Damals
Das Töffli: Fortbewegungsmittel des «kleinen Mannes» und Statussymbol der männlichen Jugend

Aus vergangenen Zeiten – das «Toggenburger Tagblatt» veröffentlicht jede Woche Begebenheiten aus vergangenen Zeiten. Was ist vor 100, 50, 20 oder 10 Jahren im Toggenburg passiert?

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Viele Arbeiter benutzten das Gefährt für den täglichen Weg zur Arbeit.

Viele Arbeiter benutzten das Gefährt für den täglichen Weg zur Arbeit.

Bild: PD

Vor 100 Jahren

22. Juni: Nesslau. In der letzten Pockenstatistik wurde auch die Krankheit aus Nesslau gemeldet. Die dortige Zeitung gibt nun willkommene Aufklärung über den Sachverhalt, indem sie schreibt: «Ein Dienstmädchen aus hiesiger Gegend flüchtete aus dem Absonderungsspital Milchbuck bei Zürich, fuhr per Bahn hierher zu Muttern. Kaum hier angelangt, wurde wegen Pockenverdacht das Haus mit den vier Insassen polizeilich abgesperrt, der herbeigezogene Arzt traf mit der Behörde die nötigen Anordnungen. Da ein Abtransport am gleichen Abend ins nächste Krankenhaus nicht mehr möglich war, wurde die betreffende Person am frühen Morgen des nächsten Tages ins Spital-Absonderungshaus per Krankenwagen überführt. Das heimatliche Haus samt seinen Insassen blieb bis heute gegen jeden Aussenverkehr abgesperrt; bei den Insassen zeigte sich nun nach 13 Tagen nicht das geringste Symptom von Ansteckung und Erkrankung, sodass das pockenverdächtig gemeldete Kurort Nesslau als pockenfrei erklärt werden kann. Das rasche Einschreiten der Behörde und des Arztes schloss jede Weiterverbreitung aus. Dies zur Richtigstellung und Beruhigung derjenigen, die aus Pockenschrecken und Impffurcht ein unnötiges Gruseln empfinden. Den Fremden aber darf gesagt sein, die Luft ist hier rein!»

Vor 50 Jahren

21. Juni: Lütisburg. Bürgerschaft wünscht einen Kindergarten. Die Schulreifetests beim Eintritt ins Schulalter zeigen Jahr für Jahr sehr deutlich, welches Manko Kinder haben, die nicht in den Genuss eines Kindergartens kommen. Nachdem Lütisburg die gemeinsame Schule verwirklicht hat, tritt der Wunsch nach einem Kindergarten immer mehr in den Vordergrund. So luden die beiden Pfarrer und der Schulratspräsident von Lütisburg die interessierten Bürger zu einer Orientierungsversammlung ein.

Eine erfreulich grosse Zahl von Männern und Frauen versammelte sich kürzlich zur Beratung über einen neuen Kindergarten. Frau Dr. Germann, Dozentin für Kinderpsychologie am Lehrerseminar Sargans, sprach in einem ausführlichen Referat über die Bedeutung des Kindergartens für die Entwicklung des Kindes. Er könne dem Kind bleibende Werte für das spätere Leben vermitteln und sei daher je länger, desto weniger mehr wegzudenken.

Ein Kindergarten aber kann nicht einfach gegründet werden. Leider ist der Kanton St.Gallen noch nicht so weit, dass er das Kindergartenwesen genügend fördert. So leiden die Ausgleichsgemeinden am meisten darunter, da es fast unmöglich ist, dort Kindergärten mit voll ausgebildeten Kindergärtnerinnen zu führen. Dennoch wünschen es die Bürger eindringlich, dass die Vorstudien für einen Kindergarten Lütisburg in Angriff genommen werden.

