Berührendes «Magnificat»: Marias Lobgesang sorgte in der Klosterkirche Neu St.Johann für viel Applaus

Ein Glaubensbekenntnis der besonderen Art, das gab es am Sonntag im Rahmen der Neu St.Johanner Konzerten zu hören.

Cecilia Hess-Lombriser
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Marcel Schmid nimmt in der Klosterkirche Neu St. Johann den Applaus für die Uraufführung seines «Magnificat» entgegen. Der Chor singt hinter dem Chorgitter.

Marcel Schmid nimmt in der Klosterkirche Neu St. Johann den Applaus für die Uraufführung seines «Magnificat» entgegen. Der Chor singt hinter dem Chorgitter.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser

Im Rahmen der Neu St.Johanner Konzerte kam ein aufmerksames Publikum in den Genuss einer geballten Ladung «Magnificat», Marias Lobgesang oder ein «Revolutionslied Gottes; das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied», wie Dietrich Bonhoeffer es nannte. Am Sonntag führte Marcel Schmid mit dem Bach-Collegium St.Gallen seine Neukomposition Magnificat auf.

Den Auftakt machte das Bach-Collegium mit «Meine Seele erhebt den Herren» von Andreas Hammerschmidt (1612-1675), wie die erste Zeile des Magnificats lautet. Es folgte das «Magnificat anima mea» von Dietrich Buxtehude (1637-1707) und als Höhepunkt die über eine halbe Stunde dauernde Uraufführung Magnificat vom Wittenbacher Organisten, Chorleiter und Komponisten Marcel Schmid, der sie selber dirigierte.

Eine Antwort im Vertrauen auf Gott

Es war ein Glaubensbekenntnis der besonderen Art. Ein Ausdruck von Vertrauen auf einen barmherzigen, führenden und gerechten Gott. Ein Werk, das berührte und beeindruckte. Marcel Schmid, geboren 1943, sagte 2016 anlässlich seines 50-Jahr-Jubiläums als Organist in der evangelischen Kirche Heiligkreuz in St.Gallen:

«Einen Musiker kann man nicht pensionieren.»

Am Sonntag legte er Zeugnis seiner eigenen Worte ab. Was er erschaffen hat, verdient Anerkennung und Respekt. Der Komponist hat seine Erfahrung, seine Überzeugung, seine Reife und die Nachdenklichkeit des älter werdenden Menschen entlang des Magnificats in eine musikalische Form gebracht, die vieles von dem ausdrückt, was die Menschheit seit jeher umtreibt und eine Antwort im Vertrauen auf Gott finden kann.

Marcel Schmid hat die zehn Verse von Marias Lobgesang auseinandergenommen und ihnen je einen musikalischen Satz gewidmet. Die Zuhörenden konnten sich anhand des schriftlich abgegebenen Textes orientieren und die Stimmung, die Aussage, die Gefühle von Freud, Leid, Zuversicht, Vertrauen oder Hingabe nachempfinden. «Das hat mich tief berührt, ich war den Tränen nahe», sagte eine Frau nach dem Konzert. Und gemessen an der atemlosen Stille in der Klosterkirche während der Aufführung, dürfte es anderen ebenso ergangen sein.

Kontraste in derselben Zeit

Die Sätze bewegten sich zwischen Himmel und Erde, zwischen Jubel und Verzweiflung, zwischen Demut und Drohung hin zum erlösenden letzten Satz voller Hoffnung und Vertrauen. Marcel Schmid spielte dabei mit den Stimmen. Es gab Soli, Sätze je mit Frauen und Männerstimmen und mehrheitlich sang der Gesamtchor, der insgesamt den hohen Ansprüchen gerecht wurde.

Die Sängerinnen und Sänger wurden von Antonia Rempfler und Lisa Brassel, Violine begleitet, von Luzia Schmid, Viola, Marianne Leuenberger, Violoncello, Eva Segmüller, Kontrabass und Mirjam Gamma, Continuo. Marcel Schmid selber dirigierte lebendig und bewegt. Am Vorabend des Dreikönigstages beschenkte er die Menschen in der Klosterkirche Neu St.Johann reich.

Die beiden Magnificat aus dem 17. Jahrhundert zeigten sich als Kontraste in derselben Zeit. Hammerschmidts Version war die bescheidenere der beiden. Fliessend ruhige und dazwischen eilende, fast ungeduldigen Takte. Bei Buxtehudes «Magnificat anima mea» kamen die Streicherinnen dazu. Es wurde glanzvoller, heller, festlicher. Die vielen Verzierungen verlangten von den Sängerinnen und Sängern genau zu sein, um die Klarheit zu bewahren.

Orgelwerke von Johann Sebastian Bach

Nach den Magnificats der alten Meister erklangen die Töne von der Empore herab. Marie-Thérèse Schönenberger, Organistin in Degersheim, spielte von Johann Sebastian Bach (1685-1750) das «Orgelkonzert in a-Moll BWV 539. Ihre flinken Hände zauberten helle Töne voller Leichtigkeit hervor, aufschwingend und wieder zurück in die Realität findend.

Als zweites spielte sie ein Bach-Werk nach Vivaldi. Dabei spielte sie die Töne bewusst betonend, vortastend in gemächlichem Tempo, mit wiederkehrenden Elementen, die nach und nach angereichert wurden. Die Musik wurde mutiger, akzentuierter und schliesslich spielerisch befreiend. Ein Miteinander zwischen Himmel und Erde, zwischen Lockerheit und Sicherheit.