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Die Berufsberatung gab es früher nur für Mädchen

Die Berufsberatung St. Gallen feiert ihr 100-Jahr-Jubiläum. Im Toggenburg gibt es seit 1956 eine Berufsberatung, erst für Mädchen, dann auch für Knaben. Cécile Ziegler, Leiterin der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg, blickt zurück.
Sabine Schmid
Das Team der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg: (von links) Reto Frischknecht, Christine Kaiser, Leiterin Cécile Ziegler, Ingrid Hagen, Nicolas Dort und Barbara Kuhn. (Bild: Sabine Schmid)

Das Team der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg: (von links) Reto Frischknecht, Christine Kaiser, Leiterin Cécile Ziegler, Ingrid Hagen, Nicolas Dort und Barbara Kuhn. (Bild: Sabine Schmid)

Cécile Ziegler, warum wurde im Jahr 1918 die kantonale Berufsberatung gegründet?

Die Berufsberatung in St. Gallen entstand in Raten. Bereits 1916 schuf die Zentrale Frauenhilfe zusammen mit anderen Frauenverbänden eine Berufsberatung für Mädchen. Die Männer waren im Krieg, also mussten die Frauen für den Verdienst sorgen und der war mit einer Ausbildung höher. Weil diese Berufsberatung für Mädchen gut aufgestellt war, wurde ein solches Angebot auch für Knaben gefordert. Auch darum, weil neue Arbeitsplätze ausserhalb der Stickerei gesucht werden mussten. 1918 wurde eine kantonale Berufsberatungsstelle in der alten Hauptpost geschaffen. Kantonal bedeutete damals aber nicht, dass es sich um eine Amtsstelle des Kantons handelte, sondern war als räumliche Zuständigkeit zu verstehen.

Wie war die Berufsberatung damals?

In ersten Veranstaltungen wurde die Öffentlichkeit über Aufgabe und Arbeit der Berufsberatung informiert. Auch damals standen die persönliche Einzelberatung und die Information in Form von Veranstaltungen im Vordergrund. Im Gegensatz zu heute waren die Beratungspersonen zudem für die Vermittlung oder vielmehr die Zuweisung von Lehrstellen zuständig, überprüften Lehrverträge und überwachten die Lehrverhältnisse. Auch gehörte die Vermittlung von Stipendien zum Aufgabengebiet.

Über 40 Jahre danach, wurde die Berufsberatung im Toggenburg eingeführt. Warum dauerte das so lange?

In den 1950er Jahren kam von Frauen aus Wattwil die Initiative, die Bildung von Mädchen voranzutreiben. 1956 wurde eine Berufsberatung für Mädchen eingeführt. Bereits vorher gab es nebenberufliche Berufsberatungen. Lehrerinnen oder Frauen von Lehrern haben Mädchen beraten, aber weniger umfangreich.

Die Berufsberatung richtete sich an Mädchen?

Ja, damals war die Berufsberatung klar getrennt. Erst 1965 gab es im Toggenburg eine eigene Abteilung für Knaben mit einem vollamtlichen Berufsberater.

Zurück zu den Mädchen. Welche Berufe hatten sie zur Auswahl?

Frauenberufe basierten auf der weiblichen Rolle. Die Haushaltslehre war ein grosses Thema, sie galt als gute Vorbereitung für die spätere Ehe und die Familienpflichten. Verkäuferin, Coiffeuse, Köchin und Schneiderin waren weitere Berufe, aber auch Arztgehilfin oder Zahntechnikerin. In Bauernfamilien wurden Töchter oft zu Hause als Hilfskraft gebraucht, da lag eine Berufslehre nicht drin.

Wann wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben?

Zuerst wurden die beiden Abteilungen räumlich an denselben Ort verschoben. 1982, als die Berufsberaterin die Stelle in Wattwil verliess und Peter Baumann, mein Vorvorgänger, gewählt wurde, gab es dann zwei männliche Berater. Sie wurden ein Team und machten eine regionale Aufteilung nach Gemeinden, nicht mehr nach Geschlechtern.

Zurzeit arbeiten auf der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg aber mehr Frauen als Männer.

