«Demokratiepolitisch schon sehr fragwürdig»: Es brodelt nach wie vor ob der geplanten Schliessung des Spitals Wattwil

Am Herbstanlass des Vereins Region Toggenburg stand die Spitalfrage im Mittelpunkt. Weiter wurde über die Auswirkungen des Klimawandels auf das Toggenburg diskutiert.

Urs M. Hemm
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Bei seinen Ausführungen zum Spitalentscheid hatte der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner die Aufmerksamkeit der Zuhörer ganz auf seiner Seite. (Bild: Urs M. Hemm)

Bei seinen Ausführungen zum Spitalentscheid hatte der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner die Aufmerksamkeit der Zuhörer ganz auf seiner Seite. (Bild: Urs M. Hemm)

«Regionalspital Wattwil – wo stehen wir heute?» Im ersten Moment scheint diese Frage rhetorisch, denn der Entscheid der St.Galler Regierung, das Spital Wattwil schliessen zu wollen, steht fest. Dennoch ergriff der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner am Herbstanlass des Vereins Region Toggenburg die Gelegenheit, eben diese Frage in den Raum zu stellen. Denn: «Ich habe mir die Zeit genommen, noch einmal alle Berichte und Analysen durchzulesen. Vieles davon kann ich sogar unterschreiben. Aber die Schlussfolgerung daraus, nämlich dass die Schliessung des Spitals Wattwil die einzige Lösung ist, ist für mich nicht nachvollziehbar», sagte Gunzenreiner. Zumal er bei der Durchsicht der Berichte auf zahlreiche Widersprüche gestossen sei. «Oder ich interpretiere verschiedene Aussagen zumindest als solche», ergänzte er.

«Man sagt uns nicht alles»

Alois Gunzenreiner stört sich vor allem daran, dass es gemäss des Verwaltungsrats der Spitäler keine Standortrechnung gebe, welche die genauen Zahlen des Spitals Wattwil aufzeigt. «Wie und worauf begründen denn der Verwaltungsrat und der Lenkungsausschuss ohne das nötige Zahlenmaterial ihre Strategieentscheide?», fragte er und beantwortete diese gleich selbst. Denn gemäss der Antwort der Regierung auf eine eingereichte Interpellation würden alle Entscheide auf Leistungs-, Kosten- und Personaldaten basieren.

«Das würde also heissen, dass es doch standortbezogene Daten gibt. Entweder, man sagt uns nicht alles oder die Verantwortlichen handeln sehr fahrlässig.»

Zudem bezweifelt Alois Gunzenreiner grundsätzlich, dass die Schliessung des Spitals Wattwil entscheidenden Einfluss auf die finanzielle Entwicklung der Spitalverbunde, insbesondere der Spitalregion Fürstenland Toggenburg, hat. Dies umso mehr, als im Jahr 2021 über ein Neubauprojekt in der Höhe von 170 Millionen in Wil zur entschieden werden soll.

«Wegen der daraus entstehenden Abschreibungen ist die Spitalregion spätestens ab dem Jahr 2026 wieder auf zusätzliche Beiträge von Dritten angewiesen – auch in einem optimierten Szenario des Verwaltungsrates ohne Spital Wattwil.»

Sorgen mache er sich vor allem um die künftig ungenügende Gesundheitsversorgung im Toggenburg. «Bereits jetzt haben wir eine unterdurchschnittliche Ärztedichte. Ein ambulantes Gesundheits- und Notfallzentrum könnte noch zusätzlich als Konkurrenz für niedergelassene oder für Hausärzte wirken, die überlegen, hierher zu ziehen.» Darüber hinaus würde die Schliessung des Spitals Wattwil die Erreichbarkeit eines Spitals für die Toggenburger massiv verschlechtern.

Bliebe noch die Frage, was mit dem Neubau, der bereits rund 60 Millionen Franken gekostet hat, passieren soll. «Das ambulante Gesundheits- und Notfallzentrum benötigt, wenn es überhaupt im neuen Spital untergebracht wird, vielleicht eine Etage des Neubaus. Was passiert mit dem Rest und dem bereits ausgehöhlten Altbau? So haben wir ein in harten Beton gegossenes Gebäudes, das völlig nutzlos ist.» Nicht zu vergessen die rund 280 Arbeitsplätze (etwa 200 Vollzeitstellen) die aufgrund dieses Entscheids einfach vernichtet werden.

