In Nesslau entdecke Urkunden reichen bis ins Jahr 1471 zurück

Die Erschliessung der 2013 gefundenen Urkunden ist nun abgeschlossen. Sie bringt eine Grundlage für genealogische und historische Auswertung mit sich.

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Der Archivar Armin Eberle beim Betrachten einer Urkunde aus Pergament. (Bild: Flurina Lüchinger)

Der Archivar Armin Eberle beim Betrachten einer Urkunde aus Pergament. (Bild: Flurina Lüchinger)

Nach der Fusion zur politischen Gemeinde Nesslau 2013 wurden die Archive der Vorgängergemeinden zusammengelegt. Während dieser Arbeiten kam ein grosser Bestand an Urkunden zum Vorschein – die älteste stammt aus dem Jahr 1471. Aufgefallen sind sie, weil sie noch auf Pergament geschrieben und in einigen Fällen sogar noch mit dem Siegel versehen waren.

Sie stammen von den beiden äbtischen Verwaltungsbezirken «Gericht zue dem Wasser» und dem «Gericht Thurtal» im oberen Toggenburg. Die Urkunden wurden nach 1803 von den neu gegründeten Obertoggenburger Gemeinden als rechtsetzende Dokumente im Grundbuchwesen weiterverwendet.

Mehrheit der Urkunden sind Zins- oder Schuldbriefe

Es handelt sich bei den Urkunden in der grossen Mehrheit um Zins-, Schuld- und Versicherungsbriefe. Diese vom Gerichtsammann ausgestellten Dokumente regeln die Bedingungen zwischen einem Schuldner und einem Gläubiger und setzen den zu zahlenden Zins fest. Als Sicherheit gelten das Wohnhaus und die verschiedenen landwirtschaftlichen Liegenschaften des Gläubigers. Diese sind detailliert aufgelistet und hinsichtlich Lage und Anstösser genau beschrieben.

Die beiden Historiker Armin Eberle und Peter Kern aus Bazenheid respektive Bütschwil haben die Erschliessung des Bestandes übernommen und inzwischen auch abgeschlossen. Das Projekt wurde durch den Lotteriefonds des Kantons St.Gallen finanziert. Über eineinhalb Jahre haben die beiden Experten beinahe tausend Urkunden bearbeitet. Zu jedem Dokument wurde eine Inhaltsübersicht (Regest) erstellt und jedes Dokument wurde anschliessend digitalisiert.

Die Regesten enthalten Informationen zur Datierung, zu den beteiligten Personen und zum Inhalt der Urkunde sowie Bemerkungen zum allenfalls vorhandenen Siegel. Zudem wurden sämtliche erwähnten Personen und geografischen Angaben in ihrer originalen Schreibweise in zwei getrennten Registern erfasst. Die Urkunden befinden sich nun im Staatsarchiv in St.Gallen und warten auf eine weitere Auswertung.

Bestand könnte in einer Dissertation ausgewertet werden

Eberle sagt, dass er sich bereits mit Professor Stefan Sonderegger von der Universität Zürich in Verbindung gesetzt hat. Dieser sieht durchaus die Möglichkeit, dass der Bestand in Form einer Dissertation ausgewertet wird. Möglich sind genealogische oder allgemeinhistorische Fragestellungen oder eine Arbeit im Bereich der Flurnamenforschung.

Die Urkunden enthalten nicht nur unzählige Hinweise auf Familien- und Vornamen sowie Flurbezeichnungen und Bewirtschaftungsweisen, sondern sie geben auch eindrücklich Auskunft über die verschiedenen ausgeübten Ämter. So taucht zum Beispiel immer wieder die Bezeichnung Stillständer auf – ein Amt, das man heute nicht mehr kennt. Hinter dem Begriff Stillständer versteckt sich der reformierte Sittenwächter. Seine Aufgabe war es, darauf zu achten, dass alle die gültigen religiösen Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens einhielten und einzuschreiten, wenn dies nicht der Fall war.

Interessant sind auch die Angaben zu den Berufen. Obwohl die ländliche Gesellschaft des oberen Toggenburgs von der Landwirtschaft geprägt war, gibt es bereits sehr früh spezielle Berufsbezeichnungen wie Schulmeister, Badmeister, Wirt, Medicus oder Müller.

Grosse Dichte an historischen Belegen

Die älteste der gefundenen Urkunden. Sie stammt aus dem Jahr 1471. (Bild: PD)

Die älteste der gefundenen Urkunden. Sie stammt aus dem Jahr 1471. (Bild: PD)

Der zum Vorschein gekommene Bestand an Urkunden ist deshalb so wertvoll, weil er Informationen zum oberen Toggenburg in einer bisher unbekannten Dichte liefert. Dass beinahe tausend Pergamentdokumente für die Zeit vom 15. Jahrhundert bis 1803 erhalten geblieben sind, ist bemerkenswert. Bei der ältesten der gefundenen Urkunden handelt es sich um einen Zinsbrief, besiegelt von Cunrat Wild, Ammann im Thurtal. Kreditgeber ist ein Heini Toma aus der Lad, zinspflichtig Rudi Wild. Das Darlehen beläuft sich auf 15 Pfund Costenzer Werung (Konstanzer Währung). (pd/fll)