Bazenheid
Natur pur statt alte Mühle – warum eine Tragödie am Ursprung des Naherholungsgebietes Mühleweiher stand

Die Arbeiten in der Tümpellandschaft Müliwis in Unterbazenheid sind praktisch abgeschlossen. Am Ort, der heute als Ruheoase für Mensch und Tier dient, stand einst eine Mühle.

Beat Lanzendorfer
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Die Mühle in Unterbazenheid um das Jahr 1900. Neunzig Jahre später ist sie aus ungeklärten Gründen abgebrannt.

Die Mühle in Unterbazenheid um das Jahr 1900. Neunzig Jahre später ist sie aus ungeklärten Gründen abgebrannt.

Bild: PD

Der Entstehung des Naherholungsgebietes Mühleweiher ging eine Tragödie voraus. Einst stand dort eine Mühle, die vor 31 Jahren aus ungeklärten Gründen abbrannte. Acht Jahre später hat die Dorfkorporation Bazenheid das Gelände käuflich erworben und darauf ein Naherholungsgebiet eingerichtet.

Dieses wurde in den vergangenen Wochen neu gestaltet. Insbesondere die Tümpellandschaft Müliwis – bestehend aus einem Flachgewässer und zwei kleineren Weihern – erfuhr eine Aufwertung.

Besucherlenkungsmassnahmen werden noch eingerichtet

Bruno Schättin, Mitglied der Ökokommission der Gemeinde Kirchberg, ist zufrieden mit dem Resultat: «Zum Abschluss der Arbeiten richten wir Massnahmen zur Lenkung der Besucher ein. Mit Pfählen und kleinen Birkenstämmen wird eine Absperrung erstellt. Zusätzlich werden die Böschungen mit einheimischem standortgerechten Böschungssamen begrünt.»

Im vorderen Teil würden zudem Magerwiesensamen ausgebracht, damit eine Blumenwiese entstehen kann. Letztlich würden noch einheimische Sträucher gesetzt, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Das seien sogenannte Biodiversitätsmassnahmen.

Die Arbeiten an der Tümpellandschaft Müliwis sind mit Ausnahme der Anpflanzungen abgeschlossen.

Die Arbeiten an der Tümpellandschaft Müliwis sind mit Ausnahme der Anpflanzungen abgeschlossen.

Bild: Beat Lanzendorfer

«Bäume werden ganz wenige gesetzt. Wir wollen nicht, dass hier ein dichter Wald entsteht, sondern eine offene Flora mit einzelnen Sträuchern wachsen kann, die als Nahrungsgrundlage für Insekten dient und einheimischen Vögeln Früchte liefert», erklärt Schättin.

Zwei Informationstafeln dienen zur Aufklärung

Um die Besucherinnen und Besucher mit dem vertraut zu machen, was hier entstanden ist, wurde eine Informationstafel angebracht. Eine zweite befasst sich mit der Geschichte dieses Fleckens Erde. Dorfarchivar Josef Moser hat sie zusammengetragen. Als Quellen dienten ihm das Stiftsarchiv, das Staatsarchiv, das Gemeindearchiv Kirchberg, das Bazenheider Pfarrarchiv sowie die ehemalige Zeitung «Alttoggenburger».

Felix Forster, Präsident der Dorfkorporation, und Naturschützer Bruno Schättin präsentieren die Informationstafel und die Tuffsteine. Letztere waren Bestandteile des Kellergeschosses der einstigen Mühle.

Felix Forster, Präsident der Dorfkorporation, und Naturschützer Bruno Schättin präsentieren die Informationstafel und die Tuffsteine. Letztere waren Bestandteile des Kellergeschosses der einstigen Mühle.

Bild: Beat Lanzendorfer

Mit zur Aufarbeitung der Geschichte dürfte auch der Fund von Tuffsteinen beigetragen haben, die aus dem Untergeschoss der einstigen Mühle stammen. Sie kamen bei den Bauarbeiten zum Vorschein.

Die Geschichte der einstigen Mühle

Am Platz dieser Tümpellandschaft stand einst eine der vier Dorfmühlen, die alle im 16. Jahrhundert schriftlich belegt sind: Die Getreidemühle in Unterbazenheid, von der hier die Rede ist, die Pulvermühle zur Herstellung von Schiesspulver im Mündungsgebiet des Husenbachs in die Thur, die Balliermühle zum Schleifen von Geschosskugeln, von Hieb- und Stichwaffen sowie Werkzeug am Nuetenwilerbach unterhalb der Bahnhofstrasse sowie die Getreidemühle Bräägg am Hörachbach. Als Mühle galt damals jede mit Wasserkraft betriebene Maschine.

