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Das Haus ohne Dach – und andere architektonische Spuren der Moderne im Toggenburg

Das Toggenburger Museum in Lichtensteig eröffnet am 6. April seine neue Ausstellung mit dem Titel «Back to the future». Sie handelt von architektonischen und künstlerischen Spuren der Moderne in der Region.
Anina Rütsche
Das Haus Thurau in Wattwil, das vor rund 90 Jahren als «Haus ohne Dach» bekannt geworden war, gibt es noch immer. (Bild: Anina Rütsche)

Das Haus Thurau in Wattwil, das vor rund 90 Jahren als «Haus ohne Dach» bekannt geworden war, gibt es noch immer. (Bild: Anina Rütsche)

«Back to the future», also «Zurück in die Zukunft», so lautet das Motto der nächsten Ausstellung im Toggenburger Museum in Lichtensteig. Dort wird zwischen Anfang April und Ende Oktober eine Auswahl von Spuren der Moderne präsentiert, die zwischen 1920 und 1940 in der Region entstanden sind. «Wer Toggenburger Architektur einzig mit traditionellen Bauernhäusern verbindet, greift zu kurz», heisst es in der Ankündigung. Denn in der Zwischenkriegszeit habe die Moderne auch im von der Textilindustrie geprägten Gebiet Einzug gehalten.

«Im Toggenburg gibt es einige ganz besondere Zeitzeugen aus jener Epoche», sagt Marcel Just aus Zürich, der die Ausstellung kuratiert und die Architektur- und Kulturgeschichte erforscht. Er verweist auf Fabrikbauten, auf Tourismusanlagen, auf ein Kino und auf das Haus Thurau, das «Haus ohne Dach». Letzteres steht an der Volkshausstrasse in Wattwil und verdankt seine lustige Bezeichnung der Tatsache, dass es 1930 das erste Flachdachwohnhaus in der Region war. Bei weiten Kreisen der Bevölkerung habe das für Empörung gesorgt, weiss Marcel Just. Und er fügt an: «Leider sind die meisten dieser besonderen Bauten nicht mehr im ursprünglichen Zustand oder überhaupt nicht mehr erhalten.» Er habe aber in intensiver Recherche eine grosse Auswahl an Fotomaterial zusammengetragen, um dennoch einen möglichst vollständigen Überblick zur frühen modernen Architektur im Toggenburg vermitteln zu können.

Zur Ausstellungseröffnung und im Verlauf des Jahres bietet der Experte zudem Führungen in Wattwil und Lichtensteig an, wie dem Programm auf der Einladungskarte der Ausstellung zu entnehmen ist. Damit soll den Besuchern ein möglichst umfassender Eindruck sowie ein Vergleich mit dem aktuellen Ortsbild ermöglicht werden.

Das Dorf Wattwil als zweites Manhattan

Wie einem Artikel zu entnehmen ist, den Marcel Just für das Fachmagazin «k+a – Kunst und Architektur in der Schweiz» geschrieben hat, gab es im Toggenburg des frühen 20. Jahrhunderts einen Aufbruch in Richtung Moderne. Dieser sei allerdings nicht einem allgemeinen Umdenken, sondern einigen wenigen Personen zu verdanken. Dazu zählt Traugott Stauss (1898 – 1952), der zu jener Zeit als Gestalter und Grafiker in Lichtensteig tätig gewesen ist. Von ihm stammt die bis heute bekannte Zeichnung «Zukunftsvision von Wattwil» aus dem Jahr 1924, welche das Toggenburger Dorf in einem Zustand zeigt, der damals als unvorstellbar galt: Da ragen die Hochhäuser reihenweise in den Himmel, auf den Flachdächern landen Flugzeuge – ein Metropolis vor der Kulisse der Churfirsten. Ganz offensichtlich auf die Skyline von New York reagierend, die über Bilder weltweit faszinierte.

Toggenburger Zukunftsvision von Traugott Stauss. (Bild: PD)

Toggenburger Zukunftsvision von Traugott Stauss. (Bild: PD)

«In diesen Dimensionen entwickelte sich die Moderne im Toggenburg allerdings nicht, wie wir heute wissen», hebt Marcel Just hervor. Dennoch gebe es einige Beispiele, die auf dem Land und insbesondere in Bergregionen nicht üblich sind. Die Inspirationen wurden über Fotos, Reportagen und Architekturzeitschriften in die Provinz transportiert. Die Architekten bedienten sich auch in vielen Fällen im Ausland, zum Beispiel bei der Weissenhofsiedlung, einer Bauausstellung des deutschen Werkbundes in Stuttgart oder beim Bauhaus in Dessau.

Fabriken und ein Kino der besonderen Art

Das Casablanca-Gebäude in Wattwil in früheren Zeiten. (Bild: PD)

Das Casablanca-Gebäude in Wattwil in früheren Zeiten. (Bild: PD)

Fast gleichzeitig mit Stauss’ Zukunftsvision, nämlich 1924 bis 26, realisierte die Textilfabrik Heberlein in Wattwil ihr Bleichereigebäude in Beton-Skelettbauweise als Aushängeschild des Betriebs. Planung und Bauführung wurden durch das St.Galler Architekturbüro von Ziegler & Balmer ausgeführt. Der unterdessen umgebaute und renovierte Art-Déco-Flachdachbau ist heute unter dem Namen Casablanca bekannt. Markant und speziell ist auch die Blocksfabrik, ein Druckereigebäude, 1931 realisiert von Architekt Fritz Engler (1895–1977) in Lichtensteig. Kurz und bündig skizziert Just das Gebäude: «Das ganze Vokabular der Moderne wurde hier ausgepackt: Flachdach, Bandfenster, auskragendes, verglastes Treppenhaus und moderne Typographie.»

