Biodiversität
Wo Glögglifrosch und Schönbär sich treffen: Die Thur ist Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten

Seit bald zehn Jahren läuft das Projekt «Natur pur an Necker und Thur», das unter anderem die Biodiversität fördert. Wie erfolgreich es ist, zeigt ein weiterer Zustandsbericht aus diesem Jahr.

Sabine Camedda
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Im Rahmen des Projekts «Natur pur an Necker und Thur» werden die Flächen bei Monitorings besonders intensiv beobachtet.

Im Rahmen des Projekts «Natur pur an Necker und Thur» werden die Flächen bei Monitorings besonders intensiv beobachtet.

Bild: PD

An vielen Orten werden Naturlandflächen ökologisch aufgewertet. Nicht selten passieren solche Massnahmen im Rahmen eines Bauprojekts wie beispielsweise bei einer Umfahrungsstrasse. Das war im unteren Toggenburg nicht anders, sowohl die Umfahrung Bazenheid als auch die Umfahrung Bütschwil brachten mit sich, dass andernorts Lebensräume für Tiere und Pflanzen als Realersatzmassnahmen aufgewertet wurden.

Der Schönbär kommt im Projektperimeter vor.

Der Schönbär kommt im Projektperimeter vor.

Bild: PD/Andy Wyss

Das Projekt «Natur pur an Necker und Thur» läuft seit 2011. Jedes Jahr führen Mitarbeiter des Büros Ökoberatungen Reto Zingg GmbH in Ebnat-Kappel mehrere Rundgänge durch. Zusammen mit regelmässigen Kontrollgängen von Freiwilligen wollen sie zum einen den Zustand der Gebiete überprüfen und wo nötig eingreifen. Zum anderen untersuchen sie, welche Tiere und Pflanzen in diesen Räumen vorkommen.

«Das Monitoring fokussiert auf die Aufwertungsflächen und die angrenzenden wertvollen Lebensräume, die für die vorkommende Tier- und Pflanzenpopulation wichtig sind», heisst es im Zustandsbericht des Jahres 2020. Darin sind die Beobachtungen von fünf Begehungen beschrieben. Drei Begehungen wurden in der Nacht gemacht, zwei tagsüber. Das sei notwendig, um sowohl tagaktive Arten wie Libellen und Tagfalter als auch nachtaktive Arten wie Amphibien zu beobachten und deren Bestand zu zählen.

Ein besonderes Augenmerk auf gefährdete Arten

Die Gelbbauchunke ist eine der gefährdeten Arten.

Die Gelbbauchunke ist eine der gefährdeten Arten.

Bild: PD/Andy Wyss

Im Monitoring werden in einem bestimmten Gebiet die unterschiedlichen Arten gezählt und auch erfasst, wie viele Exemplare jeder Art dort vorkommen. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die gefährdeten Arten wie die Geburtshelferkröte und die Gelbbauchunke gelegt, um bei einem Rückgang frühzeitig Gegenmassnahmen ergreifen zu können und die Arten gezielt durch Aufwertungen zu fördern.

Doch auch das Vorkommen mehrerer verletzlicher Arten wie die Erdkröte und der Feuersalamander oder die Langflügelige Schwertschrecke und potenziell gefährdeter Arten wie die Kleine Zangenlibelle oder der Baldrian-Scheckenfalter wird im Monitoring genau erfasst. Im Jahr 2020 wurden im Projektperimeter wieder einige neue Arten nachgewiesen wie den Laichkraut-Zünsler oder die Büffelzikade. Zudem wurden die Schwebfliegenarten genauer aufgenommen.

Festgestellt wurde, dass im Gebiet Letzi-Hagenau weiterhin mehr Glögglifrösche leben. Auch im Gebiet Mühlau-Stutz habe sich eine kleine Population etabliert, heisst es im Bericht. Hingegen ist in der Umgebung des Taaweihers dringend Handlungsbedarf gegeben, damit die Geburtshelferkröte nicht ganz verschwindet. Im Gebiet Bräägg wurde wieder ein ungewohnt hohes Vorkommen der Gelbbauchunke registriert. Dies sei auf die regelmässigen Baggerarbeiten zurückzuführen, die hier für die Förderung der Art durchgeführt wurden, heisst es im Bericht.

Beim Taaweiher besteht Handlungsbedarf, um das Vorkommen des Glögglifroschs zu sichern.

Beim Taaweiher besteht Handlungsbedarf, um das Vorkommen des Glögglifroschs zu sichern.

