BAZENHEID
Er hat sich auch für Flüchtlinge und Lehrlinge eingesetzt: Der Schweizer des Jahres nimmt leise Abschied

Albert Baumann war mehr als Chef von einem der grössten Unternehmen in der Region Wil-Toggenburg. Nach 37 Jahren in «seiner» Micarna gibt er die Leitung nun früher ab als geplant – aus gesundheitlichen Gründen. Eine Würdigung.

Simon Dudle
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Die Freude über die Verleihung des Swiss Award steht Albert Baumann ins Gesicht geschrieben.

Die Freude über die Verleihung des Swiss Award steht Albert Baumann ins Gesicht geschrieben.

Bild: Steffen Schmidt, Keystone (10. Januar 2015)

Mittlerweile ist die Micarna nicht mehr aus dem unteren Toggenburg wegzudenken. Mehrere hundert Mitarbeiter gehen Tag für Tag durch das Drehgitter und die Drehtüren der Firma im Bazenheider Industriegebiet. Mit über 4800 Produkten für Kunden im In- und Ausland ist die Micarna absatztechnisch die grösste Fleischproduzentin der Schweiz.

Am Aufstieg des Unternehmens hatte Albert Baumann massgeblichen Anteil. Die vergangenen 37 Jahre war er in verschiedenen Funktionen für die Micarna tätig, die letzten 16 als Leiter. Nachdem der gelernte Metzger im November 2005 die Micarna-Leitung von Willi Enderli übernommen hatte, war das Unternehmen für Baumann weit mehr als ein Beruf. Es war schon fast eine Berufung. Es war wie eine Familie. Es war «seine» Micarna.

Kleine Feier für grosse Auszeichnung

Doch der Abschied kommt nun früher als geplant – nämlich per sofort. Denn der gebürtige Bischofszeller tritt eine Therapie an, die voraussichtlich bis im März des kommenden Jahres dauern wird. So ist es ihm nicht möglich, bis Ende Jahr CEO zu bleiben. Es passt zu Albert Baumann, dass der Abschied leise erfolgt. Denn auch die Erfolge hat er nicht an die grosse Glocke gehängt. So zum Beispiel, als er am 10. Januar 2015 den Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft erhalten hatte und Schweizer des Jahres geworden war. Gefeiert wurde nicht anlässlich eines rauschenden Festes in Bazenheid, sondern bei einem internen Empfang in der Micarna.

Den Swiss Award gab es für das Projekt Mazubi, bei welchem die über 100 Lernenden innerhalb des Betriebs eine eigene Firma führen. Das sorgte über die Landesgrenzen hinaus für Beachtung – und zusätzlich für die Verleihung des Hans-Huber-Preises. Die Laudatio hierbei hielt nicht Albert Baumann selbst, sondern die damalige Mazubi-Geschäftsführerin Noemi Andres. Eine fundierte Ausbildung war Baumann wichtig. Er machte sich auch dafür stark, dass die Lehrlinge im Ausland Erfahrungen sammeln können. Baumann sagte einst gegenüber dieser Zeitung:

«Wir müssen in unserer Branche für eine umfassende Ausbildung sorgen und aufzeigen, dass es auch bei der Fleischbearbeitung verschiedene Berufe gibt.»

Die Sportprominenz traf sich

Auch Flüchtlinge mit dem Ausweis B und F erhielten unter Baumann eine sprachliche und berufliche Ausbildung – und somit eine längerfristige Perspektive in der Schweiz. 2016 wurde das Projekt Maflü ins Leben gerufen. Und es gab von der Kommission für die Integration von Migranten und für Rassismusprävention des Kantons Fribourg, wo der zweite grosse Standort des Unternehmens angesiedelt ist, sogleich eine Auszeichnung.

Aber auch die Spitzensportler wurden von der Micarna unterstützt. Unter Baumanns Führung und dem Namen «Goodwill Team» trafen sich Grössen wie Giulia Steingruber, Daniel Hubmann, Nöldi Forrer, Jolanda Neff oder Nicola Spirig zu gemeinsamen Aktivitäten.

Kein definitiver Abschied

Unternehmerisch leitete Baumann das Zeitalter der Expansion ein. Er sorgte für die Integration der Bereiche Geflügel, Fisch und Ei. Verschiedene Unternehmen wurden gekauft. Ferner wurden alternative Produkte entwickelt, so etwa ein Insekten-Burger oder vegane Grillwürste. Die Nachhaltigkeit wurde nicht nur propagiert, sondern Realität. Rund 70 Prozent aller Tiere, die heute von der Micarna verarbeitet werden, sind Labeltiere.

Nicht ganz alles hat geklappt. So mussten Pläne, bei Lütisburg Station einen grossen Geflügelverarbeitungsbetrieb samt 200 Arbeitsplätzen zu errichten, noch während der Planungsphase wieder begraben werden.

Nun also der vorzeitige Abschied, der kein definitiver ist. Denn Albert Baumann unterstützt den neuen Unternehmensleiter Peter Hinder, der per sofort übernimmt, im Rahmen von externen Verwaltungsratsmandaten und Arbeitsgruppen.

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