Damals: Wattwiler Künstler Lüber hängt an der Fassade

Aus vergangenen Zeiten – Das «Toggenburger Tagblatt» veröffentlicht jede Woche Begebenheiten aus vergangenen Zeiten. Was ist vor 100, 50, 20 oder 10 Jahren im Toggenburg passiert?

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Keine Sinnestäuschung: Heinrich Lüber aus Wattwil «hing» an der EPA-Hausfassade in Baden.

Keine Sinnestäuschung: Heinrich Lüber aus Wattwil «hing» an der EPA-Hausfassade in Baden. 

Bild: PD

Vor 100 Jahren

14. April: Nesslau. Eisenbahnprojekt Nesslau-Buchs. Ein solches wird gegenwärtig eifrig studiert und der Verwirklichung entgegenzuführen gesucht. Es handelt sich um eine Bahn mit einem Meter Spurbreite, deren Baukosten samt Rollmaterial auf neun Millionen berechnet werden. Das Geld soll durch Subventionen, Aktien und Anleihen aufgebracht werden. Auf dem Papier der Rentabilitätsberechnung stehen 800'000.00 Fr. jährliche Betriebseinnahmen und 500'000.00 Fr. Ausgaben, somit ein Aktivüberschuss von 300'000.00 Fr. Die Linie soll in der Hauptsache dem lokalen Personen- und Güterverkehr dienen.

Die Betriebslänge der neuen Bahn beträgt rund 32 Kilometer; in der Hauptsache erhält sie eigenes Trasse; nur in Engpässen wird die Kantonsstrasse in Anspruch genommen werden mit Verbreiterung derselben. An Kunstbauten sind hervorzuheben mehrere Brücken, einige kürzere Tunnels und bei Schönenberg ein Kehrtunnel oder ein Kehrviadukt. Als Vollstationen für Personen-, Gepäck- und Güterverkehr werden ausgebaut Stein, Alt St. Johann, Unterwasser, Wildhaus, Gamserberg, Gams, Grabs. Zwischen den genannten Ortschaften sind Haltestellen nach Bedarf vorgesehen.

Als Rollmaterial werden Personenmotorenwagen nebst Anhängewagen in Aussicht genommen, als Triebkraft Einphasen-Wechselstrom mit 10'000 Volt Spannung. Für den Anfang würden fünf durchgehende Zugspaare den Verkehr vermitteln; auf der Strecke Gams-Buchs würden weitere Züge mit Tramcharakter eingeschaltet.

Vor 50 Jahren

13. April: Hemberg. Auch in Hemberg ziehen Frauen in die Kirchenbehörde ein. Präsident Jakob Bösch konnte eine recht zahlreiche Schar von Kirchgenossen begrüssen. Dem Wunsche, den Frauen nunmehr aktive Mitarbeit und Mitverantwortung zu übertragen, wurde sogleich bei der Abwicklung der Traktanden entsprochen. Das Büro wurde mit Ernst Keller, Konrad Langenegger und Rösli Nef bestellt. Präsident Jakob Bösch erklärte seinen Rücktritt aus der Kirchenvorsteherschaft, der er 22 Jahre angehört hatte. Die Kirchenvorsteher Emil Grob, Brugg und Jakob Wickli, Tellerswies, nahmen ebenfalls Abschied. In globo wurden die Verbleibenden Karl Raschle, Ernst Reich, Kaspar Bleiker und Pfarrer Scherrer, im Amte bestätigt.

Die Neuwahlen waren gut vorbereitet worden. Präsident Jakob Bösch empfahl die drei Nominationen Hilda Brunner, Risi, Hanna Brunner, Schwendi und Jakob Näf, Bächli, zur Wahl. Der Vorsitzende sprach den Neugewählten, unter denen erstmals Frauen sind, seine Gratulation aus.

13. April: Ebnat-Kappel. Präsident E.M. Künzler eröffnete die sehr gut besuchte Rechnungsgemeinde der evang. Kirchgemeinde zu Kappel. Kernpunkt der allg. Umfrage war die Aussen- und Innenrenovation samt Orgelerneuerung, im Kostenbetrage von 715'000 Franken oder aber Abbruch der im Jahre 1856 nach dem Kappler Dorfbrande neuerbauten Kirche und die Erstellung eines Kirchgemeindehauses, das nach Kostenberechnungen des Projektverfassers auf rund 1,21 Mio. Franken zu stehen käme.

Die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer neigten in ihren Aeusserungen eher zur Ansicht, dass einer Renovation – auch aus finanziellen Gründen – der Vorzug zu geben sei, schon aus Rücksicht auf die Erhaltung des Dorfbildes und in pietätvollem Gedenken an die Vorfahren, die zu damaligen Zeiten mit besonderer Opferfreudigkeit ihr neues Gotteshaus aus Schutt und Asche neu erstehen liessen.