Beim Apéro diskutierten die Besucher im gemütlichen Rahmen weiter über die vorgetragenen Themen. (Bild: Urs M. Hemm)

Beim Apéro diskutierten die Besucher im gemütlichen Rahmen weiter über die vorgetragenen Themen. (Bild: Urs M. Hemm)

Klage gegen den Baustopp ist noch hängig

Es sei aber noch nicht alles verloren. Zum einen stehe noch der Entscheid des Verwaltungsgerichts über die Klage gegen den verordneten Baustopp aus. Zum anderen müssten die Stimmbürger über die Schliessung der Spitäler Altstätten und Wattwil noch einmal an der Urne befinden, weil dies ihrem Entscheid von 2014 widerspreche. «Es ist demokratiepolitisch schon sehr fragwürdig, über eine bereits beschlossene Sache noch einmal abstimmen zu müssen. Das zeigt jedoch, das auch nach einer demokratischen Abstimmung nichts definitiv ist», schloss Alois Gunzenreiner.

Der Klimawandel ist bereits mess- und spürbar

Weniger emotionsgeladen, aber nicht minder bedeutend für die Region, war das Eingangsreferat von Florian Jakob, Projektleiter bei der Planval AG, Bern, zum Thema «Anpassungen an die Folgen des Klimawandels mit Fokus ländlicher Raum». Er hob zuerst den Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung hervor.

«Im Klimaschutz geht um Massnahmen zur Vermeidung oder Minderung von Treibhausgasen.»

Als Beispiele nannte er die Förderung erneuerbarer Energien oder den Einsatz effizienterer Fahrzeuge. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei der Klimaanpassung um Massnahmen, um mit bereits eingetretenen Klimaveränderungen umzugehen. Dazu gehören das Anlegen von Grünflächen in Städten oder effizientere Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft.

Florian Jakob, Projektleiter Planval AG, Bern. (Bild: Urs M. Hemm)

Florian Jakob, Projektleiter Planval AG, Bern. (Bild: Urs M. Hemm)

Dass Veränderungen bereits stattgefunden haben, belegte Jakob mit Beobachtungen, die über die vergangenen Jahrzehnte gemacht wurden. «Diese zeigen, dass beispielsweise das Gletschervolumen seit 1860 um 60 Prozent zurückgegangen und die Nullgradgrenze seit 1961 um 300 bis 400 Meter gestiegen ist.» Für das Toggenburg sehe er künftig einen Anstieg der Durchschnittstemperatur von 0,6 bis 3,3 Grad Celsius. Zudem werde es im Winter mehr, dafür im Sommer weniger Niederschlag geben. Es werde vermehrt zu Starkniederschlägen kommen. «Mit dem Temperaturanstieg wird es zu mehr Sommertagen, sprich zu mehr Tagen mit einer Temperatur von 25 Grad Celcius und darüber kommen und auch die Anzahl an Tropennächten wird zunehmen», erläuterte Florian Jakob das mögliche Szenario. Eine wichtige Veränderung für das Toggenburg werde sein, dass es deutlich weniger Schnee, insbesondere in den tieferen Lagen, geben werde.

«Diese Entwicklungen erfordern Anpassungen. Diese Klimaanpassungen benötigten jedoch einer Koordination und einer klaren Rollenteilung bezüglich Bund, Kantone und Gemeinden.»

Daniel Blatter, Geschäftsführer der Regionsorganisation rief schliesslich die Mitglieder von Region Toggenburg noch einmal dazu auf, am kommenden Wochenende ein Ja für den Campus Wattwil in die Urne zu legen.

Daniel Blatter, Geschäftsführer Region Toggenburg. (Bild: Urs M. Hemm)

Daniel Blatter, Geschäftsführer Region Toggenburg. (Bild: Urs M. Hemm)

In einem kurzen Referat rief er die Bedeutung des Campus für die Standortgemeinde, aber auch für die ganze Region in Erinnerung. «Mit dem Bau des Campus Wattwil schaffen wir ein bedarfsgerechtes Angebot und ermöglichen einen effizienten Betrieb, indem sich zwei Schulen die Infrastruktur teilen», sagte Blatter. Dies sei wichtig für die Auszubildenden, aber auch ein entscheidender Standortvorteil für die Region.