«Big Brother» aus dem Freilaufgehege: Der Adelbach-Hof in Necker setzt auf eine Kamerasau

Auf dem Adelbach-Hof in Necker wird vieles umgesetzt. Von ausserhalb kann jeder im Livestream schauen, wie wohl es den Schweinen ist. Eine davon trägt gar eine Kamera.

Ruedi Roth
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Neugierig: Die Kamerasau und ihre Kolleginnen.

Neugierig: Die Kamerasau und ihre Kolleginnen.

Bild: Ruedi Roth

Ansprechend gestaltete Tafeln führen den Besucher auf den Adelbach-Hof in Necker. Wer dort angelangt ist, gerät leicht ins Staunen. Da tummeln sich in Freilaufgehegen vier Gruppen Schweine und scheinen sich in ihrem weitläufigen Acker so richtig wohlzufühlen. Die Erde wird munter aufgewühlt. Spontan absolvieren die Tiere zwischendurch einen Wettlauf. Und wenn der Besucher davon noch nicht genug hat, kann er über das Internet mit dem Livestream jederzeit die Tätigkeiten der «Adelbach-Kamerasau» mitverfolgen.

Die Direktvermarktung ist das wichtigste Standbein von Leandra und Köbi Hagmann. Für den Verkauf von Schweinefleisch hat das Ehepaar eine attraktive Nische gefunden. «Wir wollen unseren Kunden noch mehr Nähe zum Tier präsentieren. Mit den Freilaufgehegen und der Kamerasau sind die Möglichkeiten der Einsichtnahme gross», bilanziert der 28-jährige Köbi Hagmann.

Er übt gerne Handwerk aus und hat für die Schweine der Kameragruppe einen einzigartigen Stall gezimmert. Die für Besucher begehbare Decke besteht aus Glas. An der Stallwand sind zwei grosse, leicht zu öffnende Fenster montiert. So kann man die Tiere beim Schlafen, beim Spielen oder beim Raufen beobachten. Am Anfang sind die Schweine noch neugierig auf die Besucher. Aber dies legt sich jeweils bald und die Tiere kümmern sich nicht mehr gross um Menschen.

Ein Schwein, eine Kamera und eine bemerkenswerte Resonanz

Irgendwann hatten Hagmanns die Idee, ihre Schweine auch Nichtbesuchern näher zu bringen. Der Einfall, ein Schwein mit einer Kamera auszurüsten, war amüsant und einfach. Aber dessen Realisierung benötigte dann doch noch manchen Versuch. Mit der Hilfe des Kollegen Martin Schilliger konnten schliesslich alle technischen Hürden überwunden werden.

Seit April 2020 spazieren die Schweine, ob mit oder ohne Kamera, mit bemerkenswerter Gelassenheit durch die Gegend. Die aufwendige Öffentlichkeitsarbeit macht sich bei Hagmanns bezahlt.

«Unsere Kundschaft freut sich und die Werbung für unser Fleisch hat so eine bemerkenswerte Resonanz erzielt.»

Sind die vier Gehege einmal restlos durchwühlt, werden neue errichtet. Auf den verbrauchten Flächen wird dann Mais angebaut.

Der Adelbach-Hof und das Stöckli für die Eltern Hagmann.

Der Adelbach-Hof und das Stöckli für die Eltern Hagmann.

Bild: Ruedi Roth

Die Ackerfläche auf dem IP integrierten Adelbach-Hof ist nicht gross. Die anliegenden Arbeiten für den Maisanbau werden vergeben. Nach diesem Muster verläuft seit diesem Sommer auch das Heumähen. «Unser Zweiachsmäher ist in die Jahre gekommen. So konnten wir uns eine Neuanschaffung ersparen», erklärt Köbi Hagmann.

24 Milchkühe sind im fünfundzwanzigjährigen Laufstall untergebracht. Aufzucht wird keine mehr betrieben. Die Kühe werden – galt gestellt – in der ersten Laktation oder frisch gekalbt in der zweiten Laktation gekauft. Eutergesundheit und gutes Fundament sind wichtige Merkmale beim Einkauf. Exterieur und Gehalt der Kühe spielen auf dem Adelbach-Hof eine eher untergeordnete Rolle.

Auf dem Vollweidebetrieb ist ein Stier der Rinderrasse Charolais freilaufend im Einsatz. Die Kälber werden im Alter von drei Wochen an einen benachbarten Mastbetrieb verkauft. Rund 150'000 Kilogramm Milch produzieren Hagmanns Tiere jährlich. Ein Drittel davon wird von der Käserei Güntensperger in Bütschwil abgeholt. Den Rest vermarktet das Paar aus Brunnadern selbst.