Bild: PD/Lukas Lischer

Von den im Projektperimeter bestimmten Zielarten, dem Eisvogel, der Nachtigall und der Sumpf-Heidelibelle, konnten bisher nur einzelne Tiere nachgewiesen werden. Im Bericht wird darum nahegelegt, dass überlegt werden soll, wie das Projektgebiet für diese Arten attraktiver gestaltet werden könnte.

Gezielte Massnahmen, um Zielarten weiter zu fördern

Im gesamten Projektgebiet konnten seit Projektbeginn 8 Amphibienarten, 18 Heuschreckenarten, 27 Libellenarten, 38 Tagfalterarten und 11 Schwebfliegenarten nachgewiesen werden. Zusätzlich konnten noch diverse Nachfalter, Käfer, Reptilien, Fische, Vögel und Säugetiere aufgenommen werden. Mit den Funden über mehrere Jahre können Verbreitungen und Entwicklungen von einzelnen Arten dargestellt werden. Damit lassen sich gezielte Aufwertungs- und Pflegemassnahmen für einzelne Arten oder ganze Artgruppen definieren.

Im Gebiet Mühlau-Stutz bei Bazenheid wurde ein neuer Tümpel geschaffen.

Im Gebiet Mühlau-Stutz bei Bazenheid wurde ein neuer Tümpel geschaffen.

Bild: PD/René Rüttimann

Davon wurden auch einige in diesem Jahr umgesetzt. Im Bereich Mühlau-Stutz in Bazenheid wurde neben zwei bestehenden Tümpeln ein neuer geschaffen. Dieser liegt direkt unter einer Felswand und könnte schon bald vom Glögglifrosch (Geburtshelferkröte) als Laichgewässer genutzt werden. Ebenso ist in diesem Bereich ein neuer Seitenarm der Thur geschaffen worden. Als weitere Massnahme wurde die Kartierung von invasiven Neophyten benannt. Ein Teil dieser eingeschleppten, oft aus Gärten verwilderten Problempflanzen, wurden bekämpft.

Im Gebiet Bräägg wird eine Wiese gepflegt, sodass die Blüten von Insekten gut besucht sind. Diese Pflege sei aufwendig, heisst es im Bericht. Im kommenden Jahr werde diese nicht mehr ausschliesslich von der Schweizer Stiftung für Vogelschutzgebiete (SSVG) gemacht, die ein Teil dieser Wiese besitzt, sondern ebenfalls von der Gemeinde Kirchberg. Im Gebiet Lochermoos wurden zwei bestehende Tümpel wiederhergestellt. Man vermutet, dass die Aktivität eines Bibers dazu geführt hat, dass einer der Tümpel undicht war. Daneben wurde im Wald ein weiterer Tümpel ausgebaggert.

Weitere Massnahmen sind für das kommende Jahr vorgesehen. Im Gebiet Letzi soll der Waldrand ausgelichtet werden. Weiter sollen beim Taaweiher die Lebensbedingungen für die Geburtshelferkröte verbessert werden. Dafür wird unter anderem ein Teil des Gewässers aufgeweitet und durch einen Damm aus Geröll abgetrennt werden, damit dort keine Fische mehr hinkommen. Beim Zuckenmattweiher in Bütschwil sind ebenfalls Massnahmen geplant, um die Bedingungen für laichende Amphibien zu verbessern. Dafür sind drei fischfreie Kleingewässer und mehrere Kleinstrukturen geplant, zudem wird der umliegende Wald ausgelichtet.

Ökologische Aufwertungen als Realersatzmassnahmen

Das Projekt «Natur pur an Necker und Thur» fördert Naturlandfläche und somit die Biodiversität an mehreren Standorten entlang der Thur und deren Zuflüsse zwischen Bazenheid und Dietfurt. Im Rahmen des Projekts wurde mit dem Bau des Flusskraftwerks die Thurlandschaft Stutz südlich der Mühlaus ökologisch aufgewertet. Der Naturerlebnisraum Bräägg wurde als Realersatzmassnahme beim Bau der Umfahrungsstrasse Bazenheid geschaffen.

Weitere Massnahmen wurden in der Auenlandschaft Letzi getroffen. Beim Sägenbach, in der Müliwies und in der Michelau gibt es weitere Landschaftsräume zur Förderung der Biodiversität. Diese drei Gebiete wurden als Realersatz für den Bau der Umfahrung Bütschwil ökologisch aufgewertet.

Das Projekt wurde 2011 gestartet, seit 2017 gehören der Grämigerweiher, der Zuckenmattweiher und der Taaweiher ebenfalls in den Perimeter. Das Projekt wird von den Gemeinden Kirchberg, Lütisburg und Bütschwil-Ganterschwil sowie von der Regionalwerke Toggenburg RWT AG getragen.