Christoph Rieser, abtretender Organist aus Lütisburg: «Die Menschen waren immer sehr geduldig mit mir»

Mit dem Gottesdienst am Sonntag endet die Zeit des 69-Jährigen als Organist der evangelischen Kirchgemeinde Unteres Toggenburg.

Beat Lanzendorfer
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Christoph Rieser zu Hause im Bergli bei Unterrindal an seinem geliebten Flügel. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Christoph Rieser zu Hause im Bergli bei Unterrindal an seinem geliebten Flügel. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Er nimmt Abschied, will aber nicht verabschiedet werden. Bei seinem letzten offiziellen Auftritt in der evangelischen Kirche in Lütisburg setzt sich Organist Christoph Rieser am kommenden Sonntag ab 9.30 Uhr nicht mehr persönlich an die Orgel – diesen Part übernimmt die Gastorganistin Sharon Prushansky. «Ich möchte den Gottesdienst am Ewigkeitssonntag so richtig geniessen», sagt er.

Während des Übens eingenickt

19 Jahre und elf Monate war er als Organist tätig – zuerst für die evangelische Kirchgemeinde Lütisburg, nach dem Zusammenschluss mit Mosnang, Bütschwil und Ganterschwil für die evangelische Kirchgemeinde Unteres Toggenburg. Weshalb vollendet er nicht die 20 Jahre? «Das evangelische Kirchenjahr endet mit dem Ewigkeitssonntag, das ist für mich ein guter Abschluss.» Christoph Rieser entpuppt sich als angenehmer Gesprächspartner, der dem Gegenüber mehr als einmal ein Schmunzeln entlockt.

Besonders jene Anekdote, wie er zum Organisten wurde, hört sich ungewöhnlich an. «Ich bin ein sogenannter Spätzünder, der erst mit 44 mit dem Klavierspiel begonnen hat, drei Jahre später kam die Orgel hinzu.» Klavierstunden erhielt er damals von Anneliese Bosshard, die in ihrem Wohnort Nesslau und in Lütisburg als Organistin wirkte.

Über sie kam der Kontakt zu Elisabeth Waldmeier zu Stande, die ebenfalls in Nesslau tätig war und bei ihrem Abschluss zur Orgellehrerin einen Schüler benötigte. Christoph Rieser sagte zu, fuhr fortan einmal wöchentlich ins obere Toggenburg und war daneben häufig an der Orgel in der evangelischen Kirche anzutreffen. Dass dabei hie und da der Schlaf zu kurz kam, versteht sich von selbst.

«Ich bin einmal während einer Probe über der Orgel eingeschlafen, dabei bin ich wohl der Tastaturheizung zu nahe gekommen. Ein Loch in der Jacke war das Ergebnis davon.»

Die Menschen waren geduldig mit ihm

Die Anfrage, ob er Organist in Lütisburg werden wolle, kam 1998. Er sagte zu und begann seine Tätigkeit am 1. Januar 2000. «Ich habe den Ablauf des damaligen Gottesdienstes von Pfarrer Stefan Wohnlich ein Jahr, einen Monat und zwei Wochen vorher erhalten. Damit blieb mir genügend Zeit, die Lieder einzuüben», erzählt er mit einem Augenzwinkern.

Apropos Pfarrer: Nebst Stefan Wohnlich hatte er noch mit Gerhard Bader und Fabian Kuhn das Vergnügen. «Ich bin mit allen dreien sehr gut klargekommen, wobei Gerhard Bader mein Hauptopfer war, weil er während 13 Jahren in Lütisburg diente. Was bleibt ihm von den Menschen in Erinnerung?

«Ich bin mir bewusst, dass es nicht immer sauber geklungen hat. Die Menschen haben mich aber immer getragen oder besser gesagt ertragen. Sie waren immer sehr geduldig», sagt er lachend. Sie hätten ihn auch dazu ermuntert, modernes Liedgut in der Kirche vorzutragen. «Als Fan von Bob Dylan, den Beatles, Louis Armstrong oder ABBA ist mir dies natürlich nicht schwergefallen.» Wichtig war ihm auch, dass er in Absprache mit dem jeweiligen Pfarrer kirchliche Lieder auswählte, welche den Menschen bekannt waren, damit sie mitsingen konnten. Nun beendet Christoph Rieser seine Tätigkeit als Organist zu einem Zeitpunkt, bei dem es für ihn passt.

«Mein Wunsch war es immer, dann zu gehen, solange mir die Leute noch zuhören».

Via Bündnerland nach Lütisburg

Der heute 69-Jährige ist im Übrigen in Uzwil aufgewachsen, wo er den Weg via Bündnerland in die Gemeinde Lütisburg fand. «Meine erste Stelle als Handelslehrer habe ich 1975 in Samedan angetreten. Bei der Anreise am 1. Juli gab es über den Julierpass Schneegestöber, da wusste ich, hier bleibe ich nicht lange.»

Acht Monate später war Familie Rieser wieder weg. Zurück in der Heimat unterrichtete er während sieben Jahren an der Berufsschule in Uzwil, ging dann für 17 Jahre nach Herisau und kehrte anschliessend nochmals für elf Jahre nach Uzwil zurück.

Auf den seit 2011 pensionierten Berufschullehrer wartet auch in Zukunft genügend Arbeit. Zusammen mit Ehefrau Regula wohnt er im Bergli, das an der Strecke Unterrindal – Flawil liegt. Vier Milchschafe, ein Schafbock, Hund Mokka, Bienen, Hühner und zwei Katzen gehören zur Familie. Die drei Töchter Ursula, Kathrin und Regula sind längst ausgezogen.

Darüber hinaus wollen der Garten und das zugehörige Land, auf dem einige Äpfel- und Birnenbäume stehen, bewirtschaftet werden. Und dann wäre noch der Flügel in der heimeligen Stube, auf den Christoph Rieser ganz besonders stolz ist. «Andere kaufen sich ein neues Auto, ich habe mir den Flügel gegönnt», sagt er am Ende des Gesprächs.