«Aus ärztlicher Sicht kann man über all dies nur den Kopf schütteln»: Der Toggenburger Ärzteverein kritisiert die Pläne der Regierung fürs Spital Wattwil

Dass das Spital Wattwil in ein Pflegezentrum umgewandelt werden soll, stösst nicht nur bei der Gemeinde auf Unverständnis. Auch der Toggenburger Ärzteverein spricht sich gegen den Vorschlag aus.

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Der Toggenburger Ärzteverein kommt zum Schluss, dass im Spital Wattwil weiterhin ein medizinisches stationäres Basisangebot der Inneren Medizin und der Allgemeinchirurgie bestehen bleiben muss.

Der Toggenburger Ärzteverein kommt zum Schluss, dass im Spital Wattwil weiterhin ein medizinisches stationäres Basisangebot der Inneren Medizin und der Allgemeinchirurgie bestehen bleiben muss.

Bild: Gian Ehrenzeller/ KEYSTONE

(pd/lim) Die Spitalstrategie des Kantons St.Gallen gibt zu reden. Die jüngsten Pläne der Regierung, das Spital Toggenburg in ein Pflegezentrum umzuwandeln, haben in der Region Entrüstung ausgelöst. Jetzt nimmt auch der Toggenburger Ärzteverein Stellung – und übt Kritik.

«Aus ärztlicher Sicht kann man über all dies nur den Kopf schütteln, denn an den tatsächlichen medizinischen Bedürfnissen scheint sich niemand zu orientieren», schreibt Uwe Hauswirth, Präsident des Toggenburger Ärztevereins in einer Stellungnahme. Er weist darauf hin, dass es sich bei den Verantwortlichen in der Regierung und im Lenkungsausschuss «nahezu ausnahmslos» um Nichtmediziner handle. Zur Vernehmlassung der Ende Oktober 2019 vorgestellten «4plus5»-Regierungsvorlage sei der Toggenburger Ärzteverein nicht eingeladen worden. «Aus diesem Grund erachten wir es als unsere Pflicht, die Grundzüge unserer dennoch eingereichten Vernehmlassung publik zu machen.»

Argumente für ein medizinisches stationäres Basisangebot

Der Ärzteverein spricht folgende Punkte an:

  • Das Toggenburg sei nachweislich medizinisch unterversorgt, und dies nicht nur, weil es sich in einer Randlage zu den Hauptverkehrsachsen des Kantons befindet.
  • Die stationäre Grund- und Notfallversorgung müsse langfristig entsprechend dem Willen der Bevölkerung von 2014 am Spital Wattwil sichergestellt werden.
  • Dezentrale Strukturen in der stationären medizinischen Versorgung im Kanton müssten bestehen bleiben, weil an einem Zentrumsspital zu wenig Kapazität für Routine-Behandlungen und -Abklärungen vorhanden sei. Diese könnten in kleineren Spitälern dezentral übersichtlicher und kostengünstiger erfolgen.
  • Die zunehmende Spezialisierung und den medizinischen Fortschritt als Argumente für die Zentralisierungsstrategie heranzuziehen, sei falsch. Am Beispiel von Wattwil stehe dort ein qualifiziertes Ärzte- und Pflegeteam zur Verfügung, das über ein hohes Mass an Spezialwissen verfüge und über die Fähigkeit, den Spezialisten heranzuziehen, wenn nötig. Warum dies nicht weiterhin so funktionieren können soll, sei nicht plausibel. Die schlechten Fallzahlen seien hausgemacht. «Ambulant vor stationär für elektive Behandlungen ist eine kostensparende Tatsache, erlaubt aber angesichts des raschen Bevölkerungswachstums nicht den Rückschluss, dass immer weniger stationäre Behandlungsmöglichkeiten notwendig sind.»
  • Die Region Toggenburg müsse für künftige Ärztegenerationen attraktiv bleiben. Der persönliche Kontakt zwischen Zuweisern und Spitalärzten, aber auch Spezialisten und Spitalärzten, wirke sich qualitätssteigernd aus. Der persönliche, fachliche Austausch sei zentraler Bestandteil des ärztlichen, fachlich hochstehenden Wirkens und ein Attraktivitätsfaktor für die berufliche Standortwahl. «In einem Zentrumsspital mit grosser und häufig wechselnder Ärzteschaft ist dies viel schwieriger zu realisieren.»
  • Der Joint Medical Master mit einer Ausbildungsstätte am Spital Wattwil fördere die Zusammenarbeit zwischen Spital und niedergelassenen Ärzten nachhaltig und werde der Notwendigkeit, zukünftige Ärztegenerationen für die Region zu gewinnen, grundlegend gerecht. Im Rahmen des Joint Medical Masters sind für das Spital Wattwil sind 12 Ausbildungsstellen vorgesehen. Nur so könnte dem Hausarztmangel im Toggenburg entgegengewirkt und ansatzweise dem Bedarf von 53 Hausärzten in 10 Jahren Rechnung getragen werden.
  • Mit dem neuen Notfallkonzept und der Integrierten Notfallpraxis INP sei im Toggenburg ein weiterer Schritt gelungen, die Zusammenarbeit zwischen dem Spital Wattwil und der niedergelassenen Ärzteschaft im Toggenburg zu intensivieren und eine adäquate, zeitgemässe Notfallversorgung aufzubauen.
  • Geriatrische Patienten würden aufgrund der Überalterung zunehmen. Diese Patienten benötigten in der Regel keine hochspezialisierten medizinischen Leistungen, sondern eine für Patient und Angehörige wohnortnahe, stationäre altersmedizinische Grundversorgung mit kurzen Transportwegen. Das Spital Wattwil biete das.

Der Toggenburger Ärzteverein kommt zum Schluss, dass im Spital Wattwil weiterhin ein medizinisches stationäres Basisangebot der Inneren Medizin und der Allgemeinchirurgie bestehen bleiben muss.

Als zusätzliche regionalspezifische Leistungen sollten mindestens Akutgeriatrie und geriatrische Rehabilitation sowie wie bisher die in der Schweiz einzigartige Alkoholkurzzeittherapie angeboten werden. «Ansonsten werden der Bevölkerung empfindliche Einschränkungen und Qualitätseinbussen in der medizinischen stationären und ambulanten Grundversorgung zugemutet, die so von der Regierung bewusst verschwiegen werden.»

«So nicht!» – auch die St.Galler Ärztegesellschaft übt Kritik an der Spitalstrategie

Ärztegesellschaft lehnt «4plus5»-Strategie ab

Die Ärztegesellschaft des Kantons St.Gallen nimmt ebenfalls Stellung in einer Medienmitteilung. Sie anerkennt die Notwendigkeit einer Strategiereform bei den öffentlichen Spitälern. Die von der Regierung vorgeschlagene «4plus5»-Strategie lehnt sie in dieser Form aber ab. «Die minimalistische personelle und medizinische Ressourcenausstattung zeigt, dass mit den GNZ keine qualitativ hochstehende Medizin mit teilweiser stationärer Behandlung angeboten werden kann. Solche GNZ können weder die medizinischen Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen noch wirtschaftlich betrieben werden», heisst es in der Medienmitteilung. Im Sinne einer optimalen medizinischen Versorgung fordert die Ärztegesellschaft eine zielführende Klärung des Rollenverständnisses und der Aufgabenteilung zwischen den freipraktizieren-den Ärztinnen und Ärzten und den Spitälern. Sie erwartet vom Regierungs- und Kantonsrat «massgebliche Korrekturen» an der vorgestellten Spitalstrategie. Der Fokus soll insbesondere über den eigenen Kanton hinaus gerichtet werden, da die Patientinnen und Patienten letztlich «mit den Füssen abstimmen» und das für sie beste kantonale oder ausserkantonale Angebot wählen werden, heisst es weiter. (pd/lim)

Für den Toggenburger Ärzteverein stellt auch ein ambulantes Gesundheits- und Notfallzentren GNZ in Wattwil, in der von der Regierung vorgeschlagenen Art, keine Alternative zu einem Spitalbetrieb dar – da damit langfristig und nachhaltig keine adäquate Grund- und Notfallversorgung im Toggenburg gewährleistet werden könne, weil diese GNZ nicht als Hausarztpraxen fungierten, sondern als Akquisitionsstellen für das künftige Universitätsspital St. Gallen.

Zudem werde mit dem GNZ-Modell in ein bewährtes und gesetzlich verankertes System eingegriffen, das viel mehr Kosten produziert sowie die niedergelassene Ärzteschaft konkurrenziert und existenziell bedrohe, wodurch das eigentliche Problem des Hausarztmangels in den ländlichen Regionen nicht in Angriff genommen werde. «Im Gegenteil die sinnvollen Ausbildungsstätten vor Ort werden eingestampft.»

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