Börsenkenner Jens Korte referiert in Wattwil: «Wir leben in einer völlig verrückten Welt»

Der Kenner der Börsen und SRF-Korrespondent Jens Korte ordnete am Finanzapéro der Toggenburger Raiffeisenbanken die aussergewöhnliche Situation auf den Weltmärkten ein.

Peter Jenni
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Referent Jens Korte (Mitte) mit Vertretern der Toggenburger Raiffeisenbanken Rolf Brunner, Benjie Egloff, Ruben Temprana und Dominik Stillhart (von links). Bild: Peter Jenni

Referent Jens Korte (Mitte) mit Vertretern der Toggenburger Raiffeisenbanken Rolf Brunner, Benjie Egloff, Ruben Temprana und Dominik Stillhart (von links). Bild: Peter Jenni

«Amerika befindet sich in der längsten Expansionsphase der Geschichte. Gleichzeitig hat Washington den Handelsstreit mit China, der EU oder Mexiko zwischenzeitlich intensiviert. In einem Jahr wählt Amerika erneut. Schon heute wirft das lange Schatten an der Wall Street. Doch vor allem auch die Pläne der Demokraten könnten das Land in den Grundfesten erschüttern.» Mit diesen Ausführungen und einem Referat unter dem Titel «Supertanker USA» von Jens Korte, luden die Toggenburger Raiffeisenbanken am Donnerstag zum Finanzapéro in den «Thurpark» ein.

Willkommen geheissen wurde der Referent, der vielen als Korrespondent des Schweizer Fernsehens von der New Yorker Börse bekannt sein dürfte, von Rolf Brunner, Vertreter der Toggenburger Raiffeisenbanken, der auch viele Besucherinnen und Besucher begrüssen konnte.

Amerika fehlt inzwischen das Know-how

In seinem Referat nahm Jens Korte Bezug auf das aktuell breit diskutierte Thema der Zölle und erklärte es an einem Beispiel. Amerika, das Jens Korte als «spannendes und schönes Land» vorstellte, brauche jährlich 2,5 Milliarden Paar Schuhe, wovon 90 Prozent importiert würden, lediglich Militär- und Cowboystiefel stammten noch aus Eigenproduktion. Allein auf diese Importe entfielen jährlich 3,5 Milliarden Dollar an Zöllen, welche die Konsumenten bezahlen müssten.

Mit Zöllen wolle Präsident Donald Trump das Ziel verfolgen, einen grossen Teil der Produktion ins Land zurückzuholen und die Importe zu verringern. Dabei gebe es allerdings ein Problem. Amerika fehle inzwischen das Know-how, Schuhe in Massen zu produzieren. Um dies wettzumachen, müsste die eigene Industrie auf moderne Technik umrüsten, was hiesse, in die Qualität zu investieren. «Ausbildung und Handwerk müssen wieder gefördert werden», sagte Jens Korte.

Schwierige Position für die EU

Der Rückgang im eigenen Land habe mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 begonnen. Die Produktionen wurden in der Folge dorthin verlegt, wo es am günstigsten sei. Jens Korte sagte:

«China hat niemanden gezwungen, bei ihnen produzieren zu lassen.»

Veraltete Strukturen gebe es in Amerika überall, was er mit der Waschmaschine und dem Tumbler in seiner Wohnung belegte, die beide in den 50er-Jahren produziert worden waren. Mit dem Handelskrieg könne Chinas Produktion zwar vorübergehend etwas zurückgebunden werden, was jedoch nicht von Dauer sein könne. Schwierig sei es auch für die EU, sich zwischen den USA und China am richtigen Ort zu positionieren, ohne damit jemanden zu brüskieren.

Aussergewöhnliches Zinsumfeld

Auch das aktuelle Zinsumfeld und die Börsenlandschaft waren Thema. Jens Korte sagte: «Wir leben in einer völlig verrückten Welt mit Minuszinsen.» Firmen kauften Aktien zurück oder erhöhten ihre Dividenden. Seit Amerika vor zehn Jahren mit dem Ausbau der Ölförderung begonnen habe und heute selber grösster Produzent sei, spielten an der Börse Attacken wie gerade in Saudi-Arabien kaum mehr eine Rolle.

Seit Ende der Finanzkrise sei Amerika zwar wirtschaftlich in einer komfortablen Situation, da viele Jobs entstanden seien und die Arbeitslosigkeit lediglich 3,7 Prozent betrage. Allerdings seien die Jobs in den Sechziger- bis Achtzigerjahren weit besser bezahlt gewesen als die heutigen, betonte er.

Von seinem rund 75-minütigen Referat, in dem er noch weit mehr Themen ansprach, waren die Zuhörerinnen und Zuhörer offensichtlich hell begeistert, wie der Schlussapplaus zeigte. Auch beim Apéro der Toggenburger Raiffeisenbanken, war Jens Korte für viele ein begehrter Ansprechpartner.