Glosse
Damals war es fast so wie heute

Im Alltag auf der Redaktion erleben die Journalisten einiges: Mails, Anrufe, Begegnungen. Einige dieser Geschichten, wie der Blick in eine Zeitung von vor 50 Jahren, sind es wert, erzählt zu werden.

Sabine Camedda
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Sabine Camedda. (Bild: Urs Jaudas)

Sabine Camedda. (Bild: Urs Jaudas)

Als nunmehr einzige Redaktorin unter männlichen Kollegen, bin ich immer wieder versucht, die Ehre von uns Frauen hochzuhalten. Da las ich letzthin in einem Artikel unserer Zeitung betreffend der Arbeit in den Schweizer Medien folgenden Satz: «Nur hinter jedem dritten Beitrag steht eine Frau.»

Wie bitte soll ich das nun verstehen? Als leise Aufforderung, mehr zu schreiben, damit wir im «Toggenburger Tagblatt» diese Quote sicher erfüllen oder sogar noch übertreffen? Nein, natürlich ging es im Beitrag darum, dass Journalistinnen in unserer Branche untervertreten sind. Wie recht der Schreiber – ein Mann notabene – doch hat.

Gerne darf ich bei internen Diskussionen bei uns auf der Redaktion meine weibliche Sicht der Dinge anbringen. Nur: Unser Team ist demokratisch aufgestellt und meine Meinung zählt auf der Redaktion gleich viel wie die meiner Kollegen. So scheitert der weibliche Impuls oftmals an der Mehrheitsklausel.

Nun habe ich aus Recherchezwecken den Zeitungsband von 1969 aufgeschlagen und die Beiträge genauer angeschaut. Bei den meisten Artikeln steht am Anfang des Textes das Kürzel des Verfassers. Jawohl, Verfassers. Denn vor 50 Jahren gab es noch keine Redaktorinnen beim «Der Toggenburger».

Bei einigen wenigen Artikeln steht «(Einges.)», was für sich spricht. Doch plötzlich traue ich meinen Augen kaum. Ich entdecke am Anfang von einzelnen Artikeln ein ♀, ein für damalige Zeitungen kaum benutztes typografisches Zeichen, das Venussymbol. Das Zeichen also, das heute für Frauen steht. Zuerst staune ich, dass es überhaupt schon bekannt war. Dann überlege ich mir eine mögliche Erklärung.

Die Artikel beschreiben das, was zur damaligen Zeit unter die Kategorie «Unglücksfälle und Verbrechen» gefallen ist. Aber keine Unfälle aus dem Toggenburg, sondern aus dem übrigen Kantonsgebiet. Artikel also, die uns heute vom Mediendienst der Kantonspolizei St. Gallen zugeschickt werden.

Eine Polizistin? Das glaube ich nicht, denn damals gab es den Mediendienst noch nicht. Und folglich auch keine Mediensprecherin.
Hat eine anonyme Schreiberin diese Texte verfasst? Auch das glaube ich nicht. Und wenn doch, ist zumindest eins klar: Es sind so wenige ♀-Artikel zu finden, dass die unbekannte Journalistin nie auf die Quote von mehr als einem Drittel gekommen wäre.