Andreas Widmer vom St.Galler Bauernverband zu den Pflanzenschutzinitiativen: «Gut gemeint, aber nicht umsetzbar»

Ob Pflanzeschutzinitiativen oder Agrarpolitik 22+ – das Jahr 2020 wird laut Andreas Widmer zur Bewährungsprobe für die Landwirtschaft.

Interview: Urs M. Hemm
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«Die Landwirtschaft unternimmt bereits viel im Bereich Umweltschutz», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes.

«Die Landwirtschaft unternimmt bereits viel im Bereich Umweltschutz», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes.

Bild: Sabine Camedda (17. Januar 2019)

Die Toggenburger Landwirtschaft kann grundsätzlich auf ein gutes 2019 zurückblicken. In diesem Jahr warten jedoch mit den Diskussionen rund um die Agrarpolitik 22+ des Bundes und den Initiativen für sauberes Trinkwasser und zum Verbot synthetischer Pestizide schwierige Herausforderungen auf die hiesigen Landwirte. Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes, erklärt, wo diese Hürden für die Bauern genau liegen, und erläutert, was der Bauernstand gegen sein Imageproblem in der Öffentlichkeit unternehmen kann.

Wie beurteilen Sie das Landwirtschaftsjahr 2019 generell für die Toggenburger Landwirte?

Andreas Widmer: Das Jahr 2019 wird als gutes Jahr in die Landwirtschaftsgeschichte eingehen. Trotz der Schneefälle Anfang Mai und des späten Vegetationsbeginns waren die Vegetationsbedingungen sehr gut. Mit Ausnahme des zu tiefen Milchpreises lagen zudem die Produktpreise auf einem guten Niveau. Rückblickend gesehen dürfen wir von einem «gfreuten» Landwirtschaftsjahr sprechen.

Wie hat sich im Toggenburg die Anzahl Betriebe im vergangenen Jahr entwickelt?

Gemäss unserem Verzeichnis haben wir 1073 Landwirtschaftsbetriebe im Toggenburg. Das sind netto acht Betriebe weniger als noch vor einem Jahr.

Verschwinden die Betriebsflächen ganz oder gehen sie in grösseren Betrieben auf und werden so weiter bewirtschaftet?

Die Betriebsflächen werden von anderen Landwirtschaftsbetrieben weiter genutzt und/oder einzelne Flächen gehen an Hobby-Landwirte. Insgesamt ist die landwirtschaftlich nutzbare Fläche immer leicht rückläufig. Dies aufgrund des Baus von Gebäuden oder Infrastrukturanlagen.

Welchen Effekt für die Milchproduzenten hatte die Einführung des «grünen Teppichs», also des neuen Standards für nachhaltige Milch, der den Produzenten drei Rappen pro Kilo mehr auf Molkereimilch im A-Segment bringt?

Auf den Preis der Käsereimilch hatte der «grüne Teppich» keinen Einfluss. Bei der Molkereimilch erfolgte die Umsetzung sehr unterschiedlich. Leider konnten die erhofften drei Rappen nicht überall realisiert werden. Im Durchschnitt ist es lediglich ein Rappen Mehrpreis bei der Molkereimilch.

Welche Auswirkung hatte die Trockenheit des Vorjahres in Bezug auf die eigene Futtermittelproduktion?

Die Trockenheit aus dem Jahr 2018 hinterliess an vielen Südhängen Spuren. Die Pflanzenbestände haben sich verschlechtert, einzelne Parzellen weisen Engerlingsschäden auf und die Erträge waren 2019 entsprechend tief. Auf den meisten anderen Flächen hingegen waren die Erträge überdurchschnittlich. Dies ist einerseits auf die fruchtbare Witterung im Sommer und Herbst zurückzuführen. Andererseits ist es auch eine Folge der hohen Nährstoffreserven in den Böden. Aufgrund der knappen Niederschläge im Vorjahr und der tieferen Erträge hatten die Böden überdurchschnittliche Nährstoffreserven gebildet.

In diesem Jahr kommt unter anderem die Initiative für sauberes Trinkwasser vors Volk. Was bedeutet dies für die Landwirtschaft?

Künftig sollen nur noch jene Betriebe Direktzahlungen erhalten, welche keine Pestizide einsetzen, die den eigenen Tierbestand nur mit betriebseigenem Futter versorgen und welche keine prophylaktischen Antibiotika einsetzen. Der prophylaktische Antibiotikaeinsatz ist in der Praxis nicht mehr erlaubt und deshalb kein Problem.

«Mit einem gänzlichen Verbot von Pestiziden könnte der Pflanzenschutz nicht mehr gewährleistet werden. Die Halbierung der Erträge wäre die Folge.»

Das Verbot für den Zukauf von betriebsfremdem Futter ist schlichtweg nicht umsetzbar. Das zeigt auch die Schwäche der Initiative: Gut gemeint, sie ist so aber nicht umsetzbar und erfüllt die Zielsetzungen der Initianten nicht. Wenn die Initiative eine Mehrheit erhält, wird die Landwirtschaft total auf den Kopf gestellt.

Welche Auswirkungen könnte die Annahme der Initiative auf die Toggenburger Landwirtschaft haben?

In Sachen Pestizid hätte die Initiative für die Toggenburger Landwirtschaft keine grossen Auswirkungen. Im Grünland ist der Einsatz von Pestiziden sehr minim. Spezialkulturen oder Ackerflächen gibt es im Toggenburg nur ganz wenige. Wenn Pestizide eingesetzt werden, dann geht es um die Bekämpfung von einzelnen Unkräutern oder hie und da um einen Flächeneinsatz für Wiesen mit hohem Hahnenfuss- oder Blackenbestand. Von der Initiative betroffen wären jedoch die Tierhalter.

«Ohne Zukauf von Mineralstoffen
oder dem Einsatz von Ergänzungsfutter für frisch gekalbte Milchkühe geht
es nicht. Die Gesundheit der Tiere
würde darunter leiden.»

Betriebe mit Geflügel, Kaninchen oder Schweinen wären gänzlich von den Folgen betroffen. Sie müssten die Tierhaltung einstellen oder dann für den ganzen Betrieb auf Direktzahlungen verzichten.

Das Toggenburg ist zwar mehrheitlich auf die Milch- und Fleischproduktion ausgerichtet. Könnte die Initiative für das Verbot synthetischer Pestizide, die ebenfalls zur Abstimmung kommt, dennoch Konsequenzen für diese Betriebe haben?

Zwei Drittel der eingesetzten Pestizide in der Schweiz sind synthetisch, ein Drittel sind natürlicher Herkunft und dürfen auch in Bio-Betrieben eingesetzt werden. Für das Toggenburg und alle Grünlandgebiete hätte eine Annahme der Initiative die gleichen Auswirkungen wie die Trinkwasserinitiative.

Das Ziel der beiden Initiativen – der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung – ist nachvollziehbar. Was können Landwirte unternehmen, um auch ohne den Druck der zwei Vorlagen umweltgerechter zu produzieren?

Es ist Aufgabe der Landwirtschaft, die Bevölkerung mit gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen. Ebenso ist der Landwirt mit der Bewirtschaftung der Böden mitverantwortlich, dass das Trinkwasser eine hohe Qualität aufweist. Die Landwirtschaft unternimmt bereits viel, um diese Ziele zu erreichen. So konnte beispielsweise der Antibiotikaverbrauch in den letzten Jahren um mehr als 40 Prozent gesenkt werden.

«Zudem wird seit kurzem jeder Einsatz von Antibiotika auf einer zentralen Datenbank registriert. Die Landwirtschaft macht hier vor, was in der Humanmedizin noch kein Thema ist.»

Der Einsatz von Pestiziden ist ebenfalls rückläufig. Der Aktionsplan Pflanzenschutz beinhaltet 50 Massnahmen. Diese werden seit 2017 umgesetzt und zeigen Wirkung. Mit der neuen Agrarpolitik werden zudem die Ziele und Vorgaben über einen sogenannten Absenkpfad verschärft. Dies sind die Erfolg versprechenden Wege, die Landwirtschaft nimmt ihre Verantwortung und Aufgabe wahr.

Was kann ich als Konsument dazu beitragen?

Der Konsument bestimmt mit dem Kauf, was und wie die Landwirtschaft produziert. Am besten kauft er Produkte regionaler oder zumindest inländischer Herkunft mit genauer Herkunftsbezeichnung. Es sind zudem sehr viele Lebensmittel mit Label-Herkunft auf dem Markt. Der Konsument hat also eine Auswahl. Gesunde Nahrungsmittel dürfen etwas kosten. Es wäre inkonsequent, wenn der Konsument an die Schweizer Landwirtschaft hohe Anforderungen stellt und dann aber selber billige ausländische Lebensmittel kauft.

Ein weiteres Thema wird die Agrarpolitik 22+ sein. Wo sehen Sie hier für den Toggenburger Landwirt die Herausforderungen?

Die soziale Absicherung der Bauernfamilien, die Ausbildungsanforderungen in der Landwirtschaft, die geplante Revision des bäuerlichen Bodenrechts, die Kürzung der Düngergrossvieheinheiten und die Umlagerung der Versorgungssicherheitsbeiträge werden je nach Ausgang der politischen Debatte zur Herausforderung. Die Toggenburger Landwirte erwarten von der Agrarpolitik Perspektiven und eine grösstmögliche Planungssicherheit.

Welche weitere Themen werden im Jahr 2020 die Toggenburger Bauern beschäftigen?

Es sind drei Themengebiete: Zum einen der politische Teil mit den Abstimmungen über die Trinkwasserinitiative und jene für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide, das Referendum zum Jagdgesetz und die Initiative «Gegen Zäune als Todesfallen für Wildtiere». Diese Themen sind sehr emotional und es geht um Fragen der Existenz und des Miteinander von Gesellschaft und Landwirtschaft. Zweitens sind es die Marktthemen wie der Milchpreis, die Sicherung der Absatzkanäle und -märkte sowie die Produktionsabstimmung auf die Nachfrage der Konsumenten. Schliesslich ist es aber auch das dauernde Bashing gegen die Landwirtschaft. Hier müssen die Bäuerinnen und Bauern aktiv das Gespräch mit den Medien und der Gesellschaft suchen, transparent kommunizieren und ihre Arbeit und ihre Betriebe gegenüber der Öffentlichkeit besser verkaufen.