«Das Wattwiler Volk ist eingeschlafen»: Die Spitaldiskussion bewegt die Toggenburgerinnen und Toggenburger, die Reaktionen bleiben trotzdem verhalten

Rund 70 Personen nehmen an einem Anlass der SP Toggenburg zur Zukunft des Spitals Wattwil teil. Sowohl auf dem Podium als auch im Publikum wird die Lethargie im Volk kritisiert.

Ruben Schönenberger
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Grosses Interesse am Spitalanlass der SP Toggenburg: Rund 70 Interessierte kamen ins Wattwiler Gemeindehaus.

Grosses Interesse am Spitalanlass der SP Toggenburg: Rund 70 Interessierte kamen ins Wattwiler Gemeindehaus.

Bild: Ruben Schönenberger

Das Timing war wohl Zufall. Die SP Toggenburg lud just in jener Woche zu ihrem Spitalanlass, in der auch die regierungsrätliche Botschaft zur Spitalstrategie erwartet wird. Am Donnerstag wird diese vorgestellt, schon am Montagabend stellte die Partei die Frage: «Wie weiter mit dem Spital Wattwil?»

Eine Frage, die ganz offensichtlich auch die Toggenburgerinnen und Toggenburger interessiert. Rund 70 Leute wohnten dem Anlass im Wattwiler Gemeindehaus bei. «Man sieht, dass das Thema bewegt», bilanzierte Joel Müller, der neben Kantonsrat Christoph Thurnherr als Moderator auftrat, schon zum Beginn der Veranstaltung.

Keine Bilder wie noch 2004

Doch auch wenn das Thema bewegt, so bewegen sich die Toggenburgerinnen und Toggenburger kaum. Das zumindest war diversen Voten zu entnehmen. Thurnherr sagte beispielsweise:

«Das Volk in Wattwil ist etwas eingeschlafen.»

Er vermisse Bilder wie damals, 2004, als die Menschen für den Erhalt des Spitals demonstrierten.

Die geplante Spitalschliessung mobilisierte Tausende, die ihren Unmut auf der Strasse kundtaten.

Die geplante Spitalschliessung mobilisierte Tausende, die ihren Unmut auf der Strasse kundtaten.

Bild: Beat Lanzendorfer

Auch Sabine Keller vom Bürgerforum pro Regionalspital Wattwil, die sich im Publikum befand, äusserte sich so. Sie stelle eine gewisse Lethargie fest. Und das sei gefährlich. «Ohne unseren Einsatz machen sie in St.Gallen wirklich, was sie wollen», sagte sie.

Runterfahren per Salamitaktik

Facharzt Daniel Güntert im Gespräch mit einem Besucher des Anlasses.

Facharzt Daniel Güntert im Gespräch mit einem Besucher des Anlasses.

Bild: Ruben Schönenberger

Daniel Güntert, Facharzt mit eigener Praxis in Wattwil und ehemaliger Präsident des Toggenburger Ärztevereins, sagte: «Das Echo in der Bevölkerung ist etwas mager.» Die Empörung sei aber auch in der Ärzteschaft bescheiden, wenn man schaue, wie das Spital Wattwil mittels Salamitaktik runtergefahren werde.

Güntert war von der SP Toggenburg eingeladen worden, um die fachliche Sicht auf die Spitaldebatte darzulegen. Er betonte dabei vor allem die Wichtigkeit des Spitals für das System der Grundversorgung. Dieses habe sich über Jahre entwickelt und könne nicht einfach so geändert werden. Am Spital Wattwil habe man direkten und persönlichen Kontakt zu Fachleuten, die im Bedarfsfall effizient und einfach helfen könnten. Eine wichtige Bedeutung habe das Spital zudem in der Ausbildung. Viele der jetzigen Praxisärzte hätten Teile ihrer Ausbildung am Spital Wattwil absolviert. Ohne ein Spital würden sich weniger Ärzte in die Region niederlassen.

Qualität stimmt auch in Regionalspitälern

Es sei auch falsch, zu behaupten, die Qualität könne in peripheren Spitälern nicht gewährleistet werden. Güntert sagte:

«Das ist eine bösartige Unterstellung.»

In dem, was nicht zu einem Spezialgebiet gehöre, seien die Zentrumsspitäler nicht besser. Diese brauche es zwar, aber die Regionalspitäler eben genauso, denn sie würden für eine Entlastung sorgen. Die Zentrumsspitäler seien auch nicht günstiger. Güntert schlussfolgerte: «Wenn man alles in ein Zentrumsspital verlagert, spart man nichts.»

Konkret kritisierte er das Vorgehen des Verwaltungsratspräsidenten Felix Sennhauser und grundsätzlich alle Gesundheitsökonomen, die «keinen blassen Schimmer» von der medizinischen Versorgung hätten. «Sie sehen nur die Zahlen.»

Verlust kleiner als budgetiert

Kantonsrätin Laura Bucher ordnete die politische Dimension der Spitaldebatte ein.

Kantonsrätin Laura Bucher ordnete die politische Dimension der Spitaldebatte ein.

Bild: Ruben Schönenberger

Für die politische Dimension hatte die SP Toggenburg Laura Bucher, Kantonsrätin und Regierungsratskandidatin aus St.Margrethen eingeladen. Sie bemängelte, dass der Verwaltungsrat vor wenigen Wochen sehr dramatisch an die Presse getreten sei, um die neusten Zahlen zu verkünden. «Wenn man genauer hinschaut, ist der Verlust aber kleiner als budgetiert», sagte sie. Die Spitalregion Fürstenland-Toggenburg könne sogar höhere Frequenzen ausweisen, auch der Umsatz sei gestiegen. Der Grund für das Minus liege auf der Hand:

«Die Tarife sind das Problem.»

Die Spitäler erhielten für ihre Leistungen keine kostendeckenden Tarife, das sei ein schweizweites Problem. Ein weiteres Problem sei, dass die Spitalimmobilien nicht mehr dem Kanton gehörten. An einem Beispiel führte sie aus, dass dadurch die Belastung für die Spitäler steige. Abschreibungen und Zinsen machten mehr aus als die davor entrichtete Miete.

Verwaltungsrat zurückgepfiffen

Im Kantonsrat habe man in der letzten Woche aber einen Meilenstein in der politischen Diskussion erreicht. Das Parlament habe sich endlich dafür ausgesprochen, den Verwaltungsrat zu stoppen. Sie sprach damit die Diskussion um eine für dringlich erklärte Motion an, die von der SP-Grünen- und der SVP-Fraktion eingereicht wurde. Sie forderte den Verwaltungsrat auf, nicht mehr mit Entscheiden Fakten zu schaffen, bevor der demokratische Prozess abgeschlossen ist. Die Motion wurde schliesslich zurückgezogen, weil die Regierung von sich aus an den Verwaltungsrat getreten ist.

Bucher hofft darauf, dass die regierungsrätliche Botschaft Verbesserungen enthält, schliesslich seien die Vernehmlassungsantworten sehr negativ ausgefallen. Sobald die Botschaft vorliege, liege der Ball bei der vorberatenden Kommission, in die sich auch Einsitz nehme.

Grosse Unsicherheit für die Angestellten

Einer Rückweisung des Geschäfts im Kantonsrat steht sie negativ gegenüber. «Entscheide länger hinauszuzögern, wäre Gift», sagte sie. Vor allem für die Angestellten, die mit einer grossen Unsicherheit konfrontiert seien.

In der abschliessenden Fragerunde wurde eines deutlich: Das Volk hat sich vielleicht noch nicht allzu stark bewegt, der Unmut ist aber bereits gross. «Kann man den Verwaltungsrat nicht einfach in die Wüste schicken?», fragte ein Besucher. Er erhielt zustimmendes Gemurmel.

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