Baumwipfelpfad
Outdooryoga: «Plötzlich verstand ich, warum die ganze Welt einen ‹Kopfstand› macht»

Auf dem Neckertaler Baumwipfelpfad finden Yogakurse statt. Unsere Zeitung war beim Sunset-Yoga dabei. Ein Selbstversuch.

Francesca Stemer
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Outdooryoga auf dem Baumwipfelpfad.

Outdooryoga auf dem Baumwipfelpfad.

Bild: Francesca Stemer
Die Yogateilnehmenden auf dem Baumwipfelpfad.

Die Yogateilnehmenden auf dem Baumwipfelpfad.

Bild: Francesca Stemer

Daniel streicht mit seiner Hand an einem hölzernen Geländer entlang. Er bleibt stehen. Über ihm fahren zwei Heissluftballone dem stahlblauen Himmel entgegen. Er wendet sich ab, seine nackten Füsse tragen ihn zu einem kleinen Holzschränkchen, dass als Abfalleimer dient. Als er das Türchen öffnet, erklärt er, dass auch Siebenschläfer, die kleinen Nagetiere, den geschützten Raum für ihren Nestplatz nutzen würden. Von Siebenschläfer-Babys keine Spur. Im Gegensatz zum letzten Jahr. Er war bereits letzten Frühling hier, um auf dem Baumwipfelpfad Yoga auszuüben.

Yogini, Adelina Thaqi.

Yogini, Adelina Thaqi.

Bild: Francesca Stemer

Die Idee dafür hatte Yogalehrerin Adelina Thaqi beim Meditieren. Thaqi suchte, während der Pandemie, nach einem Weg, um den Menschen etwas zurückzugeben, sich zurückzuziehen und entspannen zu können. Dazu gibt es aus ihrer Sicht keinen besseren Platz als die Natur. Die Toggenburgerin schrieb ein Konzept für Outdooryoga und reichte es bei der Genossenschaft Baumwipfelpfad ein. Diese erklärten sich einverstanden. An gewissen Tagen kann im Frühling und Sommer Outdooryoga durchgeführt werden. So auch am Sonntagabend – Pifnsten hin oder her.

Die Gruppe schlendert den Pfad entlang. Die Yogalehrerin (Yogini) wendet sich an die Teilnehmenden und fragt: «Wo würdet ihr denn gerne Yoga machen?» Schnell ist klar: Hauptsache an einem sonnigen Fleckchen. Ein lächeln umspielt Thaqis Lippen. Sie deutet nach vorne: «Dann am besten hier, beim höchsten Punkt des Baumwipfelpfads.» Die Yogamatten werden auf dem hölzernen Steg ausgerollt. Es ist kurz nach 18 Uhr. Der Pfad ist für Besucher geschlossen. Fast. Ein paar letzte Spaziergängern, die 47 Meter weiter unten durch den Wald laufen und mit fragenden Blicken nach oben schauen, sind noch da.

Schwierigkeit: Atmen

Yoga auf dem Baumwipfelpfad.

Yoga auf dem Baumwipfelpfad.

Bild: Francesca Stemer

Los geht es mit dem Selbstversuch. Die Yogini bittet unsere Gruppe, eine entspannte Position einzunehmen und die Konzentration auf die Atmung zu richten, die Gedanken vorbeiziehen lassen. Schnell merkte ich: Meine Gedanken sind alles andere als frei. Sie sind durchzogen von anstehenden Aufgaben, die mich nächste Woche erwarten. Thaqi spricht mit ruhiger Stimme: «Und nochmals tief einatmen.» Rauschende Blätter, zwitschernde Vögel. Die Augen sind geschlossen. Thaqi führt in die nächste Übung von Hatha Yoga vor. Durch die Übungen soll das Gleichgewicht gefunden werden. Mit dem Ziel eine Balance zwischen dem aktiven und passiven Nervensystem zu schaffen.

Adelina Thaqi erklärt, dass es vielen in der schnelllebigen Zeit schwer fällt, sich hinzugeben und zu entspannen. «Yoga bietet genau diesen Raum, um die Rollen, die wir im Alltag annehmen loszulassen und uns Zeit nehmen, um zur Ruhe zu kommen.» Denn im Alltag bringe uns niemand bei, wie wichtig es sei, auf die Atmung und Haltung zu achten. Die Yogini fährt fort: «Yoga bietet die Möglichkeit zur Regeneration und uns mit neuer Energie aufzuladen.»

Meine Augen sind geschlossen. Ich höre auf die Anweisungen unserer Yogi. Die Beine sind angewinkelt, der Körper gedreht, die Hände ausgestreckt. Meine rechte Hand rutscht über den Bretterrand ins Nichts. Überrascht blinzle ich der tiefstehenden Sonne entgegen. Ich merkte, ich habe mein Zeitgefühl verloren. Meine Gedanken, wie gut ich eine Übung kann oder nicht, schwinden und mein Atmen wird ruhiger.

Zum Schluss folgt Shavasana – Tiefenentspannung.

Zum Schluss folgt Shavasana – Tiefenentspannung.

Bild: Francesca Stemer

Mit beruhigender Stimme führt Thaqi durch die letzten Übungen. Dann folgt, Shavasana – Tiefenentspannung. Die Gruppe zieht sich Pullover und Socken über und legt sich auf die Yoga-Matte. Der Fokus liegt auf der Atmung, die Handflächen nach oben gekehrt auf dem Bretterboden. Gib das ganze Gewicht ab und lass dich von der Erde tragen» sagt die Yogini.

Lebensverändernd – auf den zweiten Blick

Ihre erste Yogalektion erlebte Thaqi in einem Fitnesscenter. Ihr damaliger Gedanke: «Wie langweilig.» Das hat sich heute, zehn Jahre später, geändert. «Ich bin ein glücklicherer Mensch als früher und verstehe, auf meinen Körper zu hören.» Mit der Philosophie des Yoga kam sie vor sechs Jahren, als sie auf dem Jakobsweg unterwegs war, in Verbindung. «Plötzlich verstand ich, warum die ganze Welt einen ‹Kopfstand› macht. Nicht wegen dem Kopfstand, sondern wegen dem Bedürfnis von Frieden, Geduld und Ruhe.» Ein weiteres Ziel von Yoga ist es, das Bewusstsein zu stärken, um zu realisieren, warum gewisse Dinge getan werden und wie schlechte Gewohnheiten abgelegt werden können. Ihre Augen schweifen über die Toggenburger Hügellandschaft.

«Damit wir lernen nicht an vergänglichem festzuhalten und erkenne was uns als Mensch ausmacht.»

Der Wind ist aufgefrischt. Ich öffne meine Augen. Träge beobachte ich die Wolkenformationen. Schwalben ziehen durchs Bild, eine kleine Spinne krabbelt über die Holzbretter an meiner Hand vorbei. Erstaunt stelle ich fest, dass ich mich in diesem Moment ruhiger fühle als zu Beginn. Fast fühlt es sich an, als hätte ich eine kleine Reise gemacht. Wir setzen uns auf und Taqi schliesst den Yogakurs mit einem Mantra ab.

Daniel spielt auf seiner Handpan.

Daniel spielt auf seiner Handpan.

Bild: Francesca Stemer

Die Yogagruppe sitzt am Lagerfeuer, bei Curry-Eintopf und Früchtetee. Adelina Thaqi und Daniel erzählen von den Abenteuern, die sie in Indien und Nepal erlebten, und von den Menschen, denen sie begegneten. Die Sonne verschwindet hinter einer Hügelkuppe, auf der sechs ineinander verschlungene Bäume thronen. Daniel spielt auf einer Handpan (Blechklanginstrument), begleitet wird er von sanften Gitarrenklängen und Thaqi stimmt zaghaft ein Mantra an. Ihre Augen werden vom Lagerfeuer erhellt.

Curry-Eintopf mit Chapati.

Curry-Eintopf mit Chapati.

Bild: Francesca Stemer
«Dieses Mantra fördert die Eigenschaft Mitgefühl zu empfinden und soll allen Lebewesen dienen, wahres Glück, Gesundheit und Harmonie zu erfahren.»