«Bei uns fängt die Integration sofort an»: Das Integrationszentrum Seeben in Ennetbühl bietet Flüchtlingen Perspektiven

Im Integrationszentrum Seeben leben bis zu 60 Flüchtlinge und bereiten sich auf ein selbstständiges Leben in der Schweiz vor. Dabei nimmt die deutsche Sprache eine zentrale Rolle ein.

Sabine Camedda
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Eines von zwei Schulzimmern im Integrationszentrum Seeben. Dort lernen die Flüchtlinge nach dem Konzept der Quartierschule Deutsch. (Bild: Sabine Camedda)

Eines von zwei Schulzimmern im Integrationszentrum Seeben. Dort lernen die Flüchtlinge nach dem Konzept der Quartierschule Deutsch. (Bild: Sabine Camedda)

Roger Hochreutener, Geschäftsführer Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Roger Hochreutener, Geschäftsführer Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Der Charakter des Hotels hat die Seeben in Ennetbühl ein bisschen behalten. In der Küche werden jeden Tag drei Mahlzeiten gekocht, die Zimmer sind belegt und in den Gängen herrscht ein Kommen und Gehen. Dennoch: Mit einem Hotel hat das Integrationszentrum nichts gemein. Bis zu 60 Personen – Männer, Frauen und Kinder – leben dort. Die Kinder gehen zur Schule, die Erwachsenen lernen intensiv Deutsch und helfen gemäss einem Ämtliplan im Betrieb mit. Dass das Zusammenleben der Menschen verschiedener Generationen und aus verschiedenen Ländern und Kulturen funktioniert, ist das Verdienst des Zentrumsleiters Michael Forster und seines Teams. Rund um die Uhr ist mindestens ein Betreuer vor Ort und steht den Flüchtlingen für ihre Anliegen zur Verfügung. Sei es für Auskünfte im Umgang mit Behörden, sei es bei medizinischen Fragen, bei der Organisation einer Geburt oder sei es, wenn das wöchentliche Taschengeld ausbezahlt wird.

Die Sprache und den Schweizer Alltag kennen lernen

Wer in die Seeben kommt, hat entweder einen positiven Asylbescheid erhalten, oder wurde aufgrund der Situation in seinem Herkunftsland vorläufig aufgenommen (siehe Zweittext). «Unsere Aufgabe als Integrationszentrum der St.Galler Gemeinden ist es, die Menschen soweit mit der Sprache und mit dem Alltag vertraut zu machen, dass sie selbstständig in einer Gemeinde leben können», fasst Roger Hochreutener zusammen. Er ist Geschäftsführer des Trägervereins Integrationsprojekte St.Gallen (TISG), der das Integrationszentrum Seeben im Auftrag der 77 Gemeinden führt.

Auf den Alltag vorbereiten beginnt damit, dass die Menschen, die unter Umständen längere Zeit auf der Flucht waren, in einen geregelten Tagesablauf kommen. Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt es zu fixen Zeiten, individuelles Kochen einzelner Mahlzeiten ist nicht möglich. Die Flüchtlinge müssen lernen, Abmachungen, wie beispielsweise Arzttermine, einzuhalten oder die Kinder regelmässig in den Schulunterricht zu schicken. Vordergründig müssen die Erwachsenen Deutsch lernen. Dafür gibt es eigene Lehrpersonen in der Seeben. «Wir richten unseren Sprachunterricht nach dem Konzept der Quartierschule aus», sagt Zentrumsleiter Michael Forster. Damit werden gute Erfolge erzielt. Denn die Flüchtlinge werden nicht nur mit der Sprache an sich konfrontiert, sie lernen auch einiges zur Kultur in der Schweiz und zu unseren Umgangsformen.

«Bei uns fängt die Integration sofort an», sagt Michael Forster. Kommt jemand in die Seeben, wird nebst der sprachlichen und der sozialen Integration auch an den beruflichen Kompetenzen gearbeitet. «Wenn jemand beispielsweise jahrelang in Syrien als Elektriker gearbeitet hat, heisst das noch lange nicht, dass er sich in unserer Hightech-Wirtschaft zurechtfindet», sagt Roger Hochreutener. Die Aufgabe des Integrationszentrums ist darum auch, zusammen mit dem Flüchtling Perspektiven für das Leben in der Schweiz zu erarbeiten.

Jeder Mensch verfügt über Potenzial

Bereits während des Aufenthalts in der Seeben wird zusammen mit den Regionalen Potenzialabklärungs- und Arbeitsintegrationsstellen der St.Galler Gemeinden (Repas) ein Coaching angefangen. Dieses wird, auch wenn der Flüchtling die Seeben verlassen und eine Wohnung in einer Gemeinde bezogen hat, weitergeführt. Mit Praktika und Berufsvorbereitungen werden die Flüchtlinge an eine Berufsausbildung herangeführt. «Wir sehen die Flüchtlinge, die zu uns kommen, als Menschen mit Kompetenzen. Es ist also wichtig, diese herauszufinden, um den Menschen auf unsere Arbeitswelt vorzubereiten», sagt Michael Forster. «Wir im Kanton St.Gallen arbeiten seit Jahren mit Erfolg daran, die Flüchtlinge in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen», ergänzt Roger Hochreutener.