Serie
Advents-Serie Folge 16: «Auch in den Kriegsjahren hatten wir stets einen Christbaum»

Verschiedene Traditionen prägen die Advents- und Weihnachtszeit. Doch nicht in jedem Land und in jeder Familie wird auf die gleiche Weise gefeiert. Im Rahmen dieser Serie erzählen Menschen aus aller Welt ihre persönliche Weihnachtsgeschichte.

Anina Rütsche
Drucken
Teilen
Erika Huber wohnt seit einigen Monaten im Regionalen Seniorenzentrum Solino in Bütschwil. (Bild: Anina Rütsche)

Erika Huber wohnt seit einigen Monaten im Regionalen Seniorenzentrum Solino in Bütschwil. (Bild: Anina Rütsche)

Als Kind freute ich mich immer so sehr auf den ersten Schnee, der meist schon Ende November fiel. Ich liebte es nämlich zu schlitteln. Dass mit der kalten Jahreszeit auch das Weihnachtsfest näher rückte, stand für mich zunächst im Hintergrund. Denn im Gegensatz zu heute begann man in meiner Jugend erst kurz vor den Festtagen damit, die Wohnung zu schmücken. Gebacken hat meine Mutter aber schon Wochen im Voraus, und ich half ihr dabei, den Teig zu rühren. Im Anschluss durfte ich jeweils die Schüssel auslecken.

Im Süden Deutschlands, wo ich in den 30er-Jahren aufgewachsen bin, gab es ganz ähnliche Guetzlisorten wie heute in der Schweiz. Teilweise hiessen sie aber anders. Beispielsweise sagte man «Springerle» statt «Anisbrötli». Bei uns gab es bezüglich Guetzli eine Regel: Man durfte sie erst an Weihnachten essen, keinesfalls vorher. Meine Mutter versteckte die Guetzli deshalb in meinem Kleiderschrank vor meinem Bruder und dem Vater, weil diese so gerne naschten. Ich kannte das Versteck natürlich bestens, doch ich war immer ehrlich und habe nie ein Guetzli genommen.

Um Mitternacht aus dem Bett

Am 24. Dezember mussten wir Kinder immer recht früh uns Bett, doch dann, um Mitternacht, wurden wir von den Eltern geweckt. Wir gingen gemeinsam ins Wohnzimmer und sahen dort den festlich dekorierten Christbaum mit dem vielen glänzenden Lametta, den Kugeln und den brennenden Kerzen. Bei uns war es üblich, anschliessend einige Lieder wie «Stille Nacht» zu singen, erst dann wurden die Geschenke verteilt. Ich weiss noch, dass ich einmal eine wunderschöne Puppe bekommen habe, und zwar von meinem Onkel. Ich hatte auch eine Puppenstube und einen Puppenwagen. Leider war es Brauch, dass uns Kindern die Spielsachen nach Neujahr wieder weggenommen wurden, und dann blieben sie bis zu den nächsten Weihnachten weggesperrt. Das fand ich unglaublich schade.

Der 25. Dezember war bei uns ein richtiger Festtag. Verwandte kamen zu Besuch, meine Mutter kochte, und es gab verschiedene leckere Speisen. Das Festmahl begann mit einer Fleischsuppe, danach gab es grünen Salat und Kartoffelsalat, wobei Kartoffelsalat eine regionale Spezialität ist, die auf keinen Fall fehlen durfte. Es folgte ein guter Braten mit Spätzle. Zum Nachtisch gab es Schokoladen- oder Vanillepudding. Die Erwachsenen tranken Wein und wir Kinder bekamen Limonade.

Zur Person

Aufgewachsen ist Erika Huber, Jahrgang 1927, in Metzingen nahe Stuttgart im Ortsteil Neuhausen. Seit 1948 lebt Erika Huber in der Schweiz, ab 1951 und bis vor wenigen Monaten in Ganterschwil. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie im Lochermoos einen Bauernbetrieb. Seit April 2018 lebt die Seniorin im Regionalen Alterszentrum Solino in Bütschwil. (aru)

Einige Jahre später, während des Zweiten Weltkriegs, fiel das Weihnachtsessen dann weitaus weniger üppig aus. Nahrungsmittel waren damals rationiert, und man durfte nur gewisse Mengen gegen die Abgabe von Marken einlösen. Wir hatten Glück und konnten zu Bauern in der Umgebung gehen, um Haushaltsartikel gegen Essbares wie Speck, Eier und Mehl einzutauschen.

Einen Christbaum hatten wir auch während den Kriegsjahren immer, denn diese Tradition wollten wir uns nicht verderben lassen. Entscheidend war aber, auch an Weihnachten die Fenster zu verdunkeln, dies zum Schutz vor Bombenangriffen. Es gab viele traurige Momente in jener Zeit, und so war Weihnachten ein winziger Lichtblick für uns.

Lesen Sie hier alle Folgen der Advents-Serie