Auf Gamplüt: «Irgendwie ist es surreal»

Geschlossen und unbelebt – Eindrücke aus einem Wandertag auf der Toggenburger Alp.

Martin Knoepfel
Drucken
Teilen
Ein Blick auf den Gamserrugg.

Ein Blick auf den Gamserrugg.

Bild: Martin Knöppel

Social Distancing ist in der S2 nach Nesslau ein Kinderspiel. Der Zug ist am Sonntagmorgen trotz Bilderbuchwetter schwach besetzt, sodass fast jeder vier Sitze für sich hat. Etwa ein Dutzend Personen steigen in Nesslau ins Postauto um, von denen erst noch die Hälfte in Stein aussteigen wird. Zwei müssen sich vom Chauffeur belehren lassen, dass es Billette nur am Automaten gibt.

Ich suche einen Platz im oberen Stock des Busses und schlage prompt den Kopf an der Decke an. Ist das der erste Vorbote von Corona?

Gondelbahn fährt nicht

In Alt St.Johann sitzen zwei Männer vor einem Restaurant in der Sonne. In Unterwasser ist der Parkplatz vor der Talstation der Iltios-Bahn fast autoleer. In Wildhaus verlasse ich das Postauto. Jetzt leistet nur noch ein Passagier dem Chauffeur Gesellschaft. Auf dem Parkplatz Chuchitobel haben die ankommenden Fahrerinnen oder Fahrer die Qual der Wahl zwischen den freien Parkfeldern. Irgendwie ist es surreal. Diesen Eindruck werde ich noch öfters haben.

Die Gondelbahn nach Gamplüt ist wegen des Entscheids des Bundesrats geschlossen. Am Samstag fuhr sie offenbar noch, aber jetzt haben wir Sonntag. Also auf Schusters Rappen bergauf. Kleine Gruppen an Wanderern haben die gleiche Idee, sie sind allerdings zügiger unterwegs als ich. Social Distancing funktioniert auf hier. Benedikt Forster aus Kreuzlingen ist mit einer Begleiterin und einem Begleiter unterwegs. Er hat sich für einen Ausflug ins Toggenburg entschieden. Angst vor dem Corona-Virus habe er nicht, sagt er. Ob sie von Gamplüt noch weiter aufsteigen, wissen die drei noch nicht. Das hänge vom Schnee ab, sagt Benedikt Forster.

Genug Platz, um sich aus dem Weg zu gehen

Auf Gamplüt sitzen um elf Uhr morgens rund 20 Personen auf der grossen Terrasse, die an normalen Tagen wohl bis auf den letzten Platz besetzt wäre. Social Distancing funktioniert problemlos, auch beim Anstehen fürs Essen. Und man hat erst noch genug Platz, um die Beine hochzulagern. Die Besucher, ich eingeschlossen, geniessen die Sonne und den Blick auf die Churfirsten auf der anderen Talseite. Man sieht die Skilifte, aber nichts regt sich dort. Irgendwie ist es surreal.

Auf Gamplüt geniessen einige Gäste das sonnige Winterwetter. An «normalen» Sonntagen wäre die Terrasse bei schönem Wetter zum Bersten voll.

Auf Gamplüt geniessen einige Gäste das sonnige Winterwetter. An «normalen» Sonntagen wäre die Terrasse bei schönem Wetter zum Bersten voll.

Bild: Martin Knoepfel

Marie Perret von Buchs hat keine Angst, sich hier oben anzustecken. Sie ist in den Ferien in Wildhaus und macht mit vier Freundinnen aus dem Kanton Zürich eine Wanderung. Das Toggenburg gefalle ihr. Sie sei öfters hier, sagt sie. Kurz vor zwölf Uhr begrüsst Wirt Peter Koller die Gäste mit einem Ständchen. Er ruft dazu auf, die prächtige Aussicht im Herzen zu bewahren.

Mittlerweile sitzen etwa 40 Personen auf der Terrasse des Restaurants. Dicht gedrängt wäre anders. Einer empfiehlt «Appenzeller» als Vorbeugung gegen das Corona-Virus. Das beruhigt mich, da ich einen Flauder, also ein Appenzeller Produkt, getrunken habe.

Zurück in Lisighaus hat mich der Frühling wieder. Velofahrer nutzen das Prachtwetter für eine Ausfahrt. Und Motorradfahrer, teils in Gruppen von fünf oder sechs Personen. Die Schwägalp hat nichts an Anziehungskraft eingebüsst. Das zeigt sich in Nesslau. Auf der Rückfahrt in der S2 funktioniert das Social Distancing problemlos. Der Zug ist schwach besetzt. Irgendwie ist es surreal.