Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

«Das Spital Wattwil wird kein Spital ohne Chirurgie, sondern eines ohne Operationen» – zwei Chefärzte zur Situation im Toggenburg

Zwei Chefärzte erklären, warum die Spitalregion Fürstenland-Toggenburg ab November nur noch in Wil operiert und welche Auswirkungen das auf die Patientinnen und Patienten hat.
Urs M. Hemm
Ab November werden im Spital Wattwil keine Operationen mehr durchgeführt. (Bild: PD)

Ab November werden im Spital Wattwil keine Operationen mehr durchgeführt. (Bild: PD)

Die Spitalregion Fürstenland Toggenburg (SRFT) hat im Mai bekanntgegeben, dass ab November alle Operationen am Standort Wil konzentriert werden.

Es ist eine Massnahme aus dem Sanierungsprojekt. Die beiden Ärzte, Christof Geigerseder, Chefarzt Medizin Wattwil und Ressortleiter Medizinische Kliniken, sowie Sandro Lionetto, Chefarzt Chirurgie SRFT und Ressortleiter Operative Kliniken, erläutern die Auswirkungen.

Warum betrifft die Sanierungsmassnahme die Operationen?

Sandro Lionetto: Der Operationsbereich ist einer der kostenintensivsten Bereiche in einem Spital. Dementsprechend ist eine gute Auslastung sowohl mit geplanten als auch notfallmässigen Operationen unabdingbar. Zudem setzt sich in diesem Bereich der Trend zur Spezialisierung weiter fort, ebenso die Verschiebung von stationär zu ambulant, so dass mittelfristig die Aufrechterhaltung des operativen Angebots an zwei Standorten mit einer hohen Behandlungsqualität schwierig würde. Durch die Konzentration der Operationen am Standort Wil können die Kosten gesenkt und gleichzeitig die Behandlungsqualität gesteigert werden.

Inwiefern kann eine Konzentration die Qualität verbessern?

Sandro Lionetto, Chefarzt Chirurgie SRFT. (Bild: PD)

Sandro Lionetto, Chefarzt Chirurgie SRFT. (Bild: PD)

Lionetto: Die rasche und konstante Verfügbarkeit der Operateure ist für die postoperative Betreuung wesentlich, was durch eine Tätigkeit an zwei Standorten schwierig zu gewährleisten ist. Dies wird sich durch die Konzentration auf einen Standort massgeblich verändern. Der zunehmende Trend zu einer Spezialisierung setzt voraus, dass einzelne Operationsarten bei Operateuren mit entsprechenden Kompetenzen gebündelt werden können. Diese Spezialisten führen dieselben Operationen häufiger durch und verfügen daher über mehr Routine. Dies ist an einem Standort einfacher und kostengünstiger umsetzbar als bei standortübergreifender Tätigkeit.

Warum keine Konzentration in Wattwil, wo ein neuer Operationssaal gebaut wurde?

Lionetto: Solche Szenarien haben wir auch analysiert. Allerdings liegen die Fallzahlen an diesem Standort seit Jahren tief, die Auslastung ist ungenügend. Gerade auch die Anzahl von Notfalloperationen und damit die Auslastung von Infrastruktur und Personal an den Standorten spielte eine Rolle bei diesem Entscheid.

Was passiert nun mit dem neuen Operationsbereich in Wattwil? Dieser kann ja nicht anderweitig genutzt werden.

Christof Geigerseder, Chefarzt Medizin Wattwil. (Bild: PD)

Christof Geigerseder, Chefarzt Medizin Wattwil. (Bild: PD)

Christof Geigerseder: Doch. Die genaue Nutzung dieser freien Fläche in den neuen Räumlichkeiten wird derzeit geklärt. Nach Möglichkeit soll sie genutzt werden, um die ambulanten Angebote an einem Ort konzentrieren und damit besser organisieren zu können.

Aber ein Spital ohne Chirurgie, geht das?

