«Adullam» Wattwil
Mit Betrügereien Luxusautos, Diamantring und Militärjets finanziert: «Sektenführer» vor Gericht

Er hatte eine Kaderposition in einer Grossbank, war Militäroffizier und ist Mitglied des Ältestenrats der sektenartigen Gemeinschaft «Adullam» in Wattwil. Ein 44-jähriger Schweizer muss sich wegen eines Millionenbetrugs Anfang Dezember vor dem Kreisgericht St.Gallen verantworten.

Lara Abderhalden/FM1Today
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Das «Adullam» in Wattwil wird als sektenartige Gemeinschaft angesehen.

Das «Adullam» in Wattwil wird als sektenartige Gemeinschaft angesehen.

Bild: Michel Canonica (24. November 2016)

Das auffällige Gebäude «Adullam» in Wattwil ist Faszination und Mysterium zugleich. Die blassen Mauern wirken zwar eher langweilig vor den majestätischen sieben Churfirsten im Hintergrund. Dennoch ziehen sie Blicke auf sich – weil niemand wirklich weiss, was hinter der weissen Fassade vor sich geht.

Angelockt durch dieses Mysteriöse konnte FM1Today vor sechs Jahren mit dem damaligen Anführer der Gemeinschaft, Werner Arn, über seine Philosophie sprechen. Dieser bezeichnete das Adullam als ein Altersheim, einen Zufluchtsort für Menschen in Notsituationen und sich als den Diener dieser Gemeinde. Von Experten wird das Adullam als «sektenartige Gemeinschaft» beschrieben. Vor fünf Jahren verstarb Werner Arn und ein Ältestenrat übernahm. Dieser führt aktuell das «Altersheim» Adullam und einen Missionsdienst nach den Grundsätzen Arns, wie Roger Bachmann, Sprecher des Ältestenrats, auf Anfrage sagt.

Adullam in Wattwil

Der Sektenexperte Georg O. Schmid beurteilt das Adullam in Wattwil als eine «fundamentalistisch-christliche Gemeinschaft mit ausgeprägt apokalyptischen und gesetzlichen Zügen». Er schätzt die Zahl der Mitglieder auf rund 250 Personen.

Die Gemeinschaft hatte zu Werner Arns Zeit viele typische Merkmale, die eine Sekte definieren, sagt Schmid. «Kritik an Werner Arn, der als Sprechrohr Gottes und als Posaune Gottes galt, war de facto ausgeschlossen. Es wurden in exklusiver Weise alle anderen Kirchen und Gemeinschaften dämonisiert und die eigenen Regeln mit Höllendrohungen untermalt.»

Umstritten seien auch die Zehnt-Forderungen Werner Arns gewesen. Unter Zehnt ist ursprünglich die Abgabe des zehnten Teils wirtschaftlicher Erträge und Einkünfte zu Gunsten einer Kirche zu verstehen.

Mit Betrügereien teuren Lebensstil finanziert

Nun steht ein 44-jähriger Schweizer, der – so bestätigt es Bachmann – aktuell immer noch im Ältestenrat der Gemeinschaft ist, wegen Millionenbetrugs vor dem Kreisgericht St.Gallen. Die Liste der Vorwürfe ist lang: «Mehrfacher gewerbsmässiger Betrug, mehrfacher Betrug, mehrfache Veruntreuung, mehrfache ungetreue Geschäftsbesorgungen mit Bereicherungsabsicht, mehrfache Urkundenfälschung, Erschleichung einer falschen Beurkundung, mehrfacher Steuerbetrug.»

Gemäss Anklageschrift hat der Beschuldigte fast fünf Millionen Franken durch Betrügereien ergaunert und sich damit einen teuren Lebensstil mit Luxusautos, Schmuck, Reisen, Mietwohnungen und Militärjets finanziert. Acht Parteien wurden dadurch geschädigt – darunter eine Grossbank, Familienmitglieder und ein Mitglied der Gemeinschaft.

Mit fiktiven Anlagen Millionen von Franken abgeknöpft

Angefangen haben die Betrügereien gemäss Staatsanwaltschaft im Frühling 2007. Während rund zehn Jahren soll der Angeklagte seinen Geschwistern über 2,3 Millionen Franken abgeknöpft haben. Das, indem er angab, das Geld in Anlagen zu investieren. Aufgrund seiner Position als Kaderbanker vertrauten ihm die Geschwister. Statt in Anlagen soll das Geld aber jeweils direkt auf das Konto des Beschuldigten geflossen sein. Die Geschwister haben für die Investitionen teilweise das gesamte Familienvermögen aufgebraucht.

Der Beschuldigte soll sich mit diesem Geld unter anderem Wohnungen, seine gesamte Hochzeit inklusive Limousinendienst, Luxusautos, Ferien in einem Luxusresort und einen Diamantring im Wert von 40'000 Franken geleistet haben.

Ausserdem habe der Angeklagte mit dem Geld seiner zwei Geschwister zwei historische Militärflugzeuge in Deutschland gekauft – die beiden wussten zwar von den Flugzeugen, glaubten aber wiederum an eine Investition, die sich auszahlen würde und vertrauten ihrem Bruder aufgrund seiner Position als Militäroffizier.

Es kommen weitere Vorwürfe zu Betrügereien seiner gegründeten Immobilienfirma hinzu, mit der er Steuern hinterzogen und Bilanzen gefälscht haben soll. Ihm wird auch vorgeworfen, eine Grossbank um einen Kredit betrogen zu haben, indem er falsche Vermögensverhältnisse angab. Und er soll über Monate Arbeitslosengeld bezogen haben, obwohl er längst wieder eine Anstellung hatte. Auch noch während gegen ihn ermittelt wurde, soll er zwischen 2018 und 2019 seine Betrügereien fortgesetzt haben.

Zusätzlich soll das leitende Adullam-Mitglied einem Mann aus der Gemeinschaft über 375'000 Franken abgeknöpft haben. Dies unter dem Vorwand, in die Gemeinschaft und ins Adullam zu investieren. Dieses Geld soll der Angeklagte aber unter anderem für einen Luxus-Flügel und ein vergoldetes Cello ausgegeben haben.

Acht Jahre Gefängnis gefordert

Im Juni 2019 wurde der Beschuldigte verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Seit Dezember 2019 befindet sich der 44-Jährige im vorzeitigen Strafvollzug, wie die Verteidigung bestätigt. Die Staatsanwaltschaft fordert vor dem St.Galler Kreisgericht, den Beschuldigten zu acht Jahren Gefängnis zu verurteilen – unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Ausserdem soll er ein Berufsverbot bekommen und eine Busse von 1000 Franken zahlen. Das Geld auf seinen einzelnen Konten sei den Geschädigten zu überweisen – die Verfahrenskosten von über 30'000 Franken soll zudem der Angeklagte zahlen.

Verschiedene Vermögenswerte wie Liegenschaften, Flugzeuge und Instrumente seien bereits verkauft worden – die Geschädigten haben ihre Anteile teilweise zurückerhalten, heisst es in der Anklageschrift. Welche Forderungen die Verteidigung stellt, wird auf Anfrage nicht bekanntgegeben.

Trotz der vielen Vorwürfe und der Anklage geniesst der 44-Jährige weiterhin den Rückhalt der Glaubensgemeinde Adullam. Auf Anfrage sagt Sprecher Roger Bachmann, dass der Angeklagte aktuell immer noch aktiv im Ältestenrat dabei sei. Darüber, dass er im vorzeitigen Strafvollzug sitzt, verliert Bachmann kein Wort.

Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

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