Vor 20 Jahren

19. Juni: Mogelsberg. Mit Erfolg teilgenommen. Die Musikgesellschaft Mogelsberg kehrte vom «Eidgenössischen» heim. Viele Mogelsbergerinnen und Mogelsberger warteten am Sonntagabend auf dem «Ochsen»-Parkplatz auf «ihre» Musikantinnen und Musikanten. Der Verein hatte am Eidgenössischen Musikfest in Fribourg teilgenommen.

Mit klingendem Spiel marschierte das stattliche Korps in Mogelsberg ein. Die freudigen Gesichter verrieten bereits, dass «etwas» erreicht worden war. Schnell formierte sich ein Umzug – angeführt von der Musikgesellschaft Dicken und Fahnendelegationen – zum Platz vor dem Mehrzweckgebäude. Die Reise nach Fribourg sei mehr als ein Ausflug gewesen. Um an einem solchen friedlichen Wettkampf teilzunehmen, brauchte es viel Vorbereitungsarbeit. Vereinspräsident Werner Ackermann lobte die tadellose Organisation des Festes und hob die hohe Messlatte der Jury hervor. Dies nicht als Entschuldigung für die relativ niedere Punktzahl – die hohen Anforderungen galten für alle Vereine gleichermassen.

Bei der Konzertmusik setzte sich Mogelsberg auf Platz 14 von 30 Vereinen, wobei zu vermerken ist, dass das Selbstwahlstück «Ross Roy» in der höheren Kategorie «Schwere Kompositionen» eingestuft ist. Mit dem Marsch «Dr. Günther Sabetzki» sicherte sich die MG Mogelsberg mit 102 Punkten den hervorragenden vierten Rang der 30 Vereine!

21. Juni: Toggenburg. Vor 40 Jahren wurde die Kategorie der Motorfahrräder, besser bekannt als Mofa oder «Töffli», in der Schweiz eingeführt. In den Boomjahren zwischen 1961 und 1980 fanden jährlich Zehntausende dieser sparsamen, praktischen Nahverkehrsfahrzeuge einen Käufer oder eine Käuferin.

Der Boom ist zwar vorbei, aber die Vorteile des «Töffli» reflektieren sich in einem aktuellen Gesamtbestand von einer Viertelmillion Fahrzeugen. Viele Leute in der Schweiz, die vor 40 Jahren 14 Jahre oder älter waren, erinnern sich mit nostalgischer Wehmut an ihr erstes Motorfahrzeug. Das «Töffli» oder der «Sackgeldverdunster» wurde für viele Jugendliche zum Traum der ersten, individuellen Mobilität schlechthin.

Das Mofa wurde innert kürzester Zeit zum Fortbewegungsmittel des «kleinen Mannes» und zum Statussymbol der männlichen Jugend. Wer erinnert sich nicht an die liebevoll hergerichteten, mit Chromteilen und hohen Chopperlenkern aufgemotzten Gefährte?

Vor 10 Jahren

17. Juni: Wattwil. Seit vorgestern gibt es den Obstbauverein Toggenburg. Sein Ziel: Die Mosterei im mittleren Toggenburg erhalten und Obstbäume pflegen. Dazu will der Verein eine moderne Presse kaufen. Die Gemeinde Wattwil beteiligt sich daran.

Rund 60'000 Liter Most werden jeweils im September und Oktober im Rickenhof aus dem angelieferten regionalen Obst gepresst. Für Landwirt Ernst Forrer ist dies ein Nebenverdienst. Pro Liter abgefüllten Most bekommt er zwischen 22 und 30 Rappen. Er betreibt mit drei Helfern seit vielen Jahren die gemeindeeigene Mostpresse. Die aber ist in die Jahre gekommen und für den langfristigen Erhalt der Mosterei braucht es eine neue Presse.

Sie kostet 90'000 Franken – für einen Einzelnen eine zu hohe Investition. So hat sich am Mittwoch eine Gruppe initiativer Landwirte zu einem Verein zusammengefunden, die eine neue Presse kaufen und die Obstbaukultur im Toggenburg pflegen will.