Erwähnenswert ist laut dem Gastkurator des Toggenburger Museums auch das Kino EOS, später Speer genannt. Es stand ab 1929 an der Bahnhofstrasse in Wattwil. Der Projektionsraum war mit für die damalige Zeit futuristischen Feldern in schwarz, weiss und verschiedenen Grautönen gestaltet. Für diese Ausmalung war wiederum der Gestalter Traugott Stauss verantwortlich. Diesmal konnte er seine «Vision» ins Dreidimensionale übersetzen. Das Kino gibt es heute nicht mehr, an seiner Stelle steht längst eine Ladenzeile. Die Avantgarde musste abdanken.

Das Kino EOS in Wattwil mit Wandbemalung von Traugott Stauss. (Bild: PD)

Das Kino EOS in Wattwil mit Wandbemalung von Traugott Stauss. (Bild: PD)

Ein Hotel, das aussieht wie ein Schiff

Auch im Obertoggenburg gab oder gibt es bauliche Spuren der Moderne. Dazu zählt der moderne Anbau des Kinderheims Speer in Neu St.Johann, der 1935/36 entstand und vor rund einem Jahr abgebrochen wurde. Und auch der bis heute erhaltene Erweiterungsbau der Weberei Meyer-Mayor aus dem Jahr 1935 ist gemäss Marcel Just ein schönes Beispiel moderner Fabrikarchitektur.

Ein weiteres findet sich in Unterwasser beim «Sternen», wo der umtriebige Hotelier Walter Looser 1933/34 von Architekt Hans Brunner einen neuen Hoteltrakt erstellen liess. «Das schwach geneigte Satteldach und die horizontal verlaufenden Terrassenbänder geben der Fassade eine zeitlose, unaufgeregte Eleganz», heisst es im Artikel von «Kunst+Architektur». Auf der Westseite des Stammhauses wiederum wurde der sogenannte Unterhaltungstrakt von Architekt Heinrich Giezendanner angebaut. «Dieser hatte zuvor immer im Heimatstil gebaut und konnte sich hier erstmals einer modernen Ausdrucksweise bedienen», erklärt Marcel Just.

So sah das Hotel Sternen in Unterwasser in den 1930er-Jahren aus. Der Betrieb war seit dem 19. Jahrhundert als Luft- und Molkenkurort eine Institution. (Bild: PD)

So sah das Hotel Sternen in Unterwasser in den 1930er-Jahren aus. Der Betrieb war seit dem 19. Jahrhundert als Luft- und Molkenkurort eine Institution. (Bild: PD)

Vom Dorfkern her gesehen wirkte der runde Abschluss des Trakts fast wie der Bug eines Schiffes. Dahinter war die Bar eingebaut. «Dieser Raum wirkte fast städtisch und verströmte Art-Déco-Mondänität», hebt Marcel Just hervor. An den Wänden hingen Bilder eines nicht mehr bekannten Malers, welche Szenen aus dem Wintersport zeigten. Nebenan im Dancing wurde Livemusik gespielt und getanzt. Auch in der Werbung zeigte sich damals die auffallend moderne Haltung des «Sternen»: Man buhlte für Kundschaft mit einem farblich knalligen roten Prospekt des Tourismusgrafikers Martin Peikert. Mittlerweile hat das Gebäude die Eleganz der Moderne verloren. So heisst es denn auch zum Abschluss seines Artikels: «Heute macht der Anbau mit einer unmöglichen Holzverschalung keine Freude mehr, und im Innern hat nichts aus der Zeit überlebt.»

Marcel Just. (Bild: PD)

Marcel Just. (Bild: PD)

Zusätzlich werden künstlerische Positionen von Traugott Stauss und Walther Wahrenberger gezeigt. Letzterer überrascht mit Holzschnitten zu Klassenkampf-Themen, städtischen Flaneur-Destinationen wie das Cabaret, Kaschemmen und Rotlicht Ecken. Alles in schwarz-weiss, versteht sich. Beim Gestalter und Künstler Stauss hingegen mischen sich die verschiedensten Techniken: Linolschnitte, Möbel, Masken, bemalte Objekte und sogar eine rundum Wandbemalung für das Kino EOS in Wattwil. Man könnte es fast Bauhaus für die Provinz nennen.

Hinweis

Ausstellung «Back to the future», Spuren der Moderne im Toggenburg, im Toggenburger Museum in Lichtensteig. Vernissage-Führung am Samstag, 6. April, 13 Uhr, mit Treffpunkt beim Kiosk am Bahnhof Wattwil. Ausstellungseröffnung gleichentags um 14.30 Uhr im Rathaus für Kultur an der Hauptgasse 12 in Lichtensteig. Die Ausstellung dauert bis zum 27. Oktober. Immer samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. (aru)
www.toggenburgermuseum.ch

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