Damals
Die Villa Lietha – oder, warum der Flawiler «Rössli»-Wirt die Tonhalle baute

Während 100 Jahren thronte über Flawil, am Standort des heutigen Weidegg-Pärklis, ein imposanter Bau, die Villa Weidegg. Sie wurde im Mai 1884 festlich eingeweiht und fiel 100 Jahre später, im August 1983, als baufälliges Gebäude der Spitzhacke zum Opfer.

Johannes Rutz
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Die Villa Weidegg von der repräsentativen Nordseite her auf einer kolorierten Ansichtskarte.

Die Villa Weidegg von der repräsentativen Nordseite her auf einer kolorierten Ansichtskarte.

Bild: PD

Den Grundstein legte der Prättigauer Johann Lietha. Der 20-jährige, frisch verheiratete Bauer musste sein Dorf Seewies verlassen, da ihm das gerade niedergebrannte väterliche Heimwesen keine Existenz mehr bot. 1880 erwarb er auf der damals noch «Bauernweid» genannten Anhöhe in Flawil ein landwirtschaftliches Heimwesen. Er machte sich zügig daran, an die Scheune ein vierstöckiges Haus mit Restaurant und Gesellschaftssaal anzubauen und eine Gartenwirtschaft einzurichten. Zudem liess Lietha eine Wasserleitung von der Magdenauer Höhe zu seiner Villa und ins Dorf hinunter erstellen.

Treffpunkt Villa Lietha

Die Villa Lietha, wie sie nun mit grossen Lettern angeschrieben war, entwickelte sich bald zu einem beliebten Ausflugsrestaurant und zu einem Treffpunkt für gesellschaftliche Anlässe. Lietha warb in Inseraten für den grossen Saal mit 500 Plätzen, die doppelte Kegelbahn, den laufenden Brunnen, den wohlgepflegten Garten. «Auf dem flachen Dach des Hauses geniesst man eine prachtvolle Rundsicht. Man erblickt eine Menge Ortschaften mit 12 bis 14 Kirchtürmen.»

Eine historische Wiese

Das heutige Weidegg-Pärkli mit der dahinterliegenden, leicht ansteigenden, heute überbauten Wiese stand einst im Fokus der eidgenössischen Politik. Vor 185 Jahren, am 7. August 1936, versammelten sich dort 8000 Leute. Sie forderten angesichts der innenpolitischen Zerrissenheit einen starken Bundesstaat. Ein Gedenkstein erinnert an diesen denkwürdigen Tag. (jr)

Die weitläufige Wiese hinter der Villa Weidegg war ideal für Wettkämpfe und Festspiele. Der Platz bot mit dem steilen Bord, das die Wiese gegen Süden abschliesst, den Zuschauern beste Sicht. Viele Grossanlässe fanden statt wie das Kreisturnfest (1885), das Ostschweizer Ring- und Schwingfest (1890), das Jugendfest (1891). 1895 verkaufte Johann Lietha seinen Betrieb, da es ihn wieder in die Bündner Berge nach Maienfeld zog. Auch unter seinen Nachfolgern blieb das Aussichtsrestaurant, das sich nun Villa Weidegg nannte, beliebt.

Über Lautsprecher übertragene Radioklänge

Weitere Jugendfeste folgten 1897, 1903 und 1909 mit jeweils gegen 900 Schulkindern. 1920 nahmen 5000 Zuschauer an der Springkonkurrenz des Reitklubs Flawil teil. 1924 erlebte Flawil im «Weidegg»-Saal eine technische Premiere. Zum ersten Mal hörten die Anwesenden Radioklänge, die durch einen Lautsprecher übertragen wurden. Die Villa Weidegg beherbergte immer wieder Ferienkolonien für Knaben aus der Stadt Zürich und oft diente sie für militärische Einquartierungen.

Der Neid des «Rössli»-Wirts

Das Flawiler Vereinsleben, Versammlungen, Konzerte, Tanzanlässe, Theater, Gesangsproben spielten sich zu einem wesentlichen Teil oben in der Villa Weidegg ab. Das weckte den Neid des «Rössli»-Wirtes, Johann Heinrich Bachmann, der mit seinem Hotel im Dorfzentrum weiterhin die Nummer 1 spielen wollte.

