«Der Erfolg eines Standorts beginnt im Kopf»

Die Umfahrung Wattwil ist für die Toggenburger Zentrumsgemeinde Chance und Gefahr zugleich. Damit die positiven Seiten überwiegen, arbeitet der Verein Zentrum Wattwil seit einem Jahr an verschiedenen Projekten.

Ruben Schönenberger
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Marc Bohnenblust und Kathrin Ott setzen sich mit dem Verein Zentrum Wattwil für eine gute Zukunft für die Gemeinde ein. (Bild: Thomas Hary)

Marc Bohnenblust und Kathrin Ott setzen sich mit dem Verein Zentrum Wattwil für eine gute Zukunft für die Gemeinde ein. (Bild: Thomas Hary)

Wattwil soll in Zukunft zwar umfahren, aber nicht vergessen werden. Der Verein Zentrum Wattwil will dafür sorgen, dass die Toggenburger Zentrumsgemeinde attraktiv bleibt. Präsidentin Kathrin Ott und Geschäftsführer Marc Bohnenblust ziehen ein Jahr nach dem Kickoff ein Zwischenfazit.

Der Nachtverkauf mit Beachvolleyball-Turnier hat funktioniert, bei der Aktion «Pimp mein Haus» konnten aber nur drei von zehn Unterstützungsbeiträge gesprochen werden. Wie gut funktioniert der Verein Zentrum Wattwil?

Bohnenblust: Bei einem solchen Projekt kann man nicht nach einem Jahr schon alle Früchte ernten. Kurzfristig wollten wir vor allem die Reihen schliessen, Mitglieder an Bord holen und aktivieren. Wir sind überzeugt vom Potenzial von Wattwil. Auch der Wegfall des Modegeschäfts OVS ist nicht nur schlecht. Der Interdiscount zieht in die Räumlichkeiten und vergrössert sein Angebot. Mit der Liegenschaft des Elektronikhändlers wird eine attraktive Liegenschaft frei. Vielleicht löst das eine Rochade aus. Wie auch die neue Überbauung Bahnhof Süd Möglichkeiten für initiative Unternehmer schafft.

Mit dem Campus Wattwil ist ein weiteres grosses Projekt in der Pipeline. Wie deuten Sie die Entwicklungen dort?

Bohnenblust: Die Signale sind gut. Gleichzeitig haben wir aber gesehen, wie es beim Spital abgelaufen ist. Es fällt daher manchmal schwer, die Zuversicht zu bewahren. Und doch ist das Teil unserer Aufgabe.

Bei der Umgestaltung der Bahnhof- und Poststrasse ist man nicht auf den Kanton angewiesen. Schon im November wird abgestimmt. Wie wichtig ist dieses Projekt?

Bohnenblust: Es ist eine ganz wichtige Hürde. Für ganz Wattwil. Ein intaktes Ortszentrum ist das Herz einer Gemeinde. Wir wissen heute, was passiert, wenn man eine Umfahrung nicht mit flankierenden Massnahmen auffängt. Da geraten die Geschäfte ernsthaft unter Druck.

Aber nur, weil die Strassen etwas schöner sind, kommt noch niemand nach Wattwil.

Bohnenblust: Es geht um eine Top-Beratung. Um kostenlose oder günstige oberirdische Parkplätze. Um Beratungsqualität, Freundlichkeit. Dort können wir punkten.

Ott: Die Aufenthaltsqualität muss stimmen. Heute kann man sich im Zentrum kaum hinsetzen. Wenn die Strasse dann breiter ist, die neuen Bäume gepflanzt sind und die Beleuchtung erneuert ist, gibt das viel mehr Aufenthaltsqualität. Erst recht, wenn dann noch die Erschliessung zur Thur hinzukommt. Man muss aber auch interessante Geschäfte haben, damit die Leute kommen.

Zur Aufenthaltsqualität gehören auch Verpflegungsmöglichkeiten. Die fehlen entlang des zentralen Strassenraums heute fast vollständig. Eine Idee für die jetzige Interdiscount-Filiale?

Ott: Aus unserer Sicht wäre ein attraktives Gastronomie-Angebot genial. Aber es ist natürlich Sache des Eigentümers, einen Nachmieter zu bestimmen.

Bohnenblust: Wir können den Mietermix nur sehr indirekt beeinflussen. Zusammen mit anderen Massnahmen ist die Steigerung der Aufenthaltsqualität ein Weg, wie wir das Ortszentrum beleben können. Darauf müssen wir aufbauen. Der Nachteinkauf mit dem Beachvolleyball-Turnier ist ein Beispiel dafür. Im Dezember kommt dann die Rock Xmas.

