«Berufseinsteigerinnen wollen an einem zentralen Ort arbeiten»

Nina Corrodi ist Logopädin und spürt iim ihrem Alltag den Mangel an Berufskolleginnen und -kollegen. Den Grund dafür sieht sie in der offenbar mangelnden Bekanntheit des Berufs, aber auch in unterschiedlich ausgelasteten Studiengängen. Dazu komme, dass viele Logopädinnen im Mutterschaftsurlaub seien und danach in Teilzeit an einem zentralen Ort arbeiten wollen.

Drucken
Teilen
Nina Corrodi, Logopädin Schulen Kirchberg und Gähwil, Kindergarten Dorf. (Bild: Urs M. Hemm)

Nina Corrodi, Logopädin Schulen Kirchberg und Gähwil, Kindergarten Dorf. (Bild: Urs M. Hemm)

Nina Corrodi ist diplomierte Logopädin und betreut für den Logopädischen Dienst Unteres Toggenburg die Kindergärten, Schulen und Vorschulkinder aus Kirchberg und Gähwil. «Als Logopädin bin ich hauptsächlich für die Abklärung und Therapie sprachauffälliger Kinder verantwortlich. Dazu gehören nebst Vor- und Nachbereitung auch administrative Arbeiten, Absprachen und die Beratung von Eltern und Lehrpersonen. Zugewiesen werden die Kinder einerseits durch Kinderärzte, Eltern oder Lehrpersonen. Andererseits führe ich jeweils jährlich die Sprachstandserfassungen im Kindergarten durch, aufgrund derer ich Kinder herausfiltere, welche fachlich gesehen eine Therapie brauchen oder weiter beobachtet werden müssen.» Ausserdem ist sie in der Prävention tätig.

Kinder können Informationsflut nicht verarbeiten

Als häufigste Auffälligkeit begegnen ihr bei der Arbeit Spracherwerbsstörungen. Die Ursache liege meistens darin, dass ein Kind zwar höre, wenn man mit ihm rede, die sprachlichen Informationen aber weniger gut verarbeiten könne. Dies zeige sich dann beim Sprechen auf allen Ebenen der Sprache. Heute fehle Kindern beispielsweise das Vorlesen von Geschichten oder das Mithelfen im Alltag als praktische Erfahrung und Wortschatzerweiterung.

«Viele Kinder konsumieren zudem Bildschirmmedien, die zum Teil nicht kindgerecht sind, was die Sprachentwicklung zusätzlich beeinträchtigen kann», erläutert Nina Corrodi. Diverse Studien zu diesem Thema würden diesen negativen Einfluss belegen. Kinder, welche zu viel und zu lange Medien konsumieren, hätten aber nicht nur mit der Sprache, sondern auch in anderen Bereichen Schwierigkeiten: Sie sind oft unkonzentriert und können mit dem Schulstoff nicht mithalten.

Lücken zu schliessen bedeutet Aufwand

Der Mangel an Logopäden und Logopädinnen ist spürbar. «Es ist schwierig, Kolleginnen zu finden. Das macht Druck», sagt Nina Corrodi. Im Team versuche man die Lücken zu schliessen, was immer mit zusätzlichem Aufwand verbunden sei. Falls man interimistisch ein Gebiet übernehme, habe man automatisch ein schlechtes Gefühl, weil man dann anderswo Abstriche machen müsse. «Auch Lehrpersonen und Eltern machen Druck, wenn ein Kind Logopädie braucht, aber warten muss, weil es eine lange Warteliste gibt.» Lösungen für dieses Problem bestünden darin, bestehende Therapien schneller zum Abschluss zu bringen sowie Eltern und Lehrpersonen zu beraten, wie sie dem Kind zwischenzeitlich helfen können. «Wichtig dabei ist aber, dass das Kind diesen Druck nicht zu spüren bekommt», betont sie.

Für den Mangel an Logopäden und Logopädinnen sieht Nina Corrodi unterschiedliche Gründe: Zum einen seien in letzter Zeit Logopädinnen in Pension gegangen. Es werden weitere folgen. Zum anderen habe es unterschiedlich starke Studienabgänge gegeben. «Dazu kommt, dass viele Logopädinnen ab einem gewissen Alter im Mutterschaftsurlaub sind und danach nur noch Teilzeit arbeiten», sagt sie.

Ganz allgemein sehe sie aber auch ein Problem in der Bekanntheit des Berufs. «Logopädie ist noch immer so etwas wie ein Exotenberuf.» Deswegen werde einiges im Bereich Nachwuchsförderung unternommen, beispielsweise mit der Betreuung von Praktikanten und Praktikantinnen. «Ich versuche dann, den Praktikantinnen das Toggenburg als zukünftigen Arbeitsplatz schmackhaft zu machen», sagt sie.

Offener für andere Lösungen sein

Wichtig sei, dass man erkläre, wo der Grund für Verzögerungen liege. «Vielleicht müssen wir alle auch offener für andere Lösungen sein und einander entgegenkommen», sagt Nina Corrodi, denn die weiten Wege im Toggenburg würden effizientes Arbeiten praktisch verunmöglichen. Einen Lösungsansatz sieht sie darin, das logopädische Angebot an einem Ort oder zumindest an wenigen Orten zu zentralisieren. «Mit der jetzigen dezentralen Organisation ist es einfach schwierig, Logopädinnen zu finden. Wenn ich mit Berufskolleginnen und Studentinnen rede, möchten die wenigsten zwei Lektionen an jenem und drei weitere Lektionen an einem anderen Ort arbeiten. Vor allem Berufseinsteigerinnen wollen an einem zentralen Standort in einem Team mit der Unterstützung einer erfahrenen Logopädin arbeiten.»

Ausserdem verliere man Zeit beim Anfahren und Packen, in der man weitere Therapien halten könnte. «Dies können weitere Gründe sein, warum gewisse Stellen immer noch unbesetzt sind», sagt Nina Corrodi. «Bis es aber soweit ist, werde ich meine Arbeit so gut wie möglich ausüben und das Beste daraus machen.»