Als das grosse Wasser kam: 1910 führte die Thur Hochwasser und richtete in Wattwil beträchtlichen Schaden an

Der Büntliger Ernst Abderhalden war Augenzeuge des Thurhochwassers vom Juni 1910. «Man sah reissende Strömungen.» Mit diesen Worten beschrieb er die Flutkatastrophe.

Fabian Brändle
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Die Thur verliess Mitte Juni 1910 ihr Bett und überschwemmte das Zentrum von Wattwil.

Die Thur verliess Mitte Juni 1910 ihr Bett und überschwemmte das Zentrum von Wattwil.

Bild: Staatsarchiv St.Gallen

Innerhalb des Dorfes Wattwil fliesst die Thur in einer Art engem Kanal mit steilen Böschungen. Doch ist das System veraltet und droht, seine Funktion im gegebenen Ernstfall nicht mehr zu erfüllen. Man nimmt deshalb einen erneuten Anlauf, die maroden Thurverbauungen aus dem Jahre 1907 zu sanieren.

2022 könnte es losgehen, sagt der Kanton St. Gallen. Diese Sanierung kostet Geld, viel Geld. Doch weiss die Toggenburger Bevölkerung um die Gefahren, die ihr Gebirgsfluss mit sich bringen kann. Der Pegel der Thur kann bei schweren Unwettern innert zwei Stunden um bis zu zwei Meter ansteigen. Der vielzitierte Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit solcher Unwetter. Man muss sich also wappnen.

Sturmglocken läuteten wegen des reissenden Flusses

Der Büntliger Ernst Abderhalden erlebte im Jahre 1910 am eigenen Leib, was es bedeutete, wenn das Hochwasser Land und Leute an Leib und Leben bedrohte. Ernst Abderhalden war ein Chronist seines Dorfes samt Umgebung. Er schrieb Merkwürdiges, Abnormes nieder und wollte Spektakuläres für die Nachwelt festhalten, auch als Warner. Denn Ernst Abderhalden war sich bewusst, wie fragil das Gleichgewicht Mensch-Natur, wie anfällig eine auf die Landwirtschaft konzentrierte Wirtschaft war.

Dann und wann regnete es auch schon in früheren Zeiten so stark, dass die Thur in Rekordzeit über ihre Ufer trat, besonders schlimm im Jahre 1910, nach einer Regennacht am 15. Juni. Sturmglocken und Fabrikpfeifen läuteten Alarm wegen des reissenden Flusses. Die Wattwiler Feuerwehr wurde zum Schutz des Unterdorfs aufgeboten.

Scheunen waren überschwemmt, Kühe und Schweine starben

Eine schmutzige, gelbe Brühe wälzte sich talwärts. Talscheunen waren umschwemmt, das Vieh musste mit Johlen herausgelockt werden. Manche Kuh und manches Schwein ertrank trotzdem in den Fluten.

Ungefähr da, wo heute die Umfahrung Lichtensteig durchführt, befand sich vor über 100 Jahren die «Osteria del Polo Nord».

Ungefähr da, wo heute die Umfahrung Lichtensteig durchführt, befand sich vor über 100 Jahren die «Osteria del Polo Nord».

Bild: PD

Im italienischen Restaurant Osteria del Polo Nord schwammen Möbel und Fiaschi-Wein ungeordnet herum. Manche Häuser waren abgeschnitten von der Flut. Dazu Ernst Abderhalden als Augenzeuge:

«Man sah reissende Strömungen, dass man kaum mehr feststellen konnte, wo sich überhaupt das richtige alte Thurbett oder eben die durch den wütenden Strom angefressenen Korrektionsstellen befanden.»

Holzhaus mit der Osteria wurde ein Raub der Flammen

Am 8. Juni 1918 gegen 10 Uhr brach wegen Funkenwurfs aus dem Kamin im oberen Stockwerke eines alten Holzhaus an der Floozstrasse in Wattwil ein Brand aus. Wie in einer alten Quellen zu lesen ist, gehörte das Gebäude Charles Friedrich Lindner und Karl Burth. In der Scheune hatte ein Italiener während des Bahnbaus eine Osteria mit Namen «Polo Nord» betrieben, wie aus der Quelle weiter hervorgeht.

Heuballen flossen aus dem Obertoggenburg die Thur hinunter

Viele Obertoggenburger Viehbauern verloren ihr Hab und Gut. Auch die Heuvorräte, die nun in nassen Ballen die Thur hinabtrieben. Wie sollten sie ihre Kühe über den nächsten Winter bringen, so allüberall die bange Frage. Hatte das Vieh nichts zu fressen, drohte es zu verhungern. Und Heu in grosser Quantität dazuzukaufen war extrem teuer und somit für die meisten Bauern unerschwinglich.

Ein Bild von Wattwil – im Hintergrund das Kloster – zeigt das Ausmass der Flutkatastrophe.

Ein Bild von Wattwil – im Hintergrund das Kloster – zeigt das Ausmass der Flutkatastrophe.

Bild: Staatsarchiv St.Gallen

Natürlich gab es nach der Katastrophe sehr viel aufzuräumen. Alles war verdreckt, überall lagen Müll und Erdkumpen herum. Es brauchte sehr viel Solidarität unter der Toggenburger Bevölkerung, um die gewaltigen Schäden an der Flur zu beheben. Dazu wurden auch einheimische Arbeitslose herangezogen.

Das Militär war damals noch nicht so gut ausgebildet für einen effizienten Katastrophenschutz. Schliesslich aber wurden die korrigierenden Massnahmen in Form von Verbauungen erweitert, allerdings im Wissen darum, dass man gegen ein weiteres Jahrhunderthochwasser trotzdem erneut machtlos sein würde.

Abderhalden, Ernst. Ein Büntliger Spiegel. Erinnerungen von Ernst Abderhalden. St. Gallen: Selbstverlag des Autors 1973. Das rare, schön bebilderte Büchlein ist nur noch auf antiquarischem Weg zu erstehen.