Vor 20 Jahren

11. März: Wattwil. Die Verkehrsebene des Bahnhofplatzes in Baden um 17.30 Uhr ist dichter bevölkert als sonst. Grund: Der erste Akt eines neuen, programmatischen Projekts offener Kunst am Bau auf dem Areal des Bahnhofs. «Infolge» heisst das Projekt von Daniel Robert Hunziker und soll nicht herkömmliche künstlerische Gestaltung bringen, sondern neue Ansätze für Kunst am Bau in der Auseinandersetzung im öffentlichen Raum. Christian Häfeli von den Regionalwerken hantiert vom Korb des Lastwagenlifts aus an der Fassade. Dort muss er noch die Halterung für die Kunst anbringen. Von Kunst noch nichts zu sehen.

Doch jetzt gehen Aha-Erlebnisse durchs Publikum. «Paradeplatz», kommt es einigen über die Lippen. Richtig, derselbe Heinrich Lüber – der in Wattwil geborene Künstler, der sich vor wenigen Monaten über Zürcher Strassenpflaster hing, wird dies jetzt gleich in der Provinz tun. Eine Tragkonstruktion ist in die Fassade gedübelt worden. Um 18.45 Uhr – endlich. Lüber, der sich auf dem Gestell bequem gemacht hat, wird in seinen Anzug gehüllt. Nun, bequem ist wohl übertrieben. Spontaner Applaus. Lüber hängt (für die eingeweihten Beobachter) an EPA. Frisch dazugekommene Zaungäste stehen staunend vor einem Rätsel. Fliegt diese Gestalt, stürzt sie, hängt sie, oder ist sie gar durch die Fassade gesprungen? «Puppe oder lebt er?», fragt jemand spontan. Lüber lüftet das Geheimnis selber mit spontanem Lächeln und Kopfdrehen.

Leute bleiben stehen auf dem Fussgängerstreifen – und werden beinahe überfahren, verpassen den Bus nur darum nicht, weil auch der Chauffeur vor lauter Staunen die Abfahrzeit vergessen hat. Irritation beantwortet Lüber mit schelmischem Blick zurück. Der Bahnhofplatz wird plötzlich zum dreidimensionalen Begegnungs- und Kommunikationsort von Menschen jeglicher Gattung. Dann 20.15 Uhr, Lüber schwebt noch oben. Seine Nase tropft. Die Finger sind klamm geworden, doch das anstrengende Vergnügen der ungewohnten Begegnung mit Menschen unten auf der Strasse hält ihn bei Laune. Dennoch wird er erlöst und wieder irdisch gemacht. Kunst, Performance oder ein Gag?

Vor 10 Jahren

13. April: Neckertal. Die St.Galler Gemeinden Neckertal, Oberhelfenschwil und Hemberg sowie die Ausserrhoder Gemeinden Urnäsch und Schönengrund planen gemeinsam einen Regionalen Naturpark. Weil der Skitourismus im Neckertal keine Rolle spielt, hoffen die Gemeinden auf Zustimmung. Derzeit gibt es in der Schweiz 16 Gebiete, die sich «Regionaler Naturpark» nennen. Als Starthilfe haben sie durchschnittlich 800'000 Franken Bundesgelder bekommen. In der Nordostschweiz gibt es noch gar keine Naturparks. Nicht dabei ist auch das Projekt «Naturpark Toggenburg-Werdenberg», das 2007 am Widerstand der Bergbahnen, der Bauern sowie der Industrie und des Gewerbes gescheitert ist. Die Neckertaler Gemeindepräsidentin will mit einer Machbarkeitsstudie herausfinden, ob ein Regionaler Naturpark für die fünf Gemeinden Neckertal, Hemberg und Oberhelfenschwil sowie die Ausserrhoder Gemeinden Schönengrund und Urnäsch Sinn macht.

14. April: Mosnang. Vor vierzig Jahren war die Landjugend Alttoggenburg eine katholische Jugendgruppe, die über das Miteinander von Alt und Jung diskutierte. Heute ist sie ein Freizeitverein. Die Mitglieder der Landjugend kamen aus unterschiedlichen Berufen und gesellschaftlichen Schichten. Auch wenn die Initiative von den Jugendlichen aus bäuerlichen Verhältnissen gekommen sei, sagte Gründungspräsident Eduard Amrhein. «Hätten wir nur Bauern aufgenommen, wären wir ein kleines Grüppchen geblieben.» Auch wurden von Anfang an evangelische Mitglieder aufgenommen.