Interview

Andreas Jossi, der abtretende Geschäftsführer des Regionalwerks Toggenburg, fordert: «Windprojekte müssen realisiert werden»

Nach zehn Jahren als Geschäftsführer der RWT Regionalwerk Toggenburg AG hat Andreas Jossi den Energie-, Wasser- und Internetversorger verlassen. Er erklärt, weshalb er eine neue Herausforderung sucht.

Beat Lanzendorfer
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Der Berner Oberländer Andreas Jossi ist mit seiner Familie im Toggenburg heimisch geworden. Im Hintergrund das neue Kraftwerk Mühlau, das im Jahre 2011 eröffnet wurde. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Der Berner Oberländer Andreas Jossi ist mit seiner Familie im Toggenburg heimisch geworden. Im Hintergrund das neue Kraftwerk Mühlau, das im Jahre 2011 eröffnet wurde. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Warum verlassen Sie die RWT nach einem Jahrzehnt als Geschäftsführer?

Andreas Jossi: Das Versorgungsgeschäft hat einen klaren Jahreszyklus. Das heisst, das Allermeiste wiederholt sich jedes Jahr. Ich habe das nun zehn- oder elfmal durchlaufen. Das reicht für mich. 

Meine Stärken und Interessen als Ingenieur sind nicht die repetitiven Arbeiten, sondern die Entwicklung, der Aufbau und die Innovation.

Welche Projekte haben Sie als Geschäftsführer im vergangenen Jahrzehnt vorangetrieben und konnten realisiert werden?

Das waren sehr viele. Die Gründung der RWT mit dem Aufbau zahlreicher Dienstleistungen, die Einweihung des Kraftwerks Mühlau, der Kauf der Elektra Lütisburg, die Übernahme des Wassernetzes in Ganterschwil, die Übernahme des Kommunikationsnetzes in Gähwil, der Bau eines regionalen Glasfasernetzes, der Start des Fernwärmenetzes in Bazenheid, der Start des Neubaus für die RWT und zuletzt in diesem März der Kauf des Kommunikationsnetzes der Dorfkorporation Kirchberg.

Was hätten Sie gerne noch angestossen?

Es gab erste Ideen für eine neues Netz im Bereich Internet der Dinge. Die RWT als Netzbetreiber wäre prädestiniert für den lokalen Aufbau und Betrieb eines sogenannten LoRa-Netzes. Das ist ein langsames, sehr energiearmes und sehr günstiges Funknetz zur Übertragung kleiner Datenmengen. Also das Gegenteil eines 5G-Netzes, von dem aktuell viel berichtet wird. Ich sehe darin zahlreiche ergänzende Dienstleistungsmöglichkeiten für alle Bürger im Versorgungsgebiet der RWT und eventuell darüber hinaus. Damit lassen sich beispielsweise Sensoren verbinden, die freie Parkplätze melden oder die melden, wenn eine Strasse vereist ist, ein Abfallcontainer voll ist und vieles mehr. Ein weiteres spannendes Projekt für einen grossen, zentralen Batteriespeicher hatten wir im Jahr 2016 mit einer Masterarbeit untersucht. Die Bereitschaft, nebst des RWT-Neubaus und des Fernwärmenetzes noch eine weitere Investition zu wagen, war damals nicht vorhanden.

Stichwort Neubau: Die RWT baut im Bazenheider Industriegebiet einen neuen Hauptsitz. Schwingt etwas Wehmut mit, dass die Neueröffnung ohne Sie als Geschäftsführer vonstatten gehen wird? Immerhin waren Sie beim Neubau federführend.

Ich habe mich praktisch seit dem ersten Tag bei der RWT mit dem Projekt beschäftigt. Am liebsten hätte ich den Neubau vor fünf Jahren schon gehabt. 

Jetzt bin ich zufrieden, dass die Mitarbeitenden der RWT endlich wieder Platz genug haben, um ihre Arbeit machen zu können.

Was ziehen Sie nach einem Jahrzehnt als RWT-Geschäftsführer für ein Fazit?