Bei solchen Aktionen ist man immer darauf angewiesen, dass das Gewerbe mitzieht. Wie klappt das?

Ott: Dabei sind eigentlich fast alle, natürlich in unterschiedlichen Ausprägungen. Aber es stimmt, wir können immer nur etwas anreissen, mitmachen müssen die Geschäfte selber.

Bohnenblust: Diese Solidarität, die man hier findet, ist eine grosse Qualität. Das Gewerbe, auch die grossen Läden, und die Gemeinde ziehen an einem Strick.

Ist es also ein Erfolgsrezept, dass sich der Verein auf den Schultern der Privaten und der Gemeinde gleichermassen abstützt?

Ott: Unbedingt. Es geht dabei nicht nur ums Finanzielle. In der IGEZ (Interessengemeinschaft Einkaufszentrum Wattwil, Vorgängerin des jetzigen Vereins, Anm. d. Red.) haben wir erst geplant und aufgegleist und dann bei der Gemeinde angefragt. Jetzt sind der Gemeindepräsident und der Ratsschreiber an den Sitzungen dabei, die Wege sind viel kürzer. Wir wissen gleich, woran wir sind. Beidseitig.

Trotzdem: Geht die Abstimmung im November verloren, steht der Verein an einem Scheidepunkt. Wie will man diesen Urnengang gewinnen?

Ott: Wir gründen gerade ein Komitee. Die Bevölkerung und die «Lädeler» sollen sich stark machen. Das Komitee soll ausschwärmen und die Botschaft an die Leute bringen. Das wird sicher viel Arbeit. Am 8. November gibt es zudem einen Informationsabend der Gemeinde. Bei der Gelegenheit wird sich auch das Komitee bemerkbar machen.

Wagen Sie eine Prognose?

Bohnenblust: Wir denken positiv. Wir haben keine Anhaltspunkte, dass sich Widerstand aufbaut. Aber das kann man natürlich nicht ausschliessen und darauf wollen wir vorbereitet sein, frühzeitig agieren und ein Zeichen setzen, wie wichtig die Vorlage für das Zentrum Wattwil ist.

Ott: Ich habe noch von niemandem etwas Negatives gehört. Die Herausforderung dürfte sein, der Stimmbevölkerung die Bedeutung der Abstimmung aufzuzeigen. Vielleicht denken viele, dass das sowieso durchkommt. Darauf dürfen wir uns nicht verlassen.

Wie geht es mit dem Verein weiter?

Bohnenblust: Wir werden im nächsten Jahr unter dem Stichwort Verbundwerbung ganz konkret versuchen, die Kundenbasis zu aktivieren. Dank sozialer Medien, einer Art Zentrums-Community, möchten wir durch Vernetzung und gegenseitiges Empfehlungs-Marketing die Kunden auch während des voraussichtlichen Umbaus des Ortszentrums bei der Stange halten.

Eine Art digitale Landkarte der Wattwiler Geschäfte?

Bohnenblust: Das alleine wäre zu wenig. Es geht eher in Richtung Verbundangebote. Wenn man Teil dieser virtuellen Community ist, hat man Zugang zu Vergünstigungen oder Spezialangeboten.

Ott: Hinzu kommen Massnahmen zur Steigerung der Dienstleistung. Zum Beispiel eine Verbesserung der Spielplatzsituation, damit auch für Familien die Aufenthaltsqualität besser wird.

Über die Kinder sollen Familien überzeugt werden?

Ott: Wo die Kinder gerne hingehen, gehen die Eltern gerne hin.

Bohnenblust: Die Familienqualität könnte als Alleinstellungsmerkmal für Wattwil dienen. Zudem haben wir jede Woche rund 1500 Jugendliche im Ort. Da wollen wir eine gute Visitenkarte hinterlassen. Wenn sie später positiv an Wattwil zurückdenken, kommen sie vielleicht wieder.

Also hat das Toggenburg Zukunft?

Bohnenblust: Es gab mal eine Kampagne, die hiess «Der Aufschwung beginnt im Kopf». Und Standorterfolg beginnt eben auch im Kopf. Es ist ganz wichtig, dass man an den Erfolg von Wattwil glaubt. Es passiert extrem viel, die Gemeinde hat ein riesiges Potenzial. Jetzt muss es uns gelingen, dass auch viele junge Unternehmerinnen und Unternehmer hierhin kommen und sehen, was hier abgeht. Die hier ihre Chance sehen und die Lebensqualität schätzen. Dann haben Wattwil und das ganze Tal rosige Aussichten.