Als die Bauern eine Viehversicherung hatten

Eine Monografie beleuchtet die Geschichte der Oberhelfenschwiler Viehversicherung im letzten Jahrhundert. Zu ihren besten Zeiten waren Bauern, die zusammen mehrere hundert Tiere hielten, Mitglieder. Geschildert wird auch der Kampf gegen Seuchen.

Martin Knoepfel
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In Oberhelfenschwil gab es während etwa 20 Jahren im 19. Jahrhundert und dann wieder von 1911 bis 2005 oder 2006 eine Viehversicherung von Bauern aus der Gemeinde. (Bild: Peter Schneider)

In Oberhelfenschwil gab es während etwa 20 Jahren im 19. Jahrhundert und dann wieder von 1911 bis 2005 oder 2006 eine Viehversicherung von Bauern aus der Gemeinde. (Bild: Peter Schneider)

Früher waren die Viehbestände der Bauern viel kleiner als heute. Umso härter war der finanzielle Verlust, wenn ein Tier notfallmässig geschlachtet werden musste. Vor diesem Problem standen auch die Oberhelfenschwiler Bauern. Sie reagierten mit der Gründung einer Viehversicherung. Zeitweise war die Mehrheit der Bauern der Gemeinde Mitglied dieser Einrichtung.

Viele Unterlagen sind erhalten. Sie wurden sehr sorgfältig geführt, wie Emil Lehmann schreibt. Der Journalist aus Zürich hat die Geschichte der Institution nachgezeichnet. Ähnliche Einrichtungen existierten in allen Nachbargemeinden von Oberhelfenschwil. Eine Vorgängerin wurde wahrscheinlich 1865 gegründet. Man weiss nicht viel über jene ältere Versicherung, die vor 1886 eingegangen sein muss.

Die Gründungsversammlung der Viehversicherung Oberhelfenschwil fand am 4. Dezember 1910 im «Rössli» statt. Damals gab es schon mehr als 100 örtliche Viehversicherungen im ganzen Kanton St. Gallen. Am 1. Januar 1911 nahm die Oberhelfenschwiler Einrichtung ihre Tätigkeit auf. 37 Landwirte, die total rund 270 Tiere hielten, gehörten ihr an. Ein Jahr später waren es schon 54 Mitglieder mit 420 Tieren.

Jahrzehntelang über 500 versicherte Tiere

Im ersten Weltkrieg sank der Mitgliederbestand der Versicherung wieder. Ab 1932 lag die Zahl der versicherten Tiere fast immer bei mehr als 500 Stück. Emil Lehmann nimmt, basierend auf der Zählung von 1896 an, dass rund zwei Drittel der Viehbestände in Oberhelfenschwil versichert waren. Versichern konnte man Tiere, die älter als ein Jahr waren.

Da die Versicherung am Anfang noch kein Kapital hatte, wurde nach dem ersten Jahr beschlossen, dass Neumitglieder die Eintrittsgebühr von 20 Rappen pro Tier bezahlen. Alle Mitglieder mussten einen Jahresbeitrag von 20 Rappen pro Tier beisteuern. Der Metzger erhielt acht Franken pro Notschlachtung. Essbares Fleisch aus Notschlachtungen kostet 1911 zwei Franken pro Kilogramm.

Laut dem Web-Auftritt des Bundesamts für Statistik läge der Landesindex der Konsumentenpreise heute bei 1039,7 Punkten, wenn man vom Indexstand 100 im Juni 1914 ausgeht. Emil Lehmann nimmt an, dass bei Notschlachtungen rund ein Viertel des Schadens am Besitzer des Tieres hängen blieb. Dieser Prozentsatz war offenbar über die Jahrzehnte ziemlich konstant.

Zahl der Mitglieder sank, Anzahl Tiere stieg an

Ab den 1960er-Jahren sank die Zahl der Bauernhöfe und der Mitglieder der Versicherung. Zugleich stieg die Zahl der Tiere pro Betrieb. 1958 waren es durchschnittlich knapp acht Tiere pro Betrieb.

Ein Bauernhof steht wegen der Maul- und Klauenseuche unter Quarantäne. Dieses Bild von 1965 stammt nicht aus Oberhelfenschwil.

Ein Bauernhof steht wegen der Maul- und Klauenseuche unter Quarantäne. Dieses Bild von 1965 stammt nicht aus Oberhelfenschwil.

Bis 1987 stieg diese Zahl auf 13,4 Tiere. Dazu kam, dass Tiere früher geschlachtet wurden, wenn sie krank waren, da die Behandlung bei Hochleistungskühen zu teuer war. Gemäss Emil Lehmann trugen in Oberhelfenschwil auch wohlhabende Bauer, die Viehversicherung mit. In St. Peterzell und Hemberg habe die Viehversicherung hingegen als Einrichtung für arme Leute gegolten, heisst es.

Ab den 1990er-Jahren häuften sich laut der Publikation die Probleme. So kam es häufig vor, dass zugeteiltes Fleisch aus Notschlachtungen nicht abgeholt wurde. Immer wieder blieben Mitglieder die Prämien schuldig. Weiter wurde vermehrt Fleisch geschlachteter Tiere als ungeniessbar eingestuft, weil die Tiere mit Medikamenten behandelt worden waren und das Fleisch Rückstände dieser Medikamente enthielt.

1997 wurde erstmals eine Auflösung der Versicherung angetönt. Als der Kanton aufhörte, Beiträge an die Beseitigung ungeniessbarer Tiere zu bezahlen, verloren viele Bauern das Interesse an der Viehversicherung. Die Auflösungsversammlung soll 2006 stattgefunden haben. Ein Protokoll der Versammlung existiert offenbar nicht.

Hinweis

Ein PDF der Publikation ist erhältlich beim Autor: E-Mail an emil.lehmann@bluewin.ch.