Flawil 1907: Die Villa Lietha hoch oben. Im Dorf unten (untere Bildmitte) das Hotel Rössli mit der neuen Tonhalle als Konkurrenzsaal.

Flawil 1907: Die Villa Lietha hoch oben. Im Dorf unten (untere Bildmitte) das Hotel Rössli mit der neuen Tonhalle als Konkurrenzsaal.

Bild: Ortsmuseum Flawil

Mit einem finanziellen Kraftakt errichtete er auf eigene Kosten die Tonhalle mit bis zu 1000 Plätzen. Der Saal werde, so seine Werbung, «durch elektrisches Licht taghell beleuchtet». Die Einweihung erfolgte 1887, drei Jahre nach der Eröffnung des Saales der Villa Lietha.

Zäsur für die Villa Weidegg

Ein einschneidender Eigentümerwechsel erfolgte 1924, als das von Nesslau zugezogene Ehepaar Gregor und Verena Roth-Rutz die Liegenschaft übernahm. Es sah aber bald ein, dass die Arbeitsbelastung für einen Landwirtschaftsbetrieb mit Wirtschaft und Saal zu gross war, zumal es nicht mehr auf die Unterstützung seines Bruders Emil mit Frau Alwina zählen konnte. Dieser übernahm einen eigenen Bauernhof. Das Wirtepatent wurde 1928 nicht mehr erneuert. So blieb der Saal für die nächsten 55 Jahre leer.

1949 ging der Hof an Sohn Jakob Roth-Schindler (1919–2000). Mit 13 Kindern brachte die Familie ordentlich Betrieb ins Haus, in der auch eine weitere Familie und italienische Saisonniers wohnten. Für die Kinder war das riesige Gebäude ein Paradies, wie der heute 72-jährige Sohn Jakob jun. schildert. Der Saal sei eine Grümpelkammer gewesen mit Mobiliar und Geschirr aus der Restaurationszeit und ein Ort für Eishockey und Spiele. Vater Roth finanzierte den Lebensunterhalt und die Ausbildung seiner vielen Kinder durch den gelegentlichen Verkauf von Bauparzellen.

Das Ende einer Ära

In den 1970er-Jahren stelle sich immer drängender Frage der Zukunft der Villa Weidegg. Es zeigt sich, dass die Kosten für eine gründliche Renovation in keinem Verhältnis zu einem vernünftigen Mietpreis standen. Zudem schien die Aussiedlung des Landwirtschaftsbetriebes mit einem Neubau eine bessere Lösung.

Die Südseite der Villa Weidgg mit der Scheune als Blickfang.

Die Südseite der Villa Weidgg mit der Scheune als Blickfang.

Bild: Ortsmuseum Flawil

Es begannen langwierige Verhandlungen zwischen der Familie Roth, Bodenbesitzer Hermann Lüdi, Mitbesitzer der Metallwarenfabrik Lüdi & Cie. AG, und der politischen Gemeinde. Die Bevölkerung verfolgte die Diskussionen argwöhnisch. In Leserbriefen wurde dem Gemeinderat Salamitaktik vorgeworfen. Scheibe um Scheibe werde immer mehr Bauland eingezont. Im Mitteilungsblatt der SP Flawil, «die chli zitig», wurde kritisiert, dass das Naherholungsgebiet durch Überbauungen immer mehr zerstört werde und die Baulandausnützung miserabel sei.

Aussiedlung des Landwirtschaftsbetriebes

Anfang der 1980er-Jahre kam es schliesslich zu einem Kompromiss, wie er die heutige Realität abbildet. Am Standort der ehemaligen Villa schuf die politische Gemeinde den öffentlichen Weidegg-Park als Aussichtspunkt. Im Raume Mettlen wurde grossflächig Bauland eingezont und beim Weiler Oberbotsberg erhielt die Familie Roth durch Umzonung und Abtausch ein neues, 20 Hektaren umfassendes Landwirtschaftsgut.

Mit der Aussiedlung ging der Hof an die dritte Generation Roth, an Sohn Ernst. Dieser wanderte im Jahre 2000 nach Missouri (USA) aus. So ist nun in vierter Generation seine 45-jährige Nichte Stephanie Roth mit ihrer Vieh- und Pferdehaltung in der Pflicht.