Wir sind bei den Beratungen für Schüler nach wie vor nach Gemeinden bzw. Schulhäusern aufgeteilt. Die Laufbahnberatungen werden je nach Terminwünschen der Ratsuchenden den Beratungspersonen zugeteilt. Es gibt Personen, die explizit einen Mann oder eine Frau wünschen, das berücksichtigen wir nach Möglichkeit.

Wie hat sich der Auftrag geändert?

Unser Kerngeschäft ist nach wie vor die individuelle Beratung und die Information. 1983 wurde das erste Berufsinformationszentrum eröffnet. Tonbildschauen und Berufsinformationen waren damals eine Errungenschaft. Die Information ist heute anders vorhanden als damals. Darum besteht unsere Aufgabe vermehrt darin, Orientierung in der Informationsflut zu geben und die Information zu gewichten. Auffallend ist zudem, dass das Spektrum von unseren Ratsuchenden und die Komplexität der Fragestellungen viel breiter geworden sind.

Inwiefern?

1965 gab es drei erwachsene Ratsuchende bei der Berufsberatung. Diese Zahl ist stetig gestiegen, 2017 waren über die Hälfte unserer Klienten über 18 Jahre alt. Bei ihnen geht es um eine zweite Ausbildung oder um eine Laufbahnberatung. Das hat mit der Veränderung der Arbeits- und Berufswelt zu tun. Unsere Zeit ist dynamisch, schnell in der Veränderung und da muss man auch bezüglich der Aus- und Weiterbildung immer dran bleiben. Auch das Bildungssystem hat sich verändert, sodass heute viel mehr möglich ist. Berufswege im selben Betrieb von der Lehre bis zur Pension sind heute selten geworden.

Das wirkt sich auf die Arbeit der Beratungspersonen aus, weil sie ja am Ball bleiben müssen. Wie schaffen Sie das?

Das ist eine stetige Herausforderung, macht unsere Arbeit aber auch sehr interessant. Wir haben verschiedene Möglichkeiten, lernen verschiedene Berufsausbildungen an kantonalen Weiterbildungen kennen. Wir informieren uns bei Berufsleuten und Fachpersonen, besuchen Veranstaltungen und Firmen, wir sind breit vernetzt und lesen aus verschiedenen Quellen.

Warum wird heute stark aufs Erleben und auf Tastpraktika fokussiert?

Das praktische Erleben ist ein wichtiger Teil im Berufswahlprozess. Wir gehen Schritt für Schritt, schauen zuerst einmal mit dem Jugendlichen, was er gut kann und was ihn interessiert. Welche Berufe gibt es überhaupt und das bringen wir zusammen. In Tagespraktika wird dies überprüft. Schnupperlehren dauern über mehrere Tage und geben einen vertieften Einblick. Früher waren viele Berufe viel offensichtlicher. In einem Dorf sah man viele Berufe und die waren im Alltag erlebbar. Heute sind Berufe weniger gut sichtbar, darum ist es umso wichtiger, dass die Jugendlichen ein realistisches Bild vom Beruf erhalten.

Berufsbildung ist in. Heute machen die meisten eine Ausbildung. Wird dies so weitergehen?

Das Bewusstsein, dass eine Ausbildung in unserer komplexen und schnelllebigen Zeit etwas Gutes ist, ist hoch. Bei den Jugendlichen ist klar, dass man eine Ausbildung macht. Sie sind sich bewusst, dass sie etwas investieren müssen, um später ein selbstständiges Leben zu führen. Aufgrund der Digitalisierung und der Automatisierung ändern sich die Arbeitssituation und die Anforderungen, sodass Aus- und Weiterbildung ein Thema bleibt.

Wird es die Berufsberatung auch in den nächsten Jahrzehnten brauchen?

Davon bin ich überzeugt. In einer Welt, in der die Möglichkeiten so vielfältig sind, das Tempo immer so hoch ist und die Leute in ihrem Leben viele Übergänge bewältigen müssen, kann die Berufs- und Laufbahnberatung gut dabei unterstützen, die eigene Laufbahn zu gestalten.

Hinweis

Die Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg zeigt sich am Lehrstellenforum vom kommenden Samstag, 16. Juni, von 8.30 bis 12 Uhr im Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg in Wattwil.

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