Als die «Spanische Grippe» die Welt in Atem hielt: Auch das Toggenburg war betroffen

Kaum ein Landstrich wurde 1918/19 von der «Spanischen Grippe» verschont.

Fabian Brändle
Drucken
Teilen
Ein Lazarett mit Grippe-Kranken im Jahr 1918.

Ein Lazarett mit Grippe-Kranken im Jahr 1918.

Bild: Getty Images

Das Coronavirus geht gegenwärtig um die Welt. Hunderttausende erkranken daran, einige schwer, einige tödlich. Nicht nur die Menschen sind gesundheitlich schwer betroffen, auch die Volkswirtschaften leiden. Es werden Ausgangssperren oder Versammlungsverbote erlassen. Das weckt Erinnerungen.

Vor etwas mehr als hundert Jahren, die Armeen lagen noch in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, wütete die «Spanische Grippe» und kostete schätzungsweise weltweit vierzig bis sechzig Millionen Menschenleben.

Soldaten in den Schützengraben steckten sich schnell an

Spanische Zeitungen berichteten zuerst vom Ausbruch einer neuartigen, schweren Grippe, daher der Name «Spanische Grippe». Die Soldaten, die in Gräben kämpften, steckten sich rasend schnell an. Manche von ihnen waren unterernährt und besonders anfällig.

Doch auch die Zivilbevölkerung litt, bald auch die neutrale Schweiz, wo die Pandemie rund 25'000 Opfer forderte. Zwar trafen Bundesrat und Kantonsregierungen sowie der Oberfeldarzt radikale Massnahmen wie Quarantänebeschlüsse oder das Schliessen von Sportstätten, Theatern und Kinos. Doch das tödliche Grippevirus breitete sich trotzdem schnell aus.

Ohne Antibiotika schutzlos ausgeliefert

Viele Menschen starben an Lungenentzündungen, also an Komplikationen und nicht an der Grippe selbst. Noch waren wirksame Antibiotika nicht erfunden, noch stand man einer solchen Lungenentzündung hilflos gegenüber. In den ländlichen Gegenden standen die wenigen Ärzte auf verlorenem Posten und steckten sich ebenso wie Krankenschwestern oft selbst an. Dann kamen Hausmittelchen zum Einsatz, die freilich wenig halfen.

Auch in der Schweiz war die Armee ein Ansteckungsherd. Zwar hatten Schweizer Soldaten nicht gekämpft, doch waren sie zum Teil mangelhaft ernährt, so wie die Arbeiterbevölkerung. In den engen Truppenunterkünften fand das Virus ideale Bedingungen vor. Von der Westschweiz aus drang die «Spanische Grippe» ins Mittelland und in die Gebirgstäler vor.

Nur 72 von 112 aufgebotenen Soldaten konnten noch

Kaum ein Landstrich wurde verschont von der todbringenden Seuche, auch das Toggenburg nicht. Ernst Abderhalden aus Bunt bei Lichtensteig war ein Opfer der Pandemie, er verlor 1918 einen Bruder und eine Schwägerin.

Als Ernst Abderhaldens Einheit infolge des Generalstreiks von 1918 zum Ordnungseinsatz aufgeboten wurde, meldeten sich vom Sollbestand von 112 Mann gerade einmal 72. «Die andern mussten wir – teilweise auf Nimmerwiedersehen – im Grippespital in der Kaserne zurücklassen.»

Schuldzuweisungen in alle Richtungen

Tatsächlich warf die politische Linke den Bürgerlichen vor, die schreckliche Krankheit sei durch das neuerdings aufgebotene Militär verbreitet worden. Die Rechte meinte, erst der Generalstreik habe dazu geführt, dass Truppen aufgeboten werden mussten und schoben so der Linken die Schuld am Aufflackern der «Spanischen Grippe» zu. Anstatt an einem Strang zu ziehen, verhedderten sich die beiden politischen Lager in kontraproduktive Grabenkämpfe.

Tatsächlich flackerte die Grippewelle während des Generalstreiks im November 1918 nochmals auf. Vorher war ein Rückgang festzustellen gewesen. Die Menschenansammlungen auf Strassen und Plätzen trugen zur Verbreitung des Virus bei. Dass viele Arbeiterinnen und Arbeiter nach den Entbehrungen des Krieges für mehr Rechte kämpften, war wohl trotzdem verständlich. Trotz ihrer Niederlage setzten sie einige dieser Rechte durch. Die «Spanische Grippe» hielt bis in den Sommer 1919 an. Wie jede Grippewelle versandete sie während der warmen Jahreszeit.

Sonderegger, Christian. Die Gippeepidemie 1818/19 in der Schweiz. Lizentiatsarbeit.