Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

«Ich wollte nicht tatenlos zuschauen»: Die Wattwilerin Eva Ostendarp setzt sich bei der Organisation SOS Méditerranée für die Rettung von Geflüchteten ein

Mehrere tausend Menschen fliehen jährlich über die Mittelmeerroute von Libyen nach Italien. Dabei verlieren viele bereits unterwegs ihr Leben. Eva Ostendarp versucht, mit ihrer Arbeit bei der Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée, Geflüchteten zu helfen.
Interview: Julia Engel
Die Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée will Leben auf dem Mittelmeer retten. (Bild: MSF/Hannah Wallace Bowman)

Die Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée will Leben auf dem Mittelmeer retten. (Bild: MSF/Hannah Wallace Bowman)

Ob Japan, Serbien, Griechenland, Frankreich, Iran oder die Slowakei – die 28-jährige Eva Ostendarp ist mit unterschiedlichen Jobs und Praktika schon ordentlich um die Welt gekommen. Nach der Matura an der Kantonsschule Wattwil, absolvierte Eva Ostendarp ein Bachelor- und Masterstudium der Internationalen Beziehungen in Genf. Vergangenen Sommer zog es sie, nach diversen Auslandsaufenthalten, zurück in die Schweiz, wo sie eine Stelle bei der Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée als Koordinatorin des Regionalbüros Bern antrat. Mit dem «Toggenburger Tagblatt» sprach sie über ihren Bildungsweg, ihren heutigen Beruf und die aktuelle Situation im Mittelmeer.

Was bedeutet das Toggenburg für Sie?

Wenn ich im Toggenburg bin, ist es hauptsächlich, um meine Familie zu besuchen. Meine Eltern leben noch hier. Es ist immer wieder schön, hierhin zurückzukommen. In Zusammenhang mit SOS Méditerranée hat sich nun erneut eine Verbindung zum Toggenburg ergeben. Denn im Dezember organisiert der Chor der Kantonsschule Wattwil vier Weihnachtsbenefizkonzerte für SOS Méditerranée Schweiz. Dies lässt alte Beziehungen aufleben und es freut mich sehr, zu sehen, dass sich der Chor meiner ehemaligen Schule fürs Leben retten im Mittelmeer engagiert (siehe Zweittext).

Wie beschreiben Sie den «typischen Toggenburger» im Ausland?

Die meisten Leute kennen das Toggenburg nicht. Deshalb beschreibe ich es jeweils als Bergregion eine Stunde von Zürich entfernt. Erwähne ich das Skigebiet und zeige Fotos der Natur, beeindruckt das die Leute sehr. Eine einzelne Person aus dem Toggenburg zu beschreiben, finde ich jedoch sehr schwierig.

Sie haben hier in Wattwil Ihre Matura gemacht. Wussten Sie danach bereits, was Sie werden wollten?

Nein, das wusste ich noch nicht. Zuerst ging ich für ein Jahr nach Frankreich, wo ich im Rahmen eines Europäischen Freiwilligendienstes mit Jugendlichen zusammenarbeitete. Dort habe ich gemerkt, dass mich die unterschiedlichen Kulturen enorm interessieren. Mit Migration bin ich jedoch bereits früher in Berührung gekommen. Mein Vater leitet das Orchester il mosaico, das rege Austausche mit Musikern verschiedener Länder macht und meine Mutter ist Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Deshalb hatten wir zu Hause oft Gäste aus aller Welt, mit denen ich den Kontakt in verschiedenen Sprachen sehr mochte. Das Interesse an der Internationalität in Kombination mit der Migration brachte mich auf meinen Weg.

Wie sind Sie zu SOS Méditerranée gekommen?

Ich war schon länger im Bereich Migration aktiv. Zwei Jahre habe ich in Griechenland mit Geflüchteten gearbeitet. Ich fand es aber schlimm, zu sehen, dass im Mittelmeer viele Leute sterben, da nicht genug Rettungskapazitäten vorhanden sind.

Ich wollte nicht einfach tatenlos zuschauen, sondern aktiv werden, um selbst etwas bewegen zu können.

Ihre Organisation will vor Ort im Mittelmeer Leben retten. Wieso arbeiten Sie hier in der Schweiz?

Auf unserem Boot sind alles professionelle Leute mit einer Ausbildung als Seenotretter oder einem medizinischen Hintergrund. Da ich selbst nicht ausgebildet bin, im Mittelmeer zu retten, setzte ich meine Fähigkeiten hier in der Schweiz ein. SOS Méditerranée besteht aus vier Vereinen mit Standorten in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Italien. Zusammen betreiben wir das Rettungsschiff «Ocean Viking».

Was sind Ihre Aufgaben in Ihrem jetzigen Job?

Eva Ostendarp ist Koordinatorin des Regionalbüros von SOS Méditerranée in Bern (Bild: Julia Engel)

Eva Ostendarp ist Koordinatorin des Regionalbüros von SOS Méditerranée in Bern (Bild: Julia Engel)

Unser Verein existiert in der Schweiz bereits seit 2017. Bisher waren wir vor allem in der Romandie aktiv. Nun, mit der Eröffnung eines Büros in Bern ist es meine Aufgabe, die Bevölkerung in der Deutschschweiz zu mobilisieren. Eine Sensibilisierung für die Situation im Mittelmeer und in Libyen sowie die Information über den rechtlichen Rahmen unserer Einsätze, den wir respektieren, sind uns wichtig. Es ist nämlich nicht bloss eine moralische Verpflichtung, die Menschen in Seenot zu retten, sondern auch eine rechtliche. Jeder Kapitän trägt diese Pflicht aufgrund des See- und des internationalen Völkerrechts. Meine Aufgaben umfassen unter anderem Fundraising, um das Schiff chartern sowie den Treibstoff und die Crew an Bord bezahlen zu können. Ein Grossteil unserer Gelder kommt von Privatpersonen.

Ausserdem wollen wir den Geretteten ein Gesicht geben, um klarzumachen, dass es um Menschen geht und nicht bloss um abstrakte Zahlen oder Nummern.

Wir veranstalten Fotoausstellungen, besuchen Veranstaltungen, sprechen mit Leuten und kommunizieren mit den Medien.

Haben Ihre unterschiedlichen Auslandsaufenthalte Ihnen für den jetzigen Job geholfen?

Die Aufenthalte im Ausland haben mir die Augen geöffnet. Einerseits haben sie mir gezeigt, wie gut wir es in der Schweiz haben und wie einfach ich mit meinem Schweizer Pass irgendwo hinfliegen kann. Die Menschen, die aus Libyen über das Mittelmeer fliehen, tun das nicht aus Spass. Sie fliehen vor Folter, Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen, Gewalt und Armut. Viele von ihnen sind vorher bereits nach Libyen geflohen. Der einzige Weg, den sie haben, diesen Gefahren zu entkommen, führt über das Mittelmeer.

Dieses Jahr sind bereits über 1000 Menschen ertrunken. Dass jemand dieses Risiko auf sich nimmt, zeigt, wie schlecht die Situation in Libyen ist.

Als ich im Ausland war, sah ich auch die schönen Seiten anderer Länder und realisierte, dass wir alle Menschen mit denselben Bedürfnissen sind. Und darum geht es uns: Im Moment, in dem jemand im Mittelmeer ertrinkt, ist das ein Mensch und es ist egal, welchen Migrationsstatus oder Pass dieser besitzt. Es geht um die Rettung von Menschenleben.

Sie sprachen von über 1000 ertrunkenen Flüchtlingen. Wie viele Menschen ergreifen überhaupt die Flucht?

1000 ist nur die offizielle Zahl. Effektiv waren es natürlich noch viel mehr. Viele verschwinden unbemerkt und werden von Statistiken nicht erfasst. Wir konnten mit der «Ocean Viking», seit wir wieder in See gestochen sind, 936 Personen retten (Stand: 31. Oktober). Dass wir nach der Aufnahme von Menschen auf unser Boot immer warten müssen, bis uns ein sogenannter «sicherer Ort zur Anlandung» zugeteilt wird, ist ein riesiges Problem. In dieser Wartezeit sterben Leute.

Was könnte man verbessern?

Es muss unbedingt ein koordiniertes System für die Zuweisung eines sicheren Ortes für die Ausschiffung der Geretteten etabliert werden. Beim Treffen in Malta sprachen sich verschiedene Staaten dafür aus. Wir fänden es toll, würde die Schweiz dasselbe tun und so Solidarität mit anderen Staaten zeigen und ihrer langen humanitären Tradition gerecht werden. Ausserdem ist die Schweiz der Depositarstaat der Genfer Konventionen, die humanitäre Rechte definieren. Der Sitz des Unhcr, also des Flüchtlingshilfswerks der UNO und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (Ikrk), ist hier. Mit einem Verteilungsmechanismus würden die Geretteten möglichst schnell an einen sicheren Ort gebracht werden, wo ihre Grundbedürfnisse gedeckt würden und ihr Leben nicht mehr bedroht wäre. Aus diesem Grund kann Libyen nicht als sicherer Ort gesehen werden.

Was erhoffen Sie sich für Zukunft, gerade auch mit dem neuen Schiff «Ocean Viking»?

Unsere Mission ist die Rettung von Menschenleben. Solange Leute aus Libyen aufgrund von Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und sexueller Ausbeutung flüchten müssen und es keine staatlichen Rettungskapazitäten gibt, wollen wir vor Ort sein und Menschenleben retten. Wir hoffen, dass wir dank eines koordinierten Mechanismus der Anlandung dies in Zukunft ohne lange Wartezeiten auf See tun können.

Singen für den guten Zweck

Vor einigen Jahren sang Jeannette Ringger noch selbst im Chor cantacanti der Kanti Wattwil. Jetzt ist sie für das Crowdfunding von dessen Weihnachtskonzerten verantwortlich. Das Geld, das bei den Konzerten gesammelt wird, soll an die Organisation SOS Méditerranée gespendet werden, um Menschenleben im Mittelmeer zu retten. Die Idee des Projekts kam von Chorleiter David Müller, der sowohl Jeannette Ringger, die Organisatorin des Crowdfundings als auch Eva Ostendarp, die Koordinatorin des Regionalbüros von SOS Méditerranée in Bern bereits kannte.
Jeden Freitagabend probt der Chor cantacanti, im Chorlager in Valbella sollen die Proben für fünf Tage noch intensiver werden. Es soll ein klassisches Weihnachtskonzert geben. Sowohl a capella als auch mit Klavierbegleitung singen die Schülerinnen und Schüler Lieder in verschiedenen Sprachen wie Englisch, Deutsch oder Swahili.
Das Crowdfunding laufe hauptsächlich über die Website «Crowdify», erklärt Ringger. Ihr Ziel: 5 000 Franken in 45 Tagen zu sammeln. Erreicht sie das Ziel, wird das Geld an SOS Méditerranée gespendet. Wenn nicht, geht es an die Spender zurück. «Wir sind froh um jeden Rappen», so Ringger. Firmen könnten noch bis Mittwoch, 6. November spenden, um im Gegenzug auf dem Flyer werben zu können. Privatpersonen hätten noch bis am 8. Dezember Zeit, das Crowdfunding im Internet zu unterstützen und sonst direkt am Konzert, wo es eine Kollekte gibt. Sie werden zum Beispiel mit einer persönlichen Dankeskarte belohnt.

Hinweis
Die vier Weihnachtsbenefizkonzerte finden an folgenden Daten statt:
Samstag, 14. Dezember, 19.30, kath. Kirche Alt.St.Johann
Sonntag, 15. Dezember, 17.00, kath. Kirche Jona
Samstag, 21. Dezember, 19.30, Pfarrkirche Gommiswald
Sonntag, 22. Dezember, 17.00, kath. Kirche Wattwil

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.