«Beruf des Mesmers wird unterschätzt»: Nach 26 Jahren tritt Lichtensteiger Mesmerin kürzer

Lilo Schillmeier wurde vor 26 Jahren Mesmerin in der evangelischen Kirchgemeinde Lichtensteig. Jetzt hört sie auf im Alter von 75 Jahren.

Martin Knoepfel
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Lilo Schillmeier kann auf eine abwechslungsreiche Zeit als Mesmerin in Lichtensteig zurückblicken.

Lilo Schillmeier kann auf eine abwechslungsreiche Zeit als Mesmerin in Lichtensteig zurückblicken.

Bild: Martin Knoepfel

Den Ausschnitt mit dem Stelleninserat und eine Kopie des Bewerbungsschreibens bewahrte Lilo Schillmeier bis heute auf und zeigt beides gerne dem Berichterstatter. Sie hat lang über das AHV-Alter von 64 Jahren hinaus gearbeitet. Lilo Schillmeier feiert am 31.Juli einen halbrunden – den 75. – Geburtstag. Das sei ein guter Zeitpunkt, um mit der Tätigkeit als Mesmerin aufzuhören, erklärt sie.

Angefangen hat sie vor nicht weniger als 26 Jahren und vier Monaten, am 1. April 1994. Sie und ihr Mann hätten damals in Rieden bei Gommiswald gewohnt, aber auf dieses Datum ein Haus in Wattwil gekauft. Sie hätten etwas gesucht, das man in der Freizeit miteinander tun könne, erzählt Lilo Schillmeier.

Zusage traf wenige Tage vor Weihnachten ein

In der evangelischen Kirche Wattwil sahen die beiden ein Stelleninserat, auf das sie sich ganz normal bewarben, erzählt Lilo Schillmeier. Das Ehepaar wurde gewählt – die Zusage traf wenige Tage vor Weihnachten ein – und versah den Dienst anfänglich gemeinsam.
Damals war die evangelische Kirchgemeinde Lichtensteig noch eine eigenständige Kirchgemeinde. Im November 2011 wurde dann die Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg gegründet. Nach zwei Jahren übernahm Lilo Schillmeier die Aufgaben ihres Mannes. 2015 wurde ihr Stellvertreter pensioniert. Seither war sie immer verfügbar, wenn ihre Dienste benötigt wurden und machte zum Beispiel keine Ferien.

«Beruf des Mesmers wird unterschätzt»

Sie sei in dieser Zeit froh gewesen, dass sie nach einer schweren Krankheit wieder in den Beruf zurückkehren und arbeiten konnte, sagt Lilo Schillmeier. Sie hat übrigens nicht handwerklichen Beruf gelernt, sondern Schuhverkäuferin. In den letzten Jahren hatte sie eine gewisse Entlastung durch den Aussenmesmer, der den Rasen mähte und Schnee schaufelte. Sie habe den Beruf gerne ausgeübt, sagt Lilo Schillmeier. «Der Beruf des Mesmers wird unterschätzt.» Man arbeite nicht nur an den Wochenenden, sondern auch unter der Woche, zum Beispiel, wenn eine Sitzung der Kirchenvorsteherschaft oder ein anderer Anlass stattfinde.

Die Pflichten des Mesmers erschöpften sich auch nicht darin, für den Blumenschmuck in der Kirche zu sorgen. Wichtig sei vor allem, dass ein Mesmer zuverlässig sei. Und natürlich muss er evangelisch sein. Hingegen sah die damalige Kirchenvorsteherschaft darüber hinweg, dass das Ehepaar Schillmeier nicht in Lichtensteig wohnte.

Nach anfänglich Skepsis von Computer begeistert

Natürlich gebe es auch traurige Momente, sagt Lilo Schillmeier. Wenn zum Beispiel langjährige Kirchgänger sterben, sei das wie ein Stich ins Herzen. Nahe ging Lilo Schillmeier auch der Tod einer Frau, welche am gleichen Tag wie sie Geburtstag hatte und mit der sie immer Geburtstagskarten ausgetauscht hatte. Mit den Begräbnissen hat der Mesmer in Lichtensteig aber wenig zu tun, weil der Pfarrer mit der Trauergemeinde sich auf dem Friedhof versammelt. Es gelte aber, bei Abdankungen das Geläut zu betätigen und die Kirche für den Gottesdienst vorzubereiten. Eine Abdankung eines Kindes habe sie allerdings glücklicherweise nie erlebt, sagt Lilo Schillmeier.

Seit rund fünf Jahren steuert Lilo Schillmeier die Glocken und die Beleuchtung der Kirche via iPad. Anfänglich habe sie nichts damit zu tun haben wollen, sagt sie, doch jetzt habe sie richtig den Plausch und demonstriert gleich die Steuerung. Ein weiterer Vorteil des Computers besteht darin, dass sie nicht mehr für alle Arbeiten von Wattwil nach Lichtensteig fahren muss.

Abschiedsgottesdienst mit Musik geplant

Sie habe es eigentlich mit allen Pfarrern in Lichtensteig gut getroffen, sagt Lilo Schillmeier. Sie wolle niemanden hervorheben. Seit sich die einzelnen Kirchgemeinden zur evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg zusammengeschlossen haben, gebe es jedoch mehr Abwechslung, da alle Pfarrer der Kirchgemeinde im Turnus in Lichtensteig den Gottesdienst halten.

Sie sei mit Leib und Seele Mesmerin gewesen, sagt Lilo Schillmeier. Was hat sie nun im Ruhestand vor? Sie werde vorerst einmal die freie Zeit geniessen, antwortet sie. Konkrete Pläne habe sie nicht. Natürlich werde man sie weiterhin in der Kirche sehen, aber vor allem an ihrem Wohnort Wattwil.

Vorerst steht aber noch die feierliche Verabschiedung auf dem Programm, am 2.August in einem feierlichen Gottesdienst mit Musikbegleitung, natürlich in Lichtensteig.