Damals: Ärzte auf dem Land – ein Auslaufmodell?

Das «Toggenburger Tagblatt» veröffentlicht jede Woche Begebenheiten aus vergangenen Zeiten. Was ist vor 100, 50, 20 oder 10 Jahren im Toggenburg passiert?

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Hans Dischl, seit über 25 Jahren allgemein praktizierender Arzt in Oberhelfenschwil. (Bild: PD)

Hans Dischl, seit über 25 Jahren allgemein praktizierender Arzt in Oberhelfenschwil. (Bild: PD)

Vor 100 Jahren

5. April: Wattwil. Als seltenes Vorkommnis darf registriert werden, dass im Riet an der Wies mitten im Winterbild ein Storchenpaar der Nahrung nachging. Hoffentlich folgt nun der Frühling nach.

9. April: Toggenburg. Nirgends haben das Maschinenzeitalter und der Krieg so tief greifende Veränderungen hervorgerufen wie im Leben der Frau. Sie haben die Mädchen, die in der Stille wirkenden Hausfrauen, die Mütter, dem Hause teilweise oder ganz entrissen. Sie führen sie auf den öffentlichen Arbeitsmarkt. Sie stellen sie mitten hinein in den harten Konkurrenzkampf des Wirtschaftslebens. Während der Knabe einen Beruf zu erlernen hat, muss das Mädchen, obwohl Vertreterin des schwächeren Geschlechtes, zwei Berufe erlernen; es muss doppelt ausgerüstet sein, erstens mit hauswirtschaftlicher Tüchtigkeit und zweitens mit beruflicher Tätigkeit für das Erwerbsleben. Ein besonderes Kapitel wird auch die Bekämpfung unlauterer und unzulänglicher Unterrichtsunternehmungen und irreführenden Inserate sein. Es werden nicht selten unter verlockenden Angaben z.D. eines «lohnenden Nebenverdienstes Arbeit, Lehren angepriesen, die Töchter und Frauen Schaden bringen. Solche Fälle kommen bei Massage, Damenschneiderei, Modistinnen etc. vor.

Vor 50 Jahren

3. April: Wattwil. «Der Toggenburger», die Zeitung für das Thurtal und das Neckertal schreibt: Beachten Sie, dass erstmals die Seiten 3 und 4 Text- und Inseratebeiträge für die Italiener im Toggenburg enthalten. Attenzione, la 3a pagina di questo giornale è interamente dedicata agli italiani.

9. April: Wattwil. Einmal durch die Steppen zu reiten, beim Lagerfeuer Western-Songs zu singen und den majestätischen Anblick des Grand Canyon zu geniessen, wer hat nicht schon einmal davon geträumt. Sicherlich wird jeder von uns erstaunt sein, wenn er plötzlich nichtsahnend einem amerikanischen Planwagen begegnet, der über hundert Jahre alt ist. Der Präriewagen wird demnächst in unserem Dorf zirkulieren. Zur Zeit der Goldsucher und Pioniere wurde auch die Firma H.D. Lee Company in Kansas City gegründet, welche die berühmten LEE-Jeans fabriziert. Nicht nur der Präriewagen soll die so prickelnde und berauschende Western-Atmosphäre vermitteln. Gleichzeit ist LEE zu Gast bei den Firmen M. Gmünder und Weber-Bekleidung AG in Wattwil, wo sie einen richtigen Western-Shop finden werden. Verkauft werden echte Western-Sättel, Peitschen, Cowboy-Stiefel, Colts usw.

Vor 20 Jahren

7. April: Wattwil. Toni Graf arbeitet seit 40 Jahren als Buchbinder bei der Buchdruckerei Wattwil AG. Vor 40 Jahren war er noch «zweite Wahl». Doch daran mochte niemand mehr denken, als der «älteste Buwägler» Toni Graf, sein Arbeitsjubiläum, feierte. Als er sich im Frühjahr 1959 nach einer Anlehre als Buchbinder in der Blockfabrik bei der Buwag beworben hatte, erhielt Toni Graf eine Absage. Doch bald folgte per Express die Bitte, er möge diese Arbeit doch annehmen. «Ich war froh, denn ich war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und glücklich über eine gute Stelle.». Nicht nur Drucksachen sondern auch den «Toggenburger» machte Toni Graf während vielen Jahren dreimal wöchentlich versandbereit. «Jede Zeitung musste damals einzeln von Hand in die Falzmaschine geschoben werden», erinnert sich Graf.

Vor 10 Jahren

9. April: Toggenburg. Allgemeinpraktiker auf dem Land gelten heutzutage als Auslaufmodell. Zu Unrecht, wie Hans Dischl, Allgemeinpraktiker aus Oberhelfenschwil, findet. Die Generalisten arbeiten kostengünstig und sind das Fundament des medizinischen Service Public. Es wird jedoch zunehmend schwieriger, die ärztliche Versorgung auf dem Land zu gewährleisten. Das bestätigt auch Daniel Güntert, Präsident des Toggenburger Ärztevereins. Eine mögliche Lösung wären Gruppenpraxen. In Städten wie St.Gallen, aber auch in Wattwil wäre das Modell der Gemeinschaftspraxis noch denkbar, meint Daniel Güntert. In ländlichen Gebieten, die ziemlich weitläufig sind, tue man der Bevölkerung keinen Gefallen. «Als Dorfarzt kenne ich meine Patienten gut. So weiss ich bei manchen, die mich kontaktieren beispielsweise, dass es ernst sein muss, weil der Betreffende nur anruft, wenn es wirklich dringend ist», sagt Dischl. Falls es im Neckertal nicht gelingen sollte, die Nachfolge in den Arztpraxen zu regeln, wäre eine Gruppenpraxis im geplanten Altersheim Brunnadern eine denkbare Lösung, meint Dischl.

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