Das ganze Toggenburg in einem Shop: Gewerbler spannen während der Coronakrise zusammen

Die Onlineplattform toggenburgshop.ch bietet Gewerblern im Toggenburg einen digitalen Absatzkanal.

Fabio Giger
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Auch «Kägi» macht mit: Produkte aus dem Toggenburg gibt es in einem gemeinsamen Onlineshop.

Auch «Kägi» macht mit: Produkte aus dem Toggenburg gibt es in einem gemeinsamen Onlineshop.

Bild: PD

Was tun, wenn die Leute wegen der Coronapandemie nicht mehr aus dem Haus sollten, aber trotzdem einkaufen möchten? Der Warenvertrieb von Schweizer Ladenbetreiber konzentriert sich derzeit auf den Lieferservice und den Onlineshop mit Heimversand. Die Hauslieferung ist aber mit grossem logistischem Aufwand verbunden, einen Onlineshop einzurichten braucht Zeit und Kapital. Fürs Kleingewerbe also schwierig umzusetzen.

Der gemeinnützige Verein «Toggenburg digiTal» hat dies erkannt und innert kürzester Zeit die Plattform www.toggenburgshop.ch geschaffen. Darauf können Gewerbler aus dem Tal seit zwei Wochen ihre Produkte anbieten. Das Sortiment zählt schon über 1000 Produkte, darunter Lebensmittel, Blumengestecke, Körperpflegeprodukte oder Heimelektronik.

Freiwillige sortieren, verpacken und liefern aus

Die erste Woche sei sehr erfreulich verlaufen, berichtet Mitinitiator Ivan Louis: «Wir verzeichnen eine steigende Anzahl an Aufträgen. Aktuell gehen täglich etwa 20 Bestellungen ein.» Die Produzenten bringen ihre Waren an den zwei Sammelstellen in Lichtensteig und Neu St. Johann zusammen.

Dort werden sie von freiwilligen Helfen sortiert, die Bestellungen zusammengestellt, in Tüten gepackt und ausgeliefert. Die Lieferung übernehmen ebenfalls Freiwillige oder Leute aus dem sechsköpfigen Verein «Toggenburg digiTal».

Ivan Louis (links) und Adrian Brügger vom Toggenburgshop.

Ivan Louis (links) und Adrian Brügger vom Toggenburgshop.

Bild: Fabio Giger

Auch Grossbetriebe sind mit dabei

Die Idee für einen Toggenburger Onlineshop sei eigentlich schon alt – vor rund 15 Jahren wurde ein ähnlicher Shop realisiert. Der Lichtensteiger Stadtpräsident Mathias Müller wollte dieses Projekt neu aufgleisen. Strippenzieher Louis:

«Innerhalb eines Wochenendes hatten wir die technischen Voraussetzungen für den Shop geschaffen.»

Deshalb gebe es auch noch einige Kinderkrankheiten, die auszubessern seien. Mehr als ein Dutzend lokaler Produzenten waren sofort mit von der Partie. Mittlerweile sind es fast 50 Anbieter, darunter auch Grossfirmen wie die Morga aus Ebnat-Kappel oder die Kägi Söhne aus Lichtensteig, die ihre Schoggiwaffeln über den Toggenburgshop anbieten. «Ihnen ist es ein Anliegen, die lokale Wirtschaft zu stützen», erklärt Louis. Weitere Produzenten seien im Hintergrund mit der Produkterfassung beschäftigt und werden bald aufgeschaltet.

Dorfladen statt Supermarkt

Von Anfang an mit dabei war die Bäckerei Brunner aus Oberhelfenschwil. Bestellungen von Restaurants und für Firmenanlässe fallen derzeit weg. Mit dem Onlineangebot will Geschäftsführer Marcel Brunner die Situation etwas ausgleichen. Teilweise gelingt ihm das auch im Laden. Brunner berichtet:

«Die Leute meiden die grossen Supermärkte und kaufen bei uns ein. Wir bedienen im Laden Kunden, die vorher noch nie bei uns einkauften.»

Für den Toggenburgshop konnte er bisher erst im kleinen Rahmen liefern: «Solche Projekte brauchen immer etwas Anlaufzeit», sagt Brunner.

Kostendeckender Betrieb ist schwierig

E-Commerce-Experte David Morant von Carpathia sieht im Projekt grosse Chancen fürs Kleingewerbe: «Die Betriebe erlernen die Prozessabläufe des digitalen Produktvertriebs und können wichtige Erfahrungen für die Zeit nach der Krise sammeln.»

Er sieht die Stärke der Plattform in der Produktbreite. «Der Kunde muss auf der Webseite einen breiten Warenkorb zusammenstellen können. Da viele Lieferanten Produkte anbieten, funktioniert die Plattform wie ein Marktplatz», erklärt Morant. Speziell die Logistik werde in Zukunft ein grosser Kostentreiber des Geschäftsmodells. Deshalb sei es unausweichlich, dass Lieferungen zusammenlegt und Kräfte gebündelt werden.

Lokales Liefergebiet dürfte zu klein sein für die Zukunft

Grosses kommerzielles Zukunftspotential über die Krise hinweg sieht Morant für die derzeitige Ausführung des Toggenburgshop eher nicht: «Ein kostendeckender Betrieb mit ausschliesslich lokalem Liefergebiet wird schwierig aufrecht zu erhalten sein, insbesondere zu Normalzeiten.»

Aber er betont, dass es dank des Onlineshops durchaus Möglichkeiten gibt, regionale Qualitätsprodukte über den Digitalkanal überregional zu vermarkten. «Es kommt dann darauf an, ob mit geschicktem Marketing eine genügend grosse Nachfrage erzielt und die Kommissionier- und Auslieferungskosten im Griff behalten werden können», sagt Morant.

Nach der Krise in anderer Form

In dieselbe Kerbe schlägt Ivan Louis: «Der Toggenburgshop soll nach der Coronakrise weiterbestehen, wenn auch in einer etwas anderen Form.» Der Fokus soll dann stärker auf Toggenburger Spezialitäten liegen, die in weitere Teile der Schweiz verschickt werden. «Unsere Vision ist es, die Digitalisierung zu nutzen und damit einen Mehrwert für das Tal zu schaffen», erklärt Louis.

Aktuell arbeite man an der technischen Entwicklung der Plattform. Neue Funktionen werden vorzu ergänzt und das Sortiment ständig erweitert.