Lionetto: Das Spital Wattwil wird kein Spital ohne Chirurgie, sondern ein Spital ohne Operationen. Die Operationen sowie der stationäre Aufenthalt nach dem Eingriff erfolgen zwar in Wil, die Betreuung vorher und nachher in Form von Sprechstunden, Voruntersuchungen oder notwendigen Nachkontrollen findet nach wie vor in Wattwil statt. Ebenso bleibt die sogenannte konservative ambulante Chirurgie wie Gips- und Wundsprechstunden am Standort Wattwil bestehen. Die Patientin oder der Patient geht nur für den eigentlichen Eingriff nach Wil. Alle anderen Schritte in der Behandlungskette können in Wattwil erfolgen.

Geigerseder: Zudem steht ein chirurgischer Liaisondienst, also die fachärztliche Mitbetreuung, zur Verfügung. Dadurch können wir am Standort Wattwil bei Bedarf auch einen entsprechenden Facharzt für die Betreuung der stationären Patienten beiziehen.

In der Versorgung von Notfällen stehen die Chirurgie, Orthopädie und Anästhesie nicht mehr zur Verfügung. Wie stellen Sie sicher, dass alle Notfälle adäquat versorgt werden?

Geigerseder: Dafür sind in der Tat einige Veränderungen nötig. Die Kaderärzte auf der Notfallstation sind Fachärzte der Allgemeinen Inneren Medizin, die nun zusätzlich alle über eine Zusatzausbildung in Notfallmedizin verfügen. Dadurch sind sie speziell auch für die Versorgung von Unfällen, Verletzungen und lebensbedrohlichen Situation ausgebildet.

Wie läuft es, wenn eine Notfalloperation nötig ist?

Geigerseder: In erster Linie muss die richtige Diagnose gestellt werden, um festzustellen, ob und wann eine Operation notwendig ist. Dies wird zwischen dem Kaderarzt der Notfallmedizin in Wattwil und dem diensthabenden Chirurgen oder Orthopäden in Wil besprochen. Letztlich entscheidet der Chirurg bzw. Orthopäde, ob und in welchen Zeitraum eine Operation nötig ist.

Lionetto: Ist eine Notfalloperation nötig, so wird der Patient durch die Rettung St.Gallen nach Wil verlegt. Dort wird der Patient operiert und bleibt nach dem Eingriff in Wil. Dies wird bereits seit rund eineinhalb Jahren bei Notfalloperationen in der Nacht so gehandhabt und hat sich bewährt. Es muss auch festgehalten werden, dass nicht für jeden Kleineingriff eine Verlegung nach Wil nötig ist. Die Notfallmediziner vor Ort sind in der Lage, kleinere Verletzungen selbstständig zu versorgen.

Kann der Patient für den Aufenthalt nach der Operation nicht nach Wattwil gebracht werden?

Lionetto: Das würde aus medizinischer Sicht wenig Sinn machen, da die Operateure die postoperative Betreuung und Behandlungsqualität dann nicht gewährleisten könnten.

Ist die Distanz nach Wil nicht zu lang?

Lionetto: Man muss sich vor Augen halten, dass eine Operation äusserst selten zwingend innerhalb weniger Stunden vorgenommen werden muss. Liegt der Verdacht nahe, dass dies der Fall ist, so werden diese Patienten von der Rettung direkt nach Wil oder wie bereits heute ins Zentrumsspital gebracht.

Mit welchen Notfällen kann man noch ins Spital Wattwil kommen?

Geigerseder: Mit jeder Art Notfall. Das Wichtigste in einem medizinischen Notfall ist die richtige Diagnose. Erst wenn diese erstellt ist, kann auch die richtige Behandlung am richtigen Ort eingeleitet werden. Darauf sind Notfallmediziner spezialisiert.

Wenn ich Bauchschmerzen habe und davon ausgehe, dass ich eine Blinddarmentzündung habe, fahre ich nicht besser gleich in ein anderes Spital?

