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Interview

Psychologin nach dem Pädophilie-Fall am Toggenburger Kreisgericht: «Kinder fühlen sich beschämt und gedemütigt»

Ein Toggenburger Wirtschaftsprüfer zwang Kinder, für Sex-Fotos zu posieren. Was empfinden Kinder, die solche Aufnahmen machen müssen? Und wie werden allfällige Traumata behandelt? Kinder- und Jugendpsychologin Monika Achenbach-Dänekas steht im Interview Red und Antwort.
Martin Knoepfel
Monika Achenbach. (Bild: PD)

Monika Achenbach. (Bild: PD)

Monika Achenbach-Dänekas ist Leitende Psychologin in der Regionalstelle Wattwil der Kinder- und jugendpsychiatrichen Dienste des Kantons. Der Hintergrund: Vor kurzem stand ein Mann vor dem Kreisgericht Toggenburg. Er soll Sex-Bilder und Sex-Videos minderjähriger Mädchen angefertigt und in Auftrag gegeben haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Was empfinden Kinder, die solche Aufnahmen machen müssen?

Monika Achenbach: Sie fühlen sich beschämt und gedemütigt, da sie sich normalerweise nicht in solche Positionen begeben würden. Dieses Verhalten entspricht nicht der natürlichen Entwicklung. Die Kinder tun das nur, weil Erwachsene das von ihnen verlangen und weil sie von den Erwachsenen abhängig sind. Man kann in diesem Zusammenhang nicht von Freiwilligkeit sprechen.

Wie stark sind Kinder deswegen traumatisiert?

Das kommt ganz darauf an, wie gut sie sonst in ihr Umfeld eingebunden sind und wie gut sie in diesem Umfeld ihre Bedürfnisse äussern können und diese ernst genommen werden. Manchmal stellt man anfangs keine Traumatisierungen beziehungsweise keine Wesens- oder Verhaltensveränderungen der Kinder fest, aber Traumatisierungen können vielfältige Folgen – auch Spätfolgen – haben. Irgendwann können einen solche Erlebnisse auch einholen.

Wie sehen solche Folgen aus?

Zunächst müssen erlebte Traumatisierungen psychisch verarbeitet werden. Sie stellen einen Angriff auf den Selbstwert und die Identität der Opfer dar. Folgen können körperlicher Natur sein wie Schmerzen (unter anderem Kopf- und Bauchschmerzen) oder psychischer Natur wie Depressivität – Rückzug oder Impulsivität – oder aggressives Verhalten. Opfer geraten häufig in innere Erregungszustände und sind weniger belastbar und leiden unter Konzentrationsstörungen und Schlafstörungen.

Rund 3000 Patienten

Die Stiftung Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste (KJPD, www.kjpd-sg.ch) St.Gallen leistet für die Nordostschweiz die ambulante psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Rund 3000 Patienten im Alter von 0 bis 18 Jahren werden jährlich behandelt. Der KJPD zählt rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In St. Gallen sind unter anderem das zentrale Ambulatorium, die Zweigstelle für Jugendliche und die Tagesklinik. Regionalstellen existieren unter anderem in Wil und Wattwil. In den Teams arbeiten Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter mit. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstehen der ärztlichen Schweigepflicht. (pd)

Möglich ist auch, dass innere Bilder – Szenen der Erlebnisse – unerwartet im Gedächtnis auftauchen. Folgen von Missbrauch können auch sein, dass Opfer in der Schule oder der Ausbildung weniger Leistung bringen können und so hinter ihren Möglichkeiten bleiben. Ebenfalls können später Probleme in der Partnerschaft, der Beziehungsgestaltung auftreten, und es kann auch zu sexuellen Funktionsstörungen kommen. Wenn frühere Missbrauchsopfer selber Eltern werden, haben sie häufig Mühe, ihre eigenen Kinder unbelastet und adäquat zu erziehen.

Kann ein solches Trauma geheilt werden? Wenn ja, wie und wie lange dauert das?

Zuerst geht es darum, dass die Kinder sich physisch und psychisch in Sicherheit befinden. Welche Behandlung sinnvoll ist, kommt auch auf die Schwere des Traumas an. Ein stationärer Aufenthalt in einer geeigneten Institution kann sinnvoll sein. Auch eine längere psychotherapeutische Begleitung kann hilfreich sein, wenn die Betroffenen das wünschen.

Hier sind die Opfer Mädchen. Kommt es öfter vor, dass Mädchen für Sex-Fotos missbraucht werden als Knaben oder gibt es keinen Unterschied der Geschlechter?

In den letzten Jahren traten häufiger auch Fälle auf, in denen Knaben Opfer von Missbrauch geworden sind. Die Mehrheit der Opfer sind aber weiterhin Mädchen.

Speziell ist, dass die Mütter zweier der drei Mädchen ihre Kinder dem Angeklagten zuführten und bei den Aufnahmen mitwirkten respektive die Fotos und Videos nach Anweisungen aus der Ferne besorgten. Was bedeutet das für die Kinder?

Das ist ein massiver Vertrauensbruch. Die Kinder sind von den Eltern abhängig. Sie müssen darauf bauen können, dass die Eltern es gut mit ihnen meinen und sie in der Not beschützen. Normalerweise lernen die Kinder von und durch die Eltern, dass sie Menschen aus dem engsten Familienkreis vertrauen können. Weil in diesen beiden Fällen die engste Bezugsperson in das missbräuchliche Setting involviert ist, ist hier die Verunsicherung umso grösser.

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