Mensch steht im Mittelpunkt»: Glen Aggeler tritt als Präsident der Kesb Toggenburg zurück und blickt zurück auf seine Amtszeit

Im Präsidium der Kesb Toggenburg kommt es zu einer Rochade: Glen Aggeler wechselt in die Privatwirtschaft.

Sabine Camedda
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Glen Aggeler (rechts) übergibt das Präsidium der Kesb Toggenburg an Carola Müller-Wittmer.

Glen Aggeler (rechts) übergibt das Präsidium der Kesb Toggenburg an Carola Müller-Wittmer.

Bild: Sabine Camedda

Glen Aggeler übergibt das Präsidium der Kesb Toggenburg auf Anfang März an die bisherige Vizepräsidentin Carola Müller-Wittmer. Die beiden haben die Behörde seit 2013 aufgebaut. Glen Aggeler blickt auf das Erreichte zurück.

Sie haben die Kesb Toggenburg massgeblich aufgebaut. Wie steht sie heute da?

Glen Aggeler: Die Kesb Toggenburg ist konsolidiert und kann ihren gesetzlichen Auftrag kompetent und zeitnah erledigen. Die Infrastruktur ist aufgebaut, die notwendige Fachkompetenz ist vorhanden und die Arbeitsprozesse sind eingespielt. Dennoch ist kein Fall wie der andere und es handelt sich immer um individuelle personen- und familienbezogene Einzelfälle.

Welche Hauptaufgaben übernimmt die Kesb?

Die Kesb wird in der Regel eingeschaltet, wenn etwas nicht mehr funktioniert im Leben. Im Erwachsenenbereich etwa prüft die Behörde auf Antrag oder von Amtes wegen, ob die eigene Vorsorge oder auch gesetzliche Vertretungsrechte ausreichen. Sind keine Vertreter vorhanden, errichtet sie eine Beistandschaft, wenn ein Schwächezustand vorliegt und eine Hilfsbedürftigkeit besteht. Weiter ist die Kesb für die fürsorgerische Unterbringung zuständig, wo Personen bei psychischen Störungen oder beispielsweise schwerer Verwahrlosung in eine geeignete Einrichtung eingewiesen werden müssen. Im Weiteren hat die Kesb verschiedene Aufsichtsfunktionen.

Und bei den Minderjährigen?

Im Kinderbereich schreitet die Kesb dort ein, wo das Wohl des Kindes gefährdet ist und die Eltern nicht von sich aus Abhilfe schaffen können. Dann trifft die Kesb die geeigneten Massnahmen, welche beispielsweise eine sozialpädagogische Familienbegleitung, eine Beistandschaft oder eine Weisung sein können.

Zu Beginn gab es Befürchtungen, dass zu sehr nach Paragrafen entschieden wird und zu wenig der Mensch gesehen wird. Haben sich diese Ängste bewahrheitet?

Nein, im Gegenteil. Die Kesb würde gerne weniger mit gesetzlichen Normen, direkter und wenn immer möglich im freiwilligen und kooperativen Setting funktionieren. Hier hat in der Gesellschaft ein Wandel stattgefunden, auch ausserhalb von unserem Tätigkeitsgebiet. Betroffene verlangen heute bei einem staatlichen Handeln viel mehr rechtsmittelfähige Verfügungen oder lassen sich teilweise anwaltlich vertreten. Dies ist grundsätzlich nicht falsch und ein wichtiger Bestandteil unseres korrekten Rechtsstaates.

«Wir sind froh, dass wir im Verhältnis relativ wenige Massnahmen in einem ‹Zwangskontext› anordnen müssen.»

Die besten Lösungen können getroffen werden, wenn man sich bei einer Störung gemeinsam an einen Tisch setzt und die Handlungsoptionen miteinander angeht.

Wie stellt die Behörde sicher, dass der Mensch nicht zu kurz kommt?

Der Mensch steht bei uns immer im Mittelpunkt. Dies hat auch mit einer Wertehaltung zu tun. Als Präsident war mir dies immer wichtig und ich habe viel in unsere Kultur und Wertehaltung investiert.

Die Kesb steht immer wieder in öffentlicher Kritik. Wie arbeiten Sie dem entgegen?

Ich würde das «immer wieder» in ein anderes Verhältnis setzen. Wenn man berücksichtigen würde, was die Behörden alles für menschliche Schicksale regeln müssen, dann sind es wenige Einzelfälle, welche mal in der öffentlichen Kritik sind. Dabei lasse ich einmal offen, ob das letztlich gerechtfertigt ist oder nicht. Schwierig ist immer, dass es sich meistens um einseitige Darstellungen handelt und uns in der Kommunikation die Hände gebunden sind, da es immer sehr persönliche Dinge sind.

«Wichtig ist, dass wir tagtäglich
eine gute Arbeit verrichten und, wo es
möglich ist, gut kommunizieren.»

Dies ist die beste Entgegnung. Die Situation hat sich beruhigt und darüber sind wir sehr froh. Dieses ganze «Bashing» hat viele gute Lösungen verhindert und einzelne Akteure und Populisten haben in diesem sensitiven Bereich einen grossen Kollateralschaden angerichtet.

Wie sehr nagt es an einem, in einem solchen Job zu stehen?

Die Aufgabe ist für alle unsere Mitarbeitenden sehr herausfordernd. Es geht um menschliche Schicksale und die gehen auch an uns nicht spurlos vorbei. Daher ist die Kultur und Wertehaltung umso wichtiger sowie ein guter Ausgleich zum Beruf. Ich möchte den Mitarbeitern der Kesb Toggenburg auf den Weg geben, dass sie weiterhin in Möglichkeiten denken, nicht in Schwierigkeiten.

Bei der Kesb Toggenburg gibt es nach eigenen Aussagen wenig Beschwerden. Wieso ist das so?

Viele unserer Massnahmen sind unbestritten und sie sind immer darauf ausgerichtet, die betroffenen Menschen zu unterstützen. Dies ist sicher ein Grundsatz, welcher vorausgeschickt werden muss.

«So ergingen im letzten Berichtsjahr
964 Beschlüsse und Verfügungen,
wovon etwa 60 Prozent den Erwachsenenbereich betreffen.»

Nur in 21 Fällen wurde eine Beschwerde eingereicht. In zehn Fällen wurde die Beschwerde wieder zurückgezogen, vier Fälle wurden behandelt und unsere Entscheidungen gestützt und sieben Fälle sind noch hängig. Ich glaube, durch verhältnismässige und nachvollziehbare Entscheidungen können Beschwerden vermieden werden.

In der Kesb Toggenburg werden rund 960 Dossiers geführt. Wie schätzen Sie diese Zahl ein?

Mit dieser Zahl liegen wir im Durchschnitt der letzten Jahre. Auch im Vergleich zu den übrigen acht Regionen im Kanton St.Gallen kann diese Dossierzahl als verhältnismässig bezeichnet werden. Die Mehrheit der Fälle haben wir Ende 2012 von den Toggenburger Gemeinden zur Weiterführung übertragen erhalten.

Wie kommen neue Dossiers dazu oder wieso werden welche geschlossen?

Es kommen Fälle dazu, weil Personen urteilsunfähig beziehungsweise an Demenz oder an anderen Gebrechen leiden, welche sie handlungsunfähig machen, und andere Unterstützungen nicht ausreichen. Oder im Kindesschutz, weil sich Eltern scheiden lassen und nicht alle Belange der Kinder auf der Elternebene regeln können. Kurz um dann, wenn neue Meldungen eingehen. Dossiers können abgeschlossen werden, wenn sich Störungen beheben liessen und die Massnahmen obsolet wurden. Oder aber auch, wenn Betroffene sterben oder wegziehen. Bei letzterem werden die Massnahmen an die am neuen Wohnort zuständige Behörde übertragen.

Womit beschäftigt sich die Kesb am meisten?

Rein zahlenmässig beschäftigen wir uns zu zwei Dritteln im Erwachsenenschutzbereich und zu einem Drittel im Kindesschutz. Bezogen auf die effektive Arbeit und die Komplexität halten sich der Erwachsenen- und Kindesbereich etwa die Waage, teilweise ergibt sich sogar ein umgekehrtes Verhältnis.

Ein wichtiges Thema sind Vorsorgeaufträge geworden. Wie viel Zeit benötigen diese?

Bei den Vorsorgeaufträgen handelt es sich noch um ein junges Rechtsinstrument. Wir sind für die Validierung, das heisst, die Prüfung und Inkraftsetzung dieser Vorsorgeaufträge verantwortlich. Im letzten Jahr validierten wir rund zehn Vorsorgeaufträge. Die Zahl ist wachsend, beschäftigt uns jedoch nicht überdurchschnittlich. Aktuell investieren wir mehr Zeit in die Öffentlichkeitsarbeit und Erläuterung der Möglichkeit eines Vorsorgeauftrages.

Die Kesb setzt sich aus Juristen, Psychologen, Ärzten und Sozialarbeitern zusammen. Ist dies sinnvoll?

Dies ist sehr sinnvoll und war Bestandteil der damaligen Revision. Es ist in der Schweiz ein Novum, dass Behörden und Gerichte – in einigen Kantonen ist die Kesb Teil der Gerichte – interprofessionell zusammengesetzt sind. Dies ist bei unserer Arbeit unabdingbar und ein grosser Vorteil.

Arbeitet jeder an jedem Fall oder sind diese aufgeteilt?

Die Behördenmitglieder erhalten vom Präsidium Fälle zur Verfahrensleitung zugeteilt. In der Regel werden die Fälle danach in einem Team, welches auf den Fall abgestimmt ist, bearbeitet. Die Verfahrensleiter sind meistens örtlich bestimmt. So wollen wir die bestmögliche Lösung für die betroffenen Personen erhalten.

Sie verlassen die Kesb Toggenburg Ende Februar. Was gab den Ausschlag dafür?

Ich bin in meiner Wohngemeinde als Gemeinderat im Teilamt tätig und ab diesem Jahr zudem im Kantonsrat. Vor einem Jahr habe ich ein Angebot aus der Privatwirtschaft erhalten. Ich habe es geprüft und mich zur Selbstständigkeit entschlossen. Mit einem Geschäftspartner habe ich jüngst eine Firma gegründet und werde ab März als Partner in einer bestehenden Rechtskanzlei tätig sein. Es sind daher die privaten Rahmenbedingungen, welche mich in Absprache mit meiner Familie zu diesem Entscheid bewegt haben.

Ihre Nachfolgerin Carola Müller-Wittmer ist bestimmt. Wie glücklich sind Sie, dass Ihre Vizepräsidentin übernimmt?

Ich beurteile dies als sehr gute Lösung, da damit die gemeinsam erarbeitete Kultur und Wertehaltung, welche ich als sehr wichtig bezeichne, in gleichem Stil fortgesetzt wird. Die Kesb Toggenburg ist gut aufgestellt und geniesst einen guten Ruf. Diese Lösung ist Garant für einen optimalen Führungswechsel und steht auch für Stabilität.

Sie ist ebenfalls seit Anfang der Kesb Toggenburg dabei. Wie wichtig ist das für Sie?

Wie ausgeführt ist dies ein grosser Vorteil. Wir haben die Kesb Toggenburg gemeinsam aufgebaut und es war stets auch Teamarbeit. Entsprechend wird dieser Vorteil der Behörde, den Mitarbeitenden, unseren Partnern und auch den Betroffenen zugutekommen.

Kesb Toggenburg

Hintergrund der Schaffung der Kindes- und Erwachsenenschutz-Behörden (Kesb) war die Gesetzesänderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches. Als Teil davon trat per 1. Januar 2013 das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft. Dieses löste das fast 100-jährige Vormundschaftsrecht ab. Formell lösten die neuen regionalen/kantonalen Kesb die früheren kommunalen Vormundschaftsbehörden ab.

Ende 2019 waren in der Kesb Toggenburg, die ihren Sitz in Bütschwil hat, 958 Dossiers hängig. 593 Fälle betrafen den Erwachsenenschutz, 351 den Kindesschutz und elf waren Allgemeine Geschäfte. Auf Anfang März übernimmt Carola Müller-Wittmer das Präsidium der Kesb Toggenburg, Vizepräsident wird neu Salvatore Della Valle. (pd/sas)