Interview

Der Ebnat-Kappler Gemeindepräsident Christian Spoerlé zu seinem Rücktritt: «Ich bin nicht politikmüde.»

Christian Spoerlé möchte weiterhin Kantonsrat bleiben, er tritt im Herbst 2020 aber nicht mehr zur Wiederwahl in der Gemeinde an. Er findet den Zeitpunkt seines Rücktritts ideal.

Sabine Camedda
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Christian Spoerlé, untypischer SVP-Gemeindepräsident und Kantonsrat aus Ebnat-Kappel

Christian Spoerlé, untypischer SVP-Gemeindepräsident und Kantonsrat aus Ebnat-Kappel

Bild: Ralph Ribi

Sie haben angekündigt, im kommenden Jahr nicht mehr zur Wiederwahl für das Gemeindepräsidium in Ebnat-Kappel anzutreten. Was hat Sie zu diesem Entscheid bewogen?

Christian Spoerlé: Da spielten mehrere Aspekte mit. Ich machte mir aufgrund des Alters Gedanken, weil ich bin Ende der Legislatur 63einhalb Jahre alt. Dazu kommt, dass ich nicht gerne etwas beginne, wenn ich es nicht mehr abschliessen kann. Für mich geht das gerade auf, denn der Neubau des Pflegeheims wird angelaufen sein. Weitere Projekte, die anstehen, kann dann meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger mit frischem Wind und neuer Energie angehen.

Wieso haben Sie Ihren Entscheid schon jetzt, neun Monate vor der Wahl, öffentlich gemacht?

Ich habe den Entscheid für mich gefällt und sehe keinen Grund, diesen für mich zu behalten. Das entspricht meiner Art. Nun haben die Parteien genügend Zeit, um Kandidaten für meine Nachfolge zu finden.

Ende 2020 haben Sie drei Amtsdauern erfüllt. Ist das genügend Zeit, um der Gemeinde eine gewisse Kontinuität zu geben?

Aus meiner Sicht schon, darum habe ich mich ja so entschieden. Es freut mich zudem, dass die Bürger mich nicht spüren lassen, dass es Zeit für mich wäre zum Aufhören. Was für mich stimmt, kann man aber nicht verallgemeinern. Jeder Gemeindepräsident muss für sich herausfinden, wie lange er im Amt bleiben möchte.

Sie kamen aus dem Kanton Zürich nach Ebnat-Kappel. Wie haben Sie als Gemeindepräsident die Bürger erlebt?

Ich bin mit offenen Armen empfangen worden. Diese Offenheit konnte ich in mehreren Themenbereichen spüren. Das hat mir sehr gut gefallen. Jedoch musste ich zuerst lernen, wie die Bevölkerung miteinander umgeht. Ich fühle mich sehr wohl in Ebnat-Kappel und sehe keinen Grund, warum ich wieder wegziehen sollte.

Sie sprachen bereits den Neubau des Pflegeheims an. Wird es Veränderungen geben, wenn Sie als Gemeindepräsident und Präsident der Baukommission abtreten?

Ich hoffe es nicht. Ich wünsche mir, dass wir bis Ende 2020 die wichtigsten Pfeiler so fest eingeschlagen haben, dass der Bau wie geplant ausgeführt werden kann. Und falls meine Meinung gefragt ist, darf meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger gerne an mich gelangen.

Der Baubeginn wird aber noch in Ihre Amtszeit fallen?

Ja, wenn alles weiterhin reibungslos verläuft, beginnt der Bau im Spätherbst 2020 mit dem Spatenstich. Es könnte dann eine der letzten Amtshandlungen des Gemeindepräsidenten Spoerlé sein.

An der Budgetversammlung im Herbst konnten Sie den Bürgern eine Reduktion des Steuerfusses vorschlagen. Ist das eines der Ziele eines Gemeindepräsidenten?

Das Ziel eines Gemeindepräsidenten müsste eine stabile Finanzsituation sein und nicht, dass der Steuerfuss ständig auf und ab pendelt. Ob der Entscheid nun gut oder schlecht war, wird sich weisen. Fakt ist aber, dass wir nicht mehr Steuern einnehmen sollten als wir für unser tägliches Geschäft benötigen. Ich wünsche mir, dass Ebnat-Kappel auf diesem Niveau bleibt, oder mittelfristig sogar eine nächste Reduktion möglich wäre.

Trotz des Rückzugs als Gemeindepräsident treten Sie im Frühjahr zur Wiederwahl für den Kantonsrat an. Sie sind also nicht politikmüde?

Nein, politikmüde bin ich keinesfalls. Ich würde das Toggenburg gerne für weitere vier Jahre im Kantonsrat vertreten. Ich bin überzeugt, dass ich noch einiges für die Gemeinde und für das Toggenburg bewirken kann, auch wenn ich nicht mehr Gemeindepräsident bin. In diesem Amt ist es wichtig, gut vernetzt zu sein. Ich konnte mir ein solches Netzwerk erarbeiten und einige Anliegen deponieren. Davon könnten die Region, die Gemeinde und ich noch weiterhin profitieren.

Das Amt würden Sie nach Ihrer Pensionierung als Gemeindepräsident hinaus ausüben?

Ja, natürlich. Ein Vorteil wäre, dass ich noch mehr Zeit hätte für die kantonsrätliche Arbeit. Ich könnte mich beispielsweise in die eine oder andere Kommission mehr einbringen. Zudem könnte ich in Themen weiterarbeiten, die mir am Herzen liegen.

Wie sieht es mit anderen Nebentätigkeiten aus wie beispielsweise dem Präsidium von Kultur Toggenburg?

Diese Nebentätigkeiten gebe ich nach und nach ab. Den Anfang machte in diesem Jahr das Präsidium der Sozialen Fachstellen, nun folgen der Verein Kultur Toggenburg und weitere. Ich habe mich frühzeitig mit der Nachfolgeregelung befasst und es gibt gute Kandidaten.

Diese Nebenämter hängen ja teilweise mit dem Gemeindepräsidium zusammen.

Ja, es gibt Gremien, in denen ich von Amtes wegen Einsitz habe, wie zum Beispiel im Verwaltungsrat des Busbetriebs Lichtensteig-Wattwil-Ebnat-Kappel (BLWE) oder bei diversen Stiftungen. Diese Ämter gehen an den neuen Gemeindepräsidenten über.

Also wird Ihr Nachfolger nicht ausschliesslich Gemeindepräsident sein.

Das ist so. Im Toggenburg ist es so, dass jeder Gemeindepräsident Funktionen in Kommissionen übernimmt. Letztlich kommt es auf die gewählte Person an, wie fest sie sich in solchen Ämtern engagieren kann und will. Aber die anderen Gemeindepräsidenten im Toggenburg sind gewiss froh, wenn diese Person auch einige Ämter übernehmen wird.

Welche Vorstellungen haben Sie von Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger?

Konkrete Vorstellungen des Vorgängers sind immer heikel. Es wäre aber sicher gut, wenn der Weg weiter verfolgt würde, den wir jetzt eingeschlagen haben. Für Ebnat-Kappel wünsche ich mir eine Person, welche die Gemeinde in Zukunft weiterbringen kann. Sie soll offen und bereit für eine Weiterentwicklung sein und spüren, wann und in welche Richtung sie Hebel stellen muss. Ebnat-Kappel ist noch nicht fertig entwickelt. Es wäre fatal, wenn die Gemeinde aufgrund meines Rücktritts in eine Schlafstarre fallen würde.

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