Abgaben an die Obrigkeit

Vor 1501 erbaute Heini Wagner auf seinem Hof, «Weingarthers Hooff» genannt, eine Mühle, welche das Kloster St.Gallen als Freilehen privilegierte mit teilweiser Abgabenbefreiung. Das Gotteshaus verzinste ihm sogar sechs Viertel Kernen (rund 150 Liter) jährlich. Dennoch hatten die Müller dem Kloster bis 1798 Natural- und später Geldabgaben zu entrichten.

Dorfarchivar Josef Moser.

Dorfarchivar Josef Moser.

Bild: Urs Bucher

Daneben bestand auch eine Abgabepflicht an die Pfarrpfrund Kirchberg. Immer wieder gab es Streitigkeiten zwischen den Unterbazenheider Müllern und dem Gotteshaus um die Höhe der Abgaben und um die Wasserrechte.

Obrigkeitliche Kontrolle

Die genannte Mühle war eine Ehehafte, ein von der Obrigkeit zu bewilligendes Gewerbe. Die Landwirte brachten ihr eigenes Korn (Dinkel, Hafer, Gerste) zum Mahlen oder Fuhrknechte führten im Fall von schlechter Ernte eingekauftes Getreide hinzu.

Die Müllerknechte verteilten das Mehl an die bäuerlichen Zulieferer. Mit einem Eid verpflichteten sich die Müller, an Sonn- und Feiertagen ihre Arbeit ruhen zu lassen, ihre Knechte gerecht zu entlöhnen und nur den gesetzlich vorgeschriebenen Müllerlohn vom Mahlgut abzuzweigen.

Gewerbezentrum im Wandel der Zeit

Die Mühle entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem landwirtschaftlichen Gewerbezentrum. 1655 gehörten zur Mühle von Adam Erni auch eine Säge, ein Pleuel (Hanfstampfe), und ein Stampf (Quetschen von Hafer oder Gerste). Erstmals ist neben den «Wassergengen» (Wasserzuflüssen) ein «Wasser» beziehungsweise ein Weiher erwähnt, welches die Wasserkraft erhöhte. Die Mühle von Franz Jacob Geser (Müller 1787 bis 1819) umfasste zusätzlich zu Wohnhaus, Scheune und Speicher eine Ober- und eine Untermühle sowie ein Dörrhaus.

1832 gliederte Sohn Franz Jakob Geser (1819 bis 1840) dem Haus eine Bäckerei an. Bei seiner Handänderung 1840 ist der Stampf nicht mehr erwähnt. 1851 brannte das von ihm 1832 neu errichtete Dörrhaus nieder und wurde unweit davon abermals gebaut. Am Platz des Dörrhauses entstand kurz darauf eine Scheune.

Die Gebrüder Bachmann (1859 bis 1874) bauten 1859 die Säge neu, liessen die untere Mühle 1864 abbrechen, an deren Stelle einen Schweinestall und etwas davon entfernt eine Remise mit Waschhaus erbauen und gaben die Hanfstampfe (Pleuel) auf.

Die letzte Besitzerin der Mühle ging Konkurs

Müller Johannes Bachmann-Rhyner (1874 bis 1894) liess die Bäckerei vor 1894 eingehen und hielt einen Zuchthengst zum Belegen von Pferdestuten. Witwe Julie Bachmann-Rhyner empfahl 1894 gute Mehle sowie Griesmus und Maismehl. Otto Bachmann (1896 bis 1925) führte keinen Schweinestall mehr und verzichtete auf die Sägerei, die er 1920 in eine weitere Getreidemühle umbaute.

Das alte Wasserrad ersetzte er durch eine Turbine mit Transmissionsriemen zum Mühlestuhl. Im gleichen Jahr verkaufte er die grosse, noch heute bestehende Scheune. 1899 veräusserte er der Wasserversorgungsgesellschaft Unterbazenheid Quellen für ihr erstes Reservoir «Büchs».

Sein Nachfolger Johannes Epple (1925 bis 1930) errichtete einen grossen Hühnerhof. Sohn Carl (1930 bis 1962) gab das Waschhaus auf, liess eine Autoremise erstellen und führte keinen Hühnerhof mehr. Erwin Epple (1963 bis 1981) mahlte nach dem Zweiten Weltkrieg wie sein Vater nur noch verschiedene Futterwaren.

Die letzte Besitzerin, die Amabio AG Kreuzlingen (1984 bis 1998) vertrieb bis zu ihrem Konkurs biologische Landprodukte, wobei das Wohnhaus mit angebautem Wirtschaftsteil 1990 aus ungeklärten Gründen niederbrannte. 1998 ging das ganze Mühlenareal inklusive Weiher über an die Dorfkorporation Bazenheid, welche zwei Jahre später eine Naherholungszone einrichtete. In den vergangenen Wochen wurde es durch eine Tümpellandschaft aufgewertet.