Mit Geduld und Hartnäckigkeit

Die Idee einer Direktvermarktung von Milchprodukten geisterte schon länger in den Köpfen von Hagmanns herum. Konkretisiert wurde das Vorhaben 2017. Einige kostspielige Anschaffungen standen an. Ein zweiter Milchtank, ein Wannenpasteur für die Milchverarbeitung und die Materialien für den Umbau des leerstehenden Jungviehstalls in einen Produktionsraum waren nur einige davon. «Recht viel Energie benötigten wir für den Aufbau eines umfassenden Abnehmerstamms von Milchprodukten», erzählt die 27-jährige Leandra Hagmann.

Der Kühlschrank im einfach eingerichteten Hofladen zeigt sich gut gefüllt.

Der Kühlschrank im einfach eingerichteten Hofladen zeigt sich gut gefüllt.

Bild: Ruedi Roth

Im Januar 2018 war es dann so weit. Bäckereien, Detailhandelsgeschäfte, Altersheime und Restaurants zählen heute zu den Kunden von Hagmanns. Nur ein halbes Jahr später begann im Adelbach die Produktion von Joghurt. Anfänglich habe sich das Produkt nicht als wirklich schmackhaft erwiesen. «Jetzt haben wir aber glücklicherweise die richtige Vorgehensweise gefunden», sagt Leandra Hagmann und lacht. Sie ist auf dem Adelbach-Hof für diesen Betriebsbereich zuständig.

Der Hofladen läuft gut. Aber der grössere Teil der Milchprodukte wird von Hagmanns an die Kunden geliefert. Einer von ihnen ist das Bürgerspital St.Gallen. So musste die Produktionsanlage bald vergrössert werden und ein passender Lieferwagen wurde angeschafft. Hagmanns möchten die Herstellung von Joghurt intensivieren. «Da unser Kundenstamm erfreulich gross ist, könnte zum Beispiel ein zweiter Landwirt seine Milch in diesen Kanal liefern», meint Köbi Hagmann.

Leandra und Köbi Hagmann lernten sich in der Innerschweiz kennen.

Leandra und Köbi Hagmann lernten sich in der Innerschweiz kennen.

Bild: Ruedi Roth

Das paar lernte sich in der Innerschweiz kennen

Leandra Hagmann wuchs auf einem Bauernhof in Ennetmoos, Kanton Nidwalden, auf. Sie lernte Pflegefachfrau HF und arbeitet auch heute noch wöchentlich einen Tag bei der Spitex in Bütschwil, was ihr einen willkommenen Ausgleich bietet. Es war an einem Landjugendanlass, als sie sich in den Toggenburger Landwirt Köbi Hagmann verliebte. Im Jahr 2014 zog sie nach Brunnadern und drei Jahre später heiratete sie.

Die unternehmerische Frau erledigt auf dem Adelbach-Hof einen grossen Teil der Administrationsarbeit. Sie schätzt den Ideenreichtum ihres Mannes und unterstützt ihn gerne dabei. Mit drei Geschwistern wuchs Köbi Hagmann im Adelbach auf.

«Ich schnupperte auch in anderen Berufen, aber letztlich war Landwirt halt doch das Richtige für mich.»

Der kommunikative Mann bildete sich zum Meisterlandwirt aus. Jetzt bilden Hagmanns den dritten Lehrling aus. Sie sind mit allen dreien gut gefahren. Die im angrenzenden Stöckli wohnenden Eltern von Köbi Hagmann arbeiten nach Möglichkeit auf dem Betrieb mit.

Der Arbeitsaufwand ist beträchtlich

In den letzten Jahren ist sehr viel gelaufen auf dem Adelbach-Hof. Die Betriebseinrichtungen sind auf gutem Stand. Aber die vielen Erweiterungen, Neuanschaffungen und der ständig wachsende Aufgabenkatalog fordern auch ihre Spuren. «Wir wollen uns in Zukunft mehr Freizeit gönnen. Es macht Spass zu sehen, wie die meisten unserer beruflichen Ideen gut funktionieren. Aber der eigene Arbeitsaufwand ist schon beträchtlich», bilanzieren Hagmanns. Momentan sind sie daran, Aushilfen auszubilden. Leandra und Köbi Hagmann freuen sich darauf, eine Woche Ferien zu verbringen, und dass der Adelbach-Hof auch einmal ohne sie gut funktioniert.

Weitere Informationen unter www.adelbach-hof.ch und www.kamerasau.ch