Trotz drei Stürzen: Toggenburger Snowboarder Jan Scherrer weiss um die eigene Stärke

Halfpipe-Snowboarder Jan Scherrer stürzt an der WM in Park City in jedem der drei Final-Runs. Trotzdem ist bei ihm die Zuversicht grösser als die Enttäuschung.

Urs Huwyler
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In Laax lief es für den Toggenburger Jan Scherrer noch gut, an der WM stürzte er jedoch in jedem der drei Final-Runs und wurde Neunter. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

In Laax lief es für den Toggenburger Jan Scherrer noch gut, an der WM stürzte er jedoch in jedem der drei Final-Runs und wurde Neunter. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Jeweils Zehnter an den Weltmeisterschaften 2015 und 2017, Olympia-Neunter in Pyeongchang 2018 und jetzt WM-Neunter im amerikanischen Park City: Bisher waren die grossen Titelkämpfe nicht die Sache von Snowboard-Freestyler Jan Scherrer aus Ebnat-Kappel. «Fehlende Konstanz kann man mir nicht vorwerfen», fasst der bald 25-jährige Toggenburger seine bisherigen missglückten Angriffe auf einen Podestplatz an Grossanlässen mit einer Prise Selbstironie und Galgenhumor zusammen.

«Wenn und hätte» gibt es im Sport bekanntlich nicht, aber noch nie jumpte Jan Scherrer an einer WM so knapp an einer Medaille vorbei wie in Park City. Der Rang gibt das Geschehen nicht wieder. Vor allem im zweiten Run trickste die Nummer drei des Gesamtweltcups in schwindelnd erregenden Höhen und er schien die 90-Punkte-Grenze (Maximum: 100) klar zu überfliegen. Bis zum Sturz. «Ich war nach den schwierigen Trainings bei schlechten Wetterverhältnissen überrascht von der Höhe der Sprünge und nahm vor dem letzten Trick etwas Tempo raus. Dadurch veränderten sich die Distanzen minimal und die Folge davon war der Sturz. Ich hätte durchziehen müssen», analysierte Jan Scherrer den Fast-Medaillen-Run am Tag danach.

Sicherheitsläufe gibt es nicht mehr

Die taktische Variante, zuerst einen Sicherheitslauf in die Pipe zu zaubern und dann anzugreifen, gehört an einer WM der Vergangenheit an. «Was nützt eine Punktzahl, die zu Platz sechs oder sieben statt neun reicht? Wer vorne mitmischen möchte», so das Neumitglied des SC Speer Ebnat-Kappel, «muss von Beginn weg mit totalem Risiko losfahren. Alles andere bringt nichts. Es entscheiden Details über Sieg oder Niederlage.»

Dass sich Jan Scherrer nach dem Weltcup-Sieg in China, der Gala in Laax und den Trainingsleistungen mehr erhofft hatte, steht ausser Diskussion. Doch die Enttäuschung hält sich in Grenzen. «Ich habe gesehen, dass ich dort bin, wo ich hin wollte. Für einen Spitzenrang muss ich nicht mehr auf Fehler der andern hoffen, sondern das eigene Niveau passt, um vorne mitmischen zu können. Diese Erfahrung war an der WM unabhängig der Klassierung die wichtigste Erkenntnis.» Und fügt Jan Scherrer an, dass es diesmal nicht geklappt habe, beunruhige ihn nicht. Er gehöre nun einer andern Liga an, müsse sich in der neuen Rolle (Podestplatzanwärter statt Aussenseiter) erst zurechtfinden.

Am Wettkampftag ein Egoist geworden

Künftig werden alle Konkurrenten die Runs des talentierten Skateboarders noch einiges intensiver beobachten. Entsprechend bewundernd fielen die Reaktionen nach dem zweiten Run aus. Selbst der verletzte Olympiasieger Iouri Podladtchikov schwärmte von Scherrers Auftritt und gab dem jüngeren Teamkollegen zu verstehen, er habe nie ein TV-Interview nach einem zweiten Run gegeben, sondern sei auf den Contest fokussiert geblieben. Ein Tipp, den sich der «fliegende Jan» zu Herzen nimmt.

In jenem von Podladtchikov angesprochenen SRF-Interview bekamen die Zuschauer einen «neuen» Jan Scherrer zu hören. Der stellte auf die Frage nach der Verletzung von Podladtchikov klar, im Bewerb sei jeder ein Einzelkämpfer, was um ihn herum geschehe, interessiere ihn nicht. «Ich musste zuerst lernen, am Wettkampftag egoistisch zu denken, nur auf mich zu schauen. Auch dies war ein Prozess.»

Die Chance, sich als Egoist unter den weltbesten Freestyle-Boardern zu etablieren, bietet sich Jan Scherrer beim Weltcup in Calgary (CAN), dem US Open in Vail (USA) und dem Weltcup in Mammoth Mountain. Dazwischen legt er eine Woche Erholung in Los Angeles ein. «Auf diese drei Contests freue ich mich riesig», sagt Jan Scherrer. Die «Niederlage» von Park City mit den drei Stürzen hat das Selbstvertrauen gestärkt, nicht angekratzt.