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Advents-Serie Folge 12: «Zur Zeit des Kommunismus war Weihnachten verboten»

Verschiedene Traditionen prägen die Advents- und Weihnachtszeit. Doch nicht in jedem Land und in jeder Familie wird auf die gleiche Weise gefeiert. Im Rahmen dieser Serie erzählen Menschen aus aller Welt ihre persönliche Weihnachtsgeschichte.

Christiana Sutter
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Veni Giger ist in Bulgarien aufgewachsen. (Bild: Christiana Sutter)

Veni Giger ist in Bulgarien aufgewachsen. (Bild: Christiana Sutter)

Ich habe Weihnachten nie wirklich erlebt, denn während des Kommunismus war Weihnachten verboten. Wir durften auch nicht in die Kirche gehen, sonst wurde man bestraft. Erst nach der Perestroika 1989 wurde alles lockerer. Es dauerte Jahre, bis man richtig Weihnachten feiern konnte.

Zu Hause haben wir mit der Familie vor allem Silvester gefeiert, mit Christbaum, gutem Essen und Geschenken. Die Geschenke brachte Väterchen Frost. Aber auch der 6. Dezember wurde gefeiert. Am Nikolaustag haben alle, die Nikolaus heissen, Namenstag. Weihnachten kenne ich mehr aus Erzählungen von meinen Grosseltern. Meine Eltern sind während der Zeit des Kommunismus auf die Welt gekommen und haben Weihnachten auch nicht wirklich erlebt.

Der 24. Dezember war der letzte Tag der Fastenzeit

Früher begann 40 Tage vor Weihnachten die Fastenzeit. Der 24. Dezember war dann der letzte Tag der Fastenzeit. Es gab jeweils eine ungerade Anzahl von vegetarischen Gerichten. Typisch an diesem Tag ist die Pitka, ein Brot aus Hefeteig mit christlichen Symbolen. In diesem Brot versteckt man eine Münze. Man schneidet es nicht, sondern bricht Stück für Stück ab. Es wird von einer Person zur anderen weitergereicht. Wer das Stück mit der Münze erhält, kann es unter sein Kissen legen, denn das bringt Glück und Gesundheit. Die Essensreste hat man nicht abgeräumt, sondern bis zum Tagesanbruch für die Verstorbenen auf dem Tisch stehen lassen.

Zur Person

Die 41-jährige Veni Giger ist in Bulgarien in der Stadt Varna aufgewachsen. Sie wuchs gemeinsam mit ihrem Bruder christlich orthodox auf. Ihre Eltern waren beide berufstätig. Sie war es sich schon als kleines Mädchen gewohnt, den ganzen Tag weg von zu Hause zu sein. Während des Kommunismus kümmerte sich der Staat um die Kinder. Kinderkrippen, Schulen – alles wurde vom Staat organisiert und bezahlt. Die Familie war erst am Abend zusammen. Veni Giger ist mit Sam Giger verheiratet. Sie haben zwei Mädchen und wohnen in einem Haus in Wildhaus. (csu)

Einen Brauch, den ich auch nur aus Erzählungen kenne, ist der, dass sich nach Mitternacht junge, ledige Männer – genannt «Koledari» – treffen. Sie tragen eine Tracht und haben einen langen Stock mit sich. Bis zum Tagesanbruch ziehen sie sich von Haus zu Haus und singen. Sie bekommen runde Brote und Wein. Erst danach wird Weihnachten gefeiert, und zwar am 25. und 26. Dezember.

Immer dasselbe bekommen

Als Kinder feierten wir an Silvester. Unseren Christbaum schmückten wir mit Girlanden aus Papier. Schon ein paar Tage vor Silvester war das Bäumchen in der Stube. Geschenke gab es auch. Ich habe mir immer Plüschtierchen gewünscht. Bekommen haben wir aber immer dasselbe: Schuhe, Mützen, Handschuhe oder Socken. Sache, die wir halt benötigten. Aber ein Plüschtierchen habe ich nie erhalten. Für mich waren die Geschenke trotzdem das Wichtigste.

Zu essen gab es Sarmi, in Sauerkraut eingewickeltes Hackfleisch mit Reis. Und Baniza, ein gefülltes Strudelteig-Gebäck. Darin werden kleine Papierstreifen mit Zukunftswünschen versteckt. Ein weiteres typisches Gericht an Silvester ist Tsatsiki, wir sagen Snezanka, dieses Gericht brachte auch Väterchen Frost. Singen an Weihnachten oder eben an Silvester kennt man in Bulgarien nicht. Um Mitternacht, nachdem wir uns in der Familie ein gutes neues Jahr gewünscht haben, gingen wir vor das Haus. Dort versammelten sich viele Menschen für einen Tanz im Dreiachteltakt. Die Musik kam aus einer Stereoanlage. So feierten wir das neue Jahr.

Mit der Öffnun kam der Kommerz

Mit der Öffnung nach der Perestroika ist auch der Kommerz von Weihnachten nach Bulgarien gekommen. Es gibt jetzt alles, was es im Westen auch gibt. Zum Beispiel Schoggi-Nikoläuse, und alles wird geschmückt und auch der Adventskranz ist nach Bulgarien gekommen. Woher dieser Brauch kommt, wissen die Bulgaren aber nicht.

Jetzt, in Wildhaus, feiere ich mit meiner Familie Weihnachten – und zwar typisch schweizerisch am 24. Dezember. Meine Mutter kommt aus Bulgarien und mein Bruder mit der Familie aus Deutschland zu uns zu Besuch. Unsere Kinder bekommen natürlich Plüschtiere, also das, was ich für mich immer gewünscht und nicht erhalten habe. An Silvester backe ich auch eine Baniza. Dieses Gericht ist sehr feucht, darum stecke ich die Zetteli erst nach dem Backen in die einzelnen Stücke.

Alle Folgen der Advents-Serie finden Sie hier