Lionetto: Nein. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, durch diagnostische Methoden festzustellen, welche Erkrankung tatsächlich vorliegt. Handelt es sich wirklich um eine Blinddarmentzündung? Ist dies der Fall, so wird die Operation in Wil organisiert. Solche Bauchschmerzen haben sehr häufig aber ganz andere, nicht operationsbedürftige Ursachen.

Geigerseder: Zum Beispiel könnten Sie auch unter einer Brechdurchfallerkrankung oder einer Nierenkolik leiden. In diesen Fällen würden wir Sie im Spital Wattwil aufnehmen und behandeln.

Geht bei lebensbedrohlichen Notfällen nicht zu viel Zeit verloren?

Geigerseder: In lebensbedrohlichen Lagen werden die Patienten in der Regel durch die Rettung oder die Rega transportiert. Schon heute fahren oder fliegen diese in solchen Situationen das Zentrums- oder ein Unispital an. Ergibt sich eine akute Lebensbedrohung auf der Notfallstation, so sind wir mit den Notfallmedizinern und dem zur Verfügung stehenden Schockraum dafür hervorragend gerüstet.

Bei planbaren Operationen muss ich direkt ins Spital Wil einrücken. Welchen Einfluss hat das auf die Bettenzahl in Wattwil?

Lionetto: Die im April aufgrund der Nichtauslastung bereits umgesetzte vorübergehende Schliessung von sechs Betten wird nun definitiv weitergeführt. Durch die Konzentration der Operationen wird die Überwachungsstation um zwei Betten re-duziert.

Wenn der ganze stationäre chirurgische und operative Bereich in Wil ist, was gibt es in Wattwil noch?

Geigerseder: Neben der Notfallstation, die ab November durch die gemeinsam mit den Hausärzten betriebene Integrierte Notfallpraxis verstärkt wird, verfügt das Spital Wattwil über verschiedene medizinische Fachrichtungen wie beispielsweise die Allgemeine Innere Medizin, die Kardiologie oder die Onkologie, die ihre Patienten entweder auf der medizinischen Station betreuen oder ambulant. Als Schwerpunktangebot besteht in Wattwil zudem seit Jahren die akutgeriatrische Station, die weiter gestärkt wurde. Ebenso bleibt die Alkoholkurzzeittherapie PSA bestehen, sowie verschiedene weitere ambulante Angebote.

Lionetto: Wie bereits ausgeführt, werden nach wie vor die Sprechstunden der operativen Fachgebiete, die Spezialsprechstunden sowie die Vor- und Nachuntersuchungen in Wattwil angeboten. Auch die Diagnostik ist weiterhin in Wattwil verfügbar.

Das Grobkonzept des Verwaltungsrates sieht vor, Wattwil in ein ambulantes Zentrum umzuwandeln. Ist der Verzicht auf Operationen an diesem Standort ein erster Schritt in diese Richtung?

Lionetto: Der Entscheid über die künftige Ausrichtung der St.Galler Spitäler ist Sache des Kantons, die Arbeiten laufen. Der Entscheid zur Konzentration der Operationen hat mit diesem Projekt auch keinen Zusammenhang, sondern ist als eine Massnahme aus dem Sanierungsprojekt der SRFT hervorgegangen. Dort galt es, eine finanzielle Verbesserung zu erzielen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer qualitativ hochstehenden Gesundheitsversorgung.

Geigerseder: Unser Auftrag ist es, die Versorgung der Toggenburger Bevölkerung auf hohem Niveau sicherzustellen, also den kantonalen Leistungsauftrag zu erfüllen. Die operativen Bereiche an kleineren Spitälern werden künftig immer mehr unter Druck kommen. Es herrscht ein Fachkräftemangel, die Forderungen nach Spezialisierungen nehmen zu, der Trend zu mehr ambulanten Operationen wird sich fortsetzen. Insofern ist der Entscheid ein Schritt in die Zukunft – wie auch immer diese aussehen wird.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.