Abstimmungen
Spital Wattwil: Warum Gesundheitsversorgung nicht kostendeckend sein kann

Eine Gruppierung im Toggenburg tätiger Ärzte gelangt vor der Spital-Abstimmung mit einer Stellungnahme an die Bevölkerung. Ihre Hauptaussage: Medizinische Grundversorgung und Gewinnorientierung widersprechen sich.

Sabine Camedda
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Die Zukunft des Spitals Wattwil ist offen: Am 13. Juni wird abgestimmt, ob die Bauarbeiten zu Ende geführt werden müssen oder nicht.

Die Zukunft des Spitals Wattwil ist offen: Am 13. Juni wird abgestimmt, ob die Bauarbeiten zu Ende geführt werden müssen oder nicht.

Bild: Arthur Gamsa

Der Schlagabtausch zwischen Gegnern und Befürwortern der kantonalen Spitalplanung dauert an. Im Vorfeld der Abstimmungen vom 13. Juni, in denen es um die Fortsetzung der Bautätigkeit im Spital Wattwil und um die Erhöhung des Eigenkapitals der Spitalregion geht, äussert sich eine Gruppierung von Toggenburger Ärztinnen und Ärzten. Ein Überblick über deren Argumente und Ansichten.

Sondersituation Toggenburg: Abgelegen von Hauptverkehrsachsen und Spitälern

Ein Spitalbetrieb stelle eine unabdingbare Basis für die medizinische Grundversorgung im Toggenburg dar. Das schreibt eine Gruppierung von Toggenburger Ärztinnen und Ärzten, die teils seit mehr als 20 Jahren in verschiedenen Bereichen der Medizin tätig sind, in einer Stellungnahme zu den Abstimmungsvorlagen vom 13. Juni. Die geografischen Eigenheiten des Toggenburg mit Streusiedlungen und Seitentälern würden weite Anfahrtswege bedeuten, was für Notfallsituationen, aber auch für Krankheiten mit notwendiger Spitalpflege sowohl für den betroffenen Patienten als auch für dessen Angehörige als zentrales Argument nicht einfach ignoriert werden dürfe.

Die Gruppierung

Die Gruppierung fordert in ihrer Stellungnahme klar ein Nein zur Spitalschliessung in Wattwil, obwohl diese nicht zur Abstimmung steht. Die Gruppierung besteht aus folgenden Ärztinnen und Ärzten: Silvia Güntert, Laurenz Gossweiler, Uwe Hauswirth, Marc Oliver Koch, Daniel Güntert, Dagmar Wemmer, Brigitte Lautenschlager, Michaela Signer, Jean Luc Meyer, Jürg Winnewisser.

Die Kantonsregierung und der Kantonsrat halten dem entgegen. Für die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung soll in der heutigen Spitalliegenschaft ein Gesundheits- und Notfallzentrum (GNZ) mit Labordiagnostik und Ultraschall eingerichtet werden. Dieses wird von der Spitalregion Fürstenland Toggenburg betrieben. Dazu wird das bereits bestehende Modell mit einer integrierten Notfallpraxis, die von den niedergelassenen Ärzten und den Spitalärzten gemeinsam betrieben wird, fortgeführt. Wenn es um Leib und Leben gehe, können die Ärzte auf der Notfallstation mit ihrer Einrichtung und ihrer Ausbildung alles Notwendige unternehmen, sagt Christof Geigerseder, ärztlicher Leiter Notfallmedizin der Spitalregion Fürstenland Toggenburg.

Ärztliche Versorgung: Im Zentrumsspital besser als im Regionalspital

Die medizinische Versorgung der Bevölkerung soll auch nach der Schliessung gewährleistet sein, sagt die Regierung.

Die medizinische Versorgung der Bevölkerung soll auch nach der Schliessung gewährleistet sein, sagt die Regierung.

Bild: Sabine Camedda

Es sei eine bewusst konstruierte Fehlinformation, dass die Versorgung in einem Zentrumsspital qualitativ besser sei als in einem Regionalspital, schreibt die Gruppierung der Ärztinnen und Ärzte weiter. Das Spezialwissen der Fachärzte hänge nicht davon ab, ob sie aktuell in einem Zentrumsspital oder in einem Regionalspital tätig seien. Es hänge davon ab, wo sie sich vorher ihre Ausbildung angeeignet und ihre Erfahrungen gesammelt hätten. Die praktische Erfahrung mache es aus, die eigenen Grenzen zu erkennen und den richtigen Zeitpunkt zu wählen, wo weitere Hilfe beigezogen werden müsse.

Zur Qualität äussern sich weder die Regierung noch der Kantonsrat oder die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte im Toggenburg (NÄT). Fakt ist, dass bereits jetzt Personen, die einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten haben, direkt in ein Spital eingeliefert werden, das auf solche Krankheiten spezialisiert ist. Wird die Rettung zu einem Patienten gerufen oder kommt ein Patient ins GNZ in Wattwil, für dessen Behandlung eine besondere Infrastruktur nötig ist, wird diese Person in ein dafür eingerichtetes Spital gefahren.

Spital als Renditeobjekt: Kredit, um die laufenden Kosten zu decken

Die Gruppierung hält fest, dass sich die Bevölkerung 2014 für ein «vollwertiges» Spital ausgesprochen habe, in welchem 7000 Spitaleintritte pro Jahr (rechnerische ökonomische Mindestgrösse für ein Spital) zu erwarten wären. Weil der Kanton das Spital absichtlich habe ausbluten lassen, werde dieser Wert nicht erreicht. 5000 Spitaleintritte jährlich wären realistisch, dafür brauche es aber Subventionen und in erster Linie einen politischen Willen. Auch ein grosses Zentrumsspital benötige öffentliche Gelder, denn Spitäler seien Subventionsbetriebe und keine Renditeobjekte, wie dies von namhaften Gesundheitsökonomen fälschlicherweise gefordert werde.

Wie die Regierung in den Unterlagen zu den kantonalen Vorlagen schreibt, sehen sich viele Spitäler mit Defiziten konfrontiert und müssen ihre Strukturen hinterfragen und optimieren. Die Reduktion der Spitalstandorte helfe, den ordentlichen Betrieb an den kleinen Spitälern sicherzustellen. Seit drei Jahren schreiben die Spitalverbunde im Kanton rote Zahlen, auch für 2021 ist ein Defizit budgetiert. Der Kanton musste ein Darlehen von 9,7 Millionen Franken leisten, damit die Spitalregion Fürstenland Toggenburg den laufenden Verpflichtungen nachkommen konnte. Ausserdem stimmt das Volk jetzt über einen Kredit von 30 Millionen Franken ab, mit denen das Eigenkapital der Spitalregion Fürstenland Toggenburg erhöht werden soll.

Nachwuchs gefährdet: Viele Hausärzte arbeiteten im Spital Wattwil

Schon jetzt ist das Toggenburg medizinisch unterversorgt, und durch die geplanten Einschnitte werde sich diese Abwärtsspirale weiter fortsetzen, befürchtet die Gruppierung. In eine solche Situation würden sich kaum junge Hausarztnachfolger begeben. Bisher habe die Hälfte des Nachwuchses aus dem Spital Wattwil rekrutiert werden können.

Dieses Argument lässt Daniel Nützi, Hausarzt in Lichtensteig, nicht gelten. Ein guter Kontakt zwischen den Assistenzärzten im GNZ und den niedergelassenen Ärzten im GNZ sei wichtig und wertvoll. Im GNZ würden junge Ärzte an ihrer Spezialisierung auf Notfall- oder Hausarztmedizin arbeiten. Die Hoffnung, dass einige von ihnen als Hausärzte im Toggenburg bleiben, sei nicht unberechtigt.