Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Serie

Der lange Abschied: Wie im Toggenburg Angehörige von Demenzerkrankten mit der schwierigen Situation umgehen

Die Pflege von an Demenz erkrankten Partnern stellt das ganze bisherige Leben auf den Kopf. Die besten Tipps im Umgang mit dieser schwierigen Situation kommen dann von Menschen, die das gleiche Schicksal teilen.
Urs M. Hemm
Der Besuch in einer Gesprächsgruppe braucht oft Überwindung, da man viel von sich preisgibt und auch Schwächen im Umgang mit dieser speziellen Situation einräumen muss. Für die Teilnehmenden kann der Austausch mit Menschen, die ihr Schicksal teilen, bisweilen jedoch sehr hilfreich sein. (Bild: Urs M. Hemm)

Der Besuch in einer Gesprächsgruppe braucht oft Überwindung, da man viel von sich preisgibt und auch Schwächen im Umgang mit dieser speziellen Situation einräumen muss. Für die Teilnehmenden kann der Austausch mit Menschen, die ihr Schicksal teilen, bisweilen jedoch sehr hilfreich sein. (Bild: Urs M. Hemm)

Der Tisch ist liebevoll eingedeckt: Bunte Servietten, ein grünes Tischtuch und ein Strauss knallgelber Primeln bringen Farbe und einen kleinen Hauch von Frühling in den Gruppenraum der Pro Senectute Wattwil. «Ich möchte, dass sich die Teilnehmenden willkommen und geborgen fühlen. Dazu verteile ich auch immer Süssigkeiten auf dem Tisch», sagt Rita Gross. Sie ist Mitglied der Alzheimervereinigung St.Gallen-Appenzell und leitet die Gesprächsgruppe für Angehörige von Demenzerkrankten. Einmal pro Monat organisiert Rita Gross diese Treffen in Wattwil, wo sich Angehörige austauschen und Probleme ansprechen können, die ihnen bei der Betreuung ihres dementen Partners oder der Partnerin begegnen und sie beschäftigen. «Ganz wichtig ist aber auch, sich gegenseitig Mut zuzusprechen und über die freudigen Dinge zu berichten, die ihnen im Alltag begegnen, ohne dass sie diese vielleicht im ersten Moment erkennen», sagt Rita Gross.

Einander Mut zureden, auf sich selbst zu achten

Rita Gross, Gruppenleiterin (Bild: Urs M. Hemm)

Rita Gross, Gruppenleiterin (Bild: Urs M. Hemm)

Ein Stichwort, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Nachmittag zieht, ist Mut. Immer wieder erfordert das nicht selbst gewählte Schicksal Mut von den acht Teilnehmenden, die an diesem Dienstag an der Gesprächsrunde dabei sind. Für manche brauchte es sogar Mut, überhaupt hierher zu kommen, sich die Zeit zu nehmen und den kranken Partner oder die Partnerin alleine, ja gar im Stich zu lassen, weil man die Pflege für zwei, drei Stunden einer anderen Person überlässt. «Gerade aber solche kurzen Auszeiten sind wichtig, um auch einmal wieder zu sich selber finden zu können», betont Rita Gross.

Demenz-Serie

In diesen Wochen beleuchtet das «Toggenburger Tagblatt» das Thema Demenz in einer lockeren Serie. Dabei sollen nicht nur Angebote, Pflege oder Hilfsmittel für Direktbetroffene, sondern auch Anlaufstellen für deren Angehörige vorgestellt werden. Es sollen Angebotslücken angesprochen und mit den verantwortlichen Stellen Möglichkeiten diskutiert werden, wie diese geschlossen werden könnten.

Darum nimmt sie erfreut zur Kenntnis, dass ein Teilnehmer für eine Woche in die Ferien fährt. Der Entscheid, seine Frau so alleine im Heim zu lassen, sei ihm nicht leichtgefallen. «Aber ich weiss, dass es mir gut tut», sagt er. Respekt habe er vor dem Moment, seine Frau nach einer Woche wieder zu sehen. «Es geht ihr immer ein wenig schlechter. Ich sehe sie aber jeden Tag und nehme diese Veränderungen nicht so wahr, wie jemand, der sie längere Zeit nicht gesehen hat.» In einer Woche könne sich viel verändern, «aber ich muss es nehmen, wie es ist», sagt er. Das ruft Verständnis in der Gruppe hervor und leise ist auch zu hören: «Ich hätte noch nicht den Mut dazu, wegzufahren.»

«Alle können voneinander profitieren»

Eine Teilnehmerin beschäftigt, dass sie zwar ihren Mann im Heim anmelden wolle, es ihm aber nicht sagen könne. «Ich lüge ihn andauernd an, weil ich alles hinter seinem Rücken entscheiden muss», sagt sie. «Wir haben alle unsere Partner angelogen. Aber irgendwann geht es einfach nicht mehr − du machst dich nur selber kaputt», ist der einhellige Tenor derjenigen, deren Partner oder Partnerin bereits in einem Heim ist.

«Der Vorteil solcher Gruppen ist, dass die Krankheitsstadien so unterschiedlich sind. So gibt es immer welche, die vor einiger Zeit genau an einem Punkt standen, wo sich andere gerade jetzt befinden.»

So könne jeder seine Erfahrungen einbringen, alle könnten voneinander profitieren.

Des Weiteren beschäftigt diese Teilnehmerin, dass sie sich langsam an die ganze Situation mit der Pflege des kranken Partners, mit den damit verbundenen Schwierigkeiten gewöhne. «Ist das gut oder eher schlecht?», fragt sie. Auf diese Frage gibt es keine Antwort aus der Runde − jeder scheint in diesem Moment mit sich selbst beschäftigt.

Die Teilnehmenden erzählen nicht immer von sich aus. Deshalb macht sich Rita Gross bei jedem Treffen Notizen, auf die sie zurückgreifen und nachfragen kann. «Es ist nicht selbstverständlich, vor anderen über seine Probleme und Sorgen zu reden. Es braucht Mut, zuerst sich selbst und dann vor anderen zuzugeben, von einer Situation überfordert zu sein, wütend oder traurig zu sein», sagt Rita Gross.

Alleine mit den Erinnerungen

Grundsätzlich aber ist die Stimmung positiv, auch wenn über Rückschläge berichtet wird, wie, dass der Mann plötzlich nicht mehr weiss, was er mit einer Zahnbürste anfangen soll. Denn die Teilnehmenden erzählen auch von Lichtblicken, die den Alltag erträglicher machen. Ein Alltag, der geprägt ist, vom langsamen Abschiednehmen von geliebten Menschen, mit denen man das Leben geteilt hat. Mit den Erinnerungen daran bleibt der gesunde Partner jedoch alleine. «Es sind tragische Schicksale», sagt Rita Gross. «Doch hier können die Menschen ihren Kummer abladen und Ermutigung für ihren langen Weg erfahren.»

Zum Abschluss des Nachmittags wird Kaffee und Kuchen serviert, der von einem ehemaligen Gruppenmitglied zu seinem Abschied aus der Gruppe spendiert wurde. Er kommt nicht mehr, da seine Frau mittlerweile gestorben ist. Es versäumt es aber nicht, allen zu danken, die ihn auf seinem langen Weg begleitet hatten und ihm offen, ehrlich und mit Herzlichkeit beiseite standen.

www.alzheimer-schweiz.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.