Ausstellung im «Dogo – Residenz für neue Kunst»: Besucher sind gleichzeitig Motelgäste

In einer Gruppenausstellungvon «Dogo – Residenz für neue Kunst» und dem «Haus zur Glocke» aus Steckborn in Lichtensteig wird ein Tessiner Garni-Hotel neu belebt.

Sascha Erni
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Jean-Marc Yersin zeigt in der alten Turnhalle in Lichtensteig grossformatige Fotografien.

Jean-Marc Yersin zeigt in der alten Turnhalle in Lichtensteig grossformatige Fotografien.

Bild: Sascha Erni

«Rivapiana. The Motel (1972-2018). Eine Hommage.» So heisst die erste Kollaboration, die «Dogo – Residenz für neue Kunst» in Zusammenarbeit mit dem «Haus zur Glocke» aus Steckborn vom 11. bis 24. Januar vorstellt. Dreizehn Kulturschaffende zeigen Werke, inspiriert vom namengebenden Garni-Hotel Rivapiana. Manche kannten sich vor der Gruppenausstellung noch gar nicht, erzählte die künstlerische Leiterin des «Haus zur Glocke» und Kuratorin Judit Villiger an der Vernissage vom letzten Samstag.

«Die Ausstellung entstand aus der Selbstinitiative der Kulturschaffenden.»

Die gemeinsame Ausgangslage sei, dass sie mindestens ein Mal im «Rivapiana» übernachtet haben mussten. Das Garni-Hotel bot über Jahre denjenigen Künstlerinnen und Künstlern Obdach, die an der Tessiner Kunstplattform «OnArte» ausstellen wollten. Diese Kunstplattform ist Geschichte, das Hotel Rivapiana in Minusio steht vor dem Abriss. Grund genug für Judit Villiger und Co-Kurator Othmar Eder, es zum Thema für die Lichtensteiger Gruppenausstellung zu machen und so quasi zu porträtieren.

Das «Haus zur Glocke» (repräsentiert durch Othmar Eder und Judit Villiger, links) und «Dogo – Residenz für Neue Kunst» (repr. Sirkka Ammann) kollaborieren in Lichtensteig.

Das «Haus zur Glocke» (repräsentiert durch Othmar Eder und Judit Villiger, links) und «Dogo – Residenz für Neue Kunst» (repr. Sirkka Ammann) kollaborieren in Lichtensteig.

Bild: Sascha Erni

Individuelle Sicht statt objektive Beschreibung

Die Künstlerinnen und Künstler aus dem Thurgau, der Schweiz ganz allgemein, aber auch den Niederlanden und Österreich, führten am 11. Januar gleich selbst durch die Ausstellung. Das «Rathaus für Kultur», in dem Dogo heimisch ist, bietet noch bis zum 24. Januar den passenden Rahmen.

Überall im Rathaus, auch auf dem Estrich sowie im Atelier in der alten Turnhalle, sind die Werke verteilt. Fotografien, Video- und Klanginstallationen, Skulpturen und Gemälde thematisieren das Garni-Hotel. «Bei den Werken handelt es sich mehr um ein perspektivisches Sehen als um eine objektive Anschauung», erklärte Judit Villiger.

Die künstlerischen Ergebnisse sind vielfältig, reichen von Dokumentation und Assoziation bis hin zu Neu-Interpretationen von Gegenständen, die sich im Garni-Hotel befunden haben. Villiger selbst hat zum Beispiel alte Plakat-Tafeln, die im «Rivapiana» hingen, gesammelt, verfremdet und so in Lichtensteig in einen neuen Kontext gerückt.

Othmar und Rita Eder zeigen in der Dusche in der alten Turnhalle Kacheldekor und Farbdrucke als Fundstücke

Othmar und Rita Eder zeigen in der Dusche in der alten Turnhalle Kacheldekor und Farbdrucke als Fundstücke

Bild: Sascha Erni

Im zentralen Ausstellungsraum sind alle Künstlerinnen und Künstler vertreten. Wer sich also nur kurz mit «Rivapiana» auseinandersetzen möchte, kann etwa beim Besuch der Rathaus-Stube einen Blick auf die Gesamtausstellung werfen. So verpasst man allerdings viel. Die Ausstellung lebt vom Spiel mit dem Raum, den überraschenden Konfrontationen, wenn man durch die Zimmer streift.

Gelungene erste Kollaboration für Dogo

Eindrücklich ist der Dialog, den die Werke mit Turnhalle und Rathaus, dem porträtierten Garni-Hotel, aber auch untereinander führen. Der Ausstellungsraum zeigt also weniger einen Überblick zur Gruppenschau, als dass er die Funktion eines Wikipedia-Kurzeintrags erfüllt.

Die Kollaboration mit dem «Haus zur Glocke» stellt für Dogo eine Premiere dar. Als die jungen Kulturschaffenden anfangs 2019 an den Start gingen, hätten sie bereits etablierte Ostschweizer Projekte besucht, erzählte Sirkka Ammann vom Dogo-Kernteam. Man sei mit Judit Villiger ins Gespräch gekommen, bald habe sich die Idee einer Zusammenarbeit entwickelt. Der Aufwand für die Gruppenausstellung sei beträchtlich gewesen. Die Anstrengungen der letzten Wochen haben sich aber gelohnt – es ist fast so, als sei eine verzerrte, surreale Version des Garni-Hotel zu Gast in Lichtensteig.

Gut 50 Gäste besuchten die Vernissage von «Rivapiana» in Lichtensteig.

Gut 50 Gäste besuchten die Vernissage von «Rivapiana» in Lichtensteig.

Bild: Sascha Erni

In ihrer Eröffnungsansprache hatte Judit Villiger eine Idee hinter der Gruppenausstellung so zusammengefasst: «Jede Besucherin, jeder Besucher soll sich sein eigenes Motel im Kopf zusammensetzen.» Diesen Anspruch erfüllt und übertrifft «Rivapiana». Wenn man sich, statt als Besucher, denn auch wie als Gast darauf einlässt.