Am selben Tag, an dem ich meine Arbeit bei der RWT begonnen habe, hat die Politik den Strommarkt für Grosskunden geöffnet. Die ganze Energiebranche ist seither in steter Bewegung, nachdem vorher während Jahrzehnten praktisch alles konstant geblieben war. Die RWT hat diese neuen Herausforderungen anfangs sehr aktiv angepackt und in den letzten Jahren stetig weiter ausgebaut. Dieser Fortschritt war nur möglich, weil die RWT über sehr viel gute Leute verfügt. Die machen einen tollen Job. Ich hoffe, die RWT kann den Schwung und die Weitsicht beibehalten und richtet sich weiterhin proaktiv auf die bereits absehbaren Herausforderungen aus.

Sie gelten als Energiespezialist. Schafft es das Toggenburg bis im Jahr 2030 energieautark zu werden?

Lokal Energie zu produzieren und lokal zu verbrauchen ist ein sehr sinnvoller Ansatz. Autarkie würde aber heissen, dass sich das Toggenburg vom Rest abkoppelt. Die Energiewende schaffen wir aber nicht, indem sich Regionen voneinander abkoppeln. Es braucht genau das Gegenteil. Es braucht einen gegenseitigen Austausch von Energie zwischen den Regionen. Wichtig ist, dass diese ausgetauschte Energie erneuerbar ist. Ich glaube leider nicht, dass wir in einer Jahresbilanz bis 2030 gleich viel Energie produzieren, wie wir verbrauchen. 

Dazu müssten zwingend noch Windprojekte realisiert werden, wie es die Energiestrategie 2050 ja vorsieht. Aber das ist meine persönliche Meinung.

Noch eine Frage zur Energiestrategie 2050. Kann beim bisherigen Tempo das Ziel einer nachhaltigen Reduktion des CO2-Ausstosses erreicht werden?

Die vollständige Reduktion des CO2-Ausstosses aus nicht erneuerbaren Energieträgern muss das Ziel sein. Das Bundesamt für Energie hat in einem Monitoring aufgezeigt, dass wir im Zeitplan gut unterwegs sind. Wenn ich nach vorne schaue und die fehlende Offenheit für Windprojekte beobachte, bin ich aber skeptisch. Auch sehe ich eher einen Rückgang der Investitionen in Photovoltaik-Anlagen.

Sie sind im Berner Oberland aufgewachsen, leben nun aber seit einem Jahrzehnt im Toggenburg. Wie viel Zeit benötigten Sie, um hier heimisch zu werden?

Meine Familie und ich wurden damals sehr offen empfangen. Wir haben die besten Nachbarn, die man sich wünschen kann. Ich fand durch die Arbeit sehr schnell Kontakt zu vielen Leuten.

Gibt es Unterschiede in der Mentalität zwischen St.Gallern und Bernern?

Das würde ich nicht so generell sagen. Beide Kantone haben starke Wurzeln in der Landwirtschaft und eine entsprechende Prägung. Ich sehe eher Unterschiede zwischen der Stadt- und Landbevölkerung.

Was vermissen Sie hier aus Ihrer alten Heimat?

Am ehesten eine gewisse Gelassenheit der Menschen im Alltag, beim Einkaufen, bei der Arbeit. Ansonsten eigentlich sehr wenig. Ich habe ja mit dem Alpstein und dem Bodensee auch Berge und einen See praktisch vor meiner Haustüre. In meiner alten Heimat waren es Eiger, Mönch und Jungfrau sowie der Thunersee, die ich täglich im Blickfeld hatte. 

Nichtsdestotrotz finde ich die landschaftliche Ausstrahlung des Toggenburg phänomenal.

Wie sieht Ihre weitere Zukunft aus? Gibt es schon berufliche Pläne?

Dazu will ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.

Aber Sie möchten schon weiterhin im Toggenburg wohnhaft bleiben?

Ja klar. Wir haben hier ein wunderbares